Arbeitgeber Bundeswehr: Jetzt geht es um die besten Köpfe Deutschlands

Junge Leute zieht es nach wie vor zur Bundeswehr. Auch die Zahl der Migranten ist steigend. Dennoch steht sie nach Ansicht von Dr. Ferdi Akaltin, Oberst im Generalstab (i.G.), derzeit vor wesentlichen Herausforderung: Sie muss sich als attraktiver Arbeitgeber am freien Markt im Kampf um die qualifiziertesten Bewerber präsentieren. Im Gespräch erläutert er seinen eigenen Werdegang. Er analysiert, woran es etwa in der deutsch-türkischen Community heute noch „haken“ könnte und was dagegen unternommen werden muss.

Deutsch Türkische Nachrichten: Herr Dr. Akaltin, Sie sind derzeit Deutschlands ranghöchster Offizier in der Bundeswehr mit Migrationshintergrund. Gelten Sie damit in Ihren Reihen als Exot?

Ferdi Akaltin: Das ist natürlich eine reine Vermutung. Ich kenne nicht alle 185.000 Soldaten der Bundeswehr. Ich weiß zum Beispiel, dass mein vorgesetzter General im Kommando Heer eine belgische Mutter hat. Folge dem ist er auch ein Offizier mit Migrationshintergrund. Und der ist sogar General. Wenn wir mit Migrationshintergrund die klassischen Migrationsländer wie die Türkei oder andere Länder, die nicht unmittelbar zur Nachbarschaft der Bundesrepublik gehören meinen, dann trifft das sicherlich zu. Möglicherweise bin ich also der ranghöchste Offizier mit türkischem Migrationshintergrund. Ein Exot ist man deswegen aber noch lange nicht. Denn ich habe in meiner militärischen Laufbahn die Erfahrung gemacht, dass meine Herkunft in der Bundeswehr bislang kaum Aufsehen erregt hat.

Deutsch Türkische Nachrichten: Das heißt, das ist in ihrem Alltag überhaupt kein Thema?

Ferdi Akaltin: Nein, überhaupt nicht. Das war es auch nie. Wenn ich mich so zurück erinnere, hat mal der ein oder andere nachgefragt, woher der Name stammt und wie es dazu kommt, dass meine Wurzeln zur Hälfte türkisch sind. Aber, dass das irgendwie besonders unterstrichen wurde, kann ich nicht sagen. Ich bin jetzt 28 Jahre Soldat.

Bei meiner Bewerbung bei der Bundeswehr, dem geht ja ein relativ langer Einstellungsweg voraus, gab es in den Bewerbungsunterlagen die Frage: „Hatten Sie vor der deutschen schon einmal eine andere Staatsangehörigkeit?“ In der Tat: Bis zu meinem zehnten Lebensjahr war ich türkischer Staatsbürger, weil das damalige Staatsbürgerschaftsrecht vorsah, dass man als Kind automatisch die Staatsbürgerschaft des Vaters hat. Erst ab Mitte der 70er Jahre gab es die Möglichkeit, dass Eltern mit unterschiedlicher nationaler oder ethnischer Herkunft durch eine sogenannte „Erklärung“ die Änderung der Staatsbürgerschaft ihrer Kinder erwirken konnten. Damals haben sich meine Eltern aus ganz pragmatischen Gründen dazu entschieden, ihre beiden Kinder zu deutschen Staatsbürgern zu machen. Man stelle sich vor, meine beiden Eltern wären tödlich verunglückt, dann gäbe es da zwei Kinder mit türkischem Pass. Im Zweifelsfall hätten die in die Türkei gehen müssen. Um sicherzustellen, dass wir in die Obhut unserer deutschen Großeltern gekommen wären, haben sie sich zu diesem Schritt entschieden.

Deutsch Türkische Nachrichten: Wie haben Sie in diesen fast 30 Jahren ihren Arbeitgeber demnach in Sachen Glaubenstoleranz erlebt?

Ferdi Akaltin: Das kann ich für mich selbst nicht beurteilen, da ich nie von solchen Fragen betroffen war. Ich erinnere mich aber, dass wir 1998 einen Offizier jüdischer Religion bei mir im Generalstabslehrgang hatten. Da wurde immer darauf geachtet, dass er zum Beispiel sein richtiges Essen bekam und die Ruhezeiten zum Sabbat einhalten konnte. Das wurde alles ermöglicht.

„Ich wollte nie etwas anderes werden als Soldat sein“

Deutsch Türkische Nachrichten: Wie sind Sie eigentlich zu dieser Laufbahn gekommen?

Ferdi Akaltin: Das liegt wiederum an meinen türkischen Wurzeln. Mein Vater war Reserveoffizier und mein Großvater Berufsoffizier in der türkischen Armee. Das hatte schon eine prägende Wirkung, besonders während unserer Urlaubsreisen in die Türkei. Jedes Jahr waren wir für sechs Wochen dort, wie so viele Familien. Mein familiäres Umfeld war seinerzeit sehr vom Militär gekennzeichnet. Auch die Onkel waren entweder aktive oder pensionierte Offiziere. Es wurde viel über das Militär gesprochen, Anekdoten und Geschichten erzählt. Das hat bei dem kleinen Ferdi schon einen Eindruck hinterlassen. Eigentlich wollte ich nie etwas anderes werden als Soldat.

Deutsch Türkische Nachrichten: Gleich nach dem Abitur haben Sie also den klassischen Weg eingeschlagen.

Ferdi Akaltin: Ja. Die Bewerbung war natürlich wesentlich früher. Zum Zeitpunkt der Bewerbung war ich noch 17. Da brauchte ich noch die Genehmigung der Eltern, um mich für den Dienst als Offiziersanwärter in der Bundeswehr bewerben zu dürfen. Wenige Wochen nach dem Abitur habe ich dann meinen Dienst bei der Bundeswehr angetreten.

Deutsch Türkische Nachrichten: Haben Sie dort auch studiert?

Ferdi Akaltin: Ich bin da laufbahntechnisch etwas anders gelaufen als andere Offiziere oder Sodaten. Zunächst habe ich meine Ausbildung zum Offizier absolviert. Diese dauert knapp drei Jahre. Auf dem Weg dahin, war ich unter anderem in Hannover auf der Offiziersschule. Dort fiel meinen Ausbildern mein besonderes Interesse für die Geschichte auf, sodass man mich gefragt hat, ob ich statt des üblichen Wegs – nämlich in Hamburg oder München an einer Bundeswehr-Universität – nicht lieber an eine freie Uni gehen und dort Geschichte studieren möchte. Auch als Offizier. Der Grund: Dieser Studiengang wurde damals noch nicht von den Bundeswehruniversitäten angeboten. Dieses Angebot habe ich natürlich angenommen und später in Freiburg Geschichte und Jura studiert.

Die Zahl der Soldaten mit Migrationshintergrund ist steigend

Deutsch Türkische Nachrichten: Wie viele Deutsch-Türken gibt es momentan eigentlich in der Bundeswehr, insbesondere in den höheren Dienstgraden?

Ferdi Akaltin: Generell ist die Zahl der Soldaten mit Migrationshintergrund in der Bundeswehr steigend. Sogar stark steigend – möchte ich vermuten. Der Zuspruch liegt an mehreren Faktoren, z.B. der sehr guten Ausbildung, am sicheren Arbeitsplatz und natürlich an der angemessenen Bezahlung. Natürlich haben junge Leute heute gewisse Ansprüche an ihren Beruf, sie möchten z.B. viel mit Technik zu tun haben, sie möchten interessante, abwechslungsreiche Dinge machen. Es gibt, glaube ich, keinen abwechslungsreicheren Beruf als den Dienst in der Bundeswehr.

Hinzu kommt, dass sich vor dem Hintergrund der geringen Geburtenrate in Deutschland das Verhältnis von Menschen mit Migrationshintergrund zu Menschen ohne Migrationshintergrund mit relativ hoher Geschwindigkeit verschiebt.

Allerdings gibt es auch bremsende Faktoren für diese Entwicklung.

Einer davon ist, dass die Bundeswehr sehr hohe Eingangsvoraussetzungen hat. Vor dem Hintergrund der immer noch hohen Bewerberzahlen hat man im Grunde nur eine Chance – egal in welchem Bereich – wenn man einen ordentlichen Abschluss hat. Sei es in der Berufsausbildung oder an der Schule. Das stellt im Grunde auch die größte Hürde dar. Denn das Interesse, das sehe ich immer, wenn ich vom Dienst komme und in Uniform in Kreuzberg oder Neukölln einkaufen gehe, ist da. Ich werde angesprochen, wie spannend das wäre und wie man denn Soldat bei der Bundeswehr werden könne. Wenn ich dann sage, dass man sich mit einem Abiturschnitt unterhalb von 2,5 gar nicht mehr als Offizier bewerben brauche oder relativ schlechte Chancen habe eingeladen zu werden, dann ist die Enttäuschung oft groß.

Nun will nicht gleich jeder Offizier werden, sondern vielleicht nur zwei oder drei Jahre als Mannschaftsdienstgrad oder vier bis acht Jahre als Unteroffizier in die Armee hinein schnuppern. Aber auch da muss man schon einen guten Schulabschluss haben und nach Möglichkeit auch eine Ausbildung. Das ist ein großes Hemmnis, gerade für viele Deutsch-Türken.

Deutsch Türkische Nachrichten: Offenbar ist ein Werdegang, wie Sie ihn absolviert haben, innerhalb der oberen fünf Prozent deutsch-türkischen Community noch nicht sehr beliebt. Woran liegt das?

Ferdi Akaltin: Das sind Leute aus sehr gut situierten Familien. Zum einen besteht hier die Erwartung, dass die Kinder in die Fußstapfen der Eltern treten. Da haben die Familie und der Wunsch der Familie eine viel größere Bedeutung als in Deutschland. Meine große Tochter hat mich nicht einmal gefragt, was sie werden soll. Sie hat selbst entschieden. Hier sind türkische Familien nach meiner Wahrnehmung viel traditioneller. Wenn man dort in einem Geschäftsbereich tätig und erfolgreich ist, dann möchte man so etwas an die Kinder weitergeben. Die sind entsprechend sozialisiert.

Hinzu kommt, dass der Dienst in Streitkräften wirtschaftlich nicht so lukrativ ist für Leute, die wirklich viel Geld haben. Das ist dann ein echter Neigungsberuf. Man verdient gut bei der Bundeswehr, wie überhaupt im öffentlichen Dienst. Aber man kann damit natürlich kein Vermögen anhäufen und Millionär werden. Das ist begrenzt. Man hat Besoldungsstufen und kann die nächste durch Leistung schneller erreichen, aber diese Möglichkeit ist endlich. Wir haben also ein Spannungsfeld zwischen der Erwartungshaltung der Familie: Du musst in die Fußstapfen des Vaters treten. Du musst erfolgreich sein und der Erfolg, der misst sich am wirtschaftlichen Erfolg. Das ist stärker ausgeprägt in Familien, die eher traditioneller, konservativer sind. Das trifft auf die Türken in unserer Gesellschaft in stärkerem Maße zu, als etwa auf eine durchschnittliche deutsche Familie. Ich glaube, dass diese Form der Erziehung auch auf die Kinder einwirkt und sie dann sagen: Na klar, will ich mal einen Porsche fahren und ein tolles Haus, vielleicht sogar noch eine Yacht haben. Das erreiche ich nicht, wenn ich in den Staatsdienst gehe.

In wohlhabenden türkischen Kreisen steht wirtschaftlicher Erfolg vor persönlichen Interessen

Deutsch Türkische Nachrichten: Das hört sich im Umkehrschluss so an, als würde gerade für diese jungen Leute das Angebot der Bundeswehr nicht verlockend genug dargestellt.

Ferdi Akaltin: Das ist eine Frage der persönlichen Lebensplanung. Das Problem wird sich auf der Zeitachse erledigen. In dem Moment, in dem jemand den starken Wunsch hat: ‚Ich möchte etwas machen, was mich interessiert, an dem ich Freude habe.‘ und den Soldatenberuf interessant findet, der wird das in einigen Jahren, wenn sich die Lebensverhältnisse noch weiter angeglichen haben, machen.

Andersherum muss man das gar nicht an den Menschen mit Migrationshintergrund festmachen. Ich glaube auch nicht, dass es allzu viele Kinder von deutschen Millionären gibt, die bei der Bundeswehr einsteigen, um dort Offizier zu werden. Dazu habe ich natürlich keine Statistik. Aber diese Prägung auf den wirtschaftlichen Erfolg ist sicher auch hier viel stärker als alles andere. In Großbritannien finden wir das Gegenbeispiel. In einem Land, in dem auch die Angehörigen der königlichen Familie Soldaten werden und an Auslandseinsätzen teilnehmen, gibt es viele traditionelle, alteingesessene Familien, von denen immer ein oder zwei Söhne Offiziere in besonders angesehenen Regimentern werden. Die damit verbundene gesellschaftliche Anerkennung ist diesen Leuten viel wichtiger als etwa in Deutschland. Das ist mit Geld nicht mehr auszugleichen.

Deutsch Türkische Nachrichten: Um den Bogen hier wieder nach Deutschland zu schlagen. Bereits 2011 haben Sie gesagt: „Ich persönlich bedauere die Aussetzung der Wehrpflicht. Ich persönlich halte das für einen schweren Fehler.“ Sehen Sie das nach wie vor so?

Ferdi Akaltin: Natürlich habe ich auch damals eingeräumt, dass mit dem finanziellen Rahmen, den die Bundeswehr hatte und hat, die Erfüllung der Aufgaben der Bundeswehr und die Beibehaltung der Wehrpflicht zusammen nicht möglich sind. Wenn wir jetzt anerkennen, dass es definitiv nicht mehr Geld für den Verteidigungsetat geben wird, dann musste man eine Entscheidung treffen. Entweder die Bündnisverpflichtungen und die allgemeinen Aufgaben, die die Bundeswehr hat, nicht in vollem Umfang zu erfüllen – das bringt unweigerlich Kritik von unseren Verbündeten – oder die Wehrpflicht beizubehalten. Beides ging nicht.

Zudem gab es Hinweise, dass das Bundesverfassungsgericht die Wehrpflicht in der bestehenden Form nicht mehr lange stützen würde.

Wenn ich allerdings die finanziellen und rechtlichen Aspekte ausblende und frage: ‚Was für eine Bedeutung hatte die Wehrpflicht für unsere Gesellschaft?‘ Dann stelle ich für die Wehrpflicht das fest, was auch für andere gesellschaftliche Dienste zutrifft: Wenn sich junge Menschen für einen begrenzten Zeitraum in unser Gemeinwesen einbringen müssen, sei es als Wehrpflichtige oder als Ersatzdienstleistende, dann schaffe ich ein Band zwischen Staat und Staatsbürger, dass es ohne verpflichtende Gemeinschaftsdienste zukünftig nicht mehr geben wird. Ich persönlich denke, man hätte Zeit und Raum für eine breite gesellschaftliche Debatte lassen müssen. Aber die gleichen Menschen, die uns jahrzehntelang verpflichtet haben, das Rational der Wehrpflicht zu verteidigen, haben diese Wehrpflicht aus meiner persönlichen Sicht erst in unsinniger Weise verkürzt und sie dann mit einem Federstrich abgeschafft. Das habe ich als Staatsbürger in Uniform stets sachlichkritisiert. Eine Debatte über diese Fragen und eine ergebnisoffene Prüfung von Alternativen, etwa eine allgemeine Dienstpflicht für Männer und Frauen, hätte ich mir damals gewünscht.

Die Bundeswehr muss sich am freien Markt präsentieren

Neben der gesellschaftspolitischen Bedeutung der Wehrpflicht sind ihre Vorteile bei der Nachwuchsgewinnung nicht von der Hand zu weisen. Sehr viele Freiwillige hat die Bundeswehr in der Vergangenheit aus den Reihen der Wehrpflichtigen gewonnen. Das ist jetzt nicht mehr möglich.

Jetzt ist die Bundeswehr ein Arbeitgeber, der sich irgendwie am freien Markt präsentieren und junge Menschen, die nie etwas mit der Bundeswehr zu tun hatten, davon überzeugen muss, dass sie zu ihm kommen. Dieses Problem wird sich in der Zukunft vermutlich noch verschärfen. Spätestens dann, wenn demographische Entwicklung und robuste Wirtschaft zu einer Verknappung von Arbeitskräften führen.

Im Augenblick kommt diese Entwicklung noch nicht voll zum Tragen und die Nachwuchslage ist nicht schlecht. Diese Aussage kann ich natürlich nur für das Heer treffen. Das Heer ist derzeit sehr gut aufgestellt und erhält den Nachwuchs den es braucht. Sprich, am schwierigen Arbeitsumfeld, an den Auslandseinsätzen, an der harten Ausbildung etc. kann es nicht liegen. Das kommt bei den jungen Leuten an.

Deutsch Türkische Nachrichten: Außer bei der Marine. Da ist die Lage alles andere als günstig.

Ferdi Akaltin: Ich kann nicht für die Marine sprechen, da ich lediglich die Umstände des Heeres kenne. Wenn sie beim Heer sind, dann wissen sie z.B., dass sie alle zwei Jahre in den Einsatz gehen. Das ist etwas, das als interessante Herausforderung zur Persönlichkeitsbildung auch gerne angenommen wird. Das machen gerade die jungen Soldaten gerne.

Deutsch Türkische Nachrichten: Sie haben damals aus persönlicher Warte heraus prognostiziert, dass man mit der Aussetzung der Wehrpflicht auch ein Stück von der Mitte der Gesellschaft wegrücke. Ist das Ihres Erachtens eingetreten?

Ferdi Akaltin: Es ist viel zu früh, dies abschließend zu bewerten. Im Hintergrund dieser These steht die Feststellung, dass jede Mutter, die einen Sohn hat, der Soldat wird sofort und automatisch Anteil an der Bundeswehr nimmt, ebenso an Sicherheits-, Verteidigungs- und Außenpolitik. Sie hört, irgendwo ist eine Krise und es wird darüber beraten. Sie hat sofort das Bild ihres Sohnes oder ihrer Tochter im Kopf, die bei der Bundeswehr sind. Damit ist sie umgehend beteiligt – und interessiert. In Zeiten der allgemeinen Wehrpflicht traf diese Feststellung auf viele Tausend Mütter und Väter zu.

Der Kampf um die besten Köpfe Deutschlands hat begonnen

Wenn sie aber 20 oder 30 Jahre nach vorne blicken, dann wird die Situation vermutlich eine andere sein. Die Bundeswehr braucht jedes Jahr um die 14.000 neue Soldaten. Auf 20 Jahre hochrechnet sind es also etwa 560.000 Menschen, die Kinder bei der Bundeswehr haben. Das ist dann ein verschwindend geringer Anteil der Gesamtbevölkerung gemessen an den Zeiten, als die Bundeswehr Jahr für Jahr mehr als 300.000 Wehrpflichtige eingezogen hat. Ich merke jetzt schon in Diskussionen, wenn es um Einsätze, Verluste etc. geht, dass der ein oder andere, der mit der Bundeswehr keinerlei Berührungspunkte hat, sagt: „Dafür werden die doch bezahlt. Das haben die sich doch ausgesucht.“ Eine solche Einstellung gefährdet die Solidarität der Gesellschaft mit ihren Soldaten. Die Bundeswehr nahm und nimmt für sich in Anspruch, dass sie aus der Tradition der preußischen Reformen erwachsen ist. Da galt der Satz: ‚Der Bürger ist ein geborener Verteidiger seines Staates.‘ Von diesem Grundsatz haben wir uns einfach verabschiedet. Das wurde wegdelegiert. Man könnte jetzt noch semantisch streiten und sagen, die Wehrpflicht wurde nur ausgesetzt. Aber wenn wir realistisch sind: Ich persönlich kann mir keinen Politiker in Deutschland vorstellen, der die Aussetzung der Wehrpflicht rückgängig machen würde.

Deutsch Türkische Nachrichten: Wo und mit welchen Maßnahmen gilt es Ihrer Meinung nach nun anzusetzen, um eine Karriere bei der Bundeswehr attraktiver zu machen?

Ferdi Akaltin: Mit der Art der Frage kann ich mich nicht anfreunden. Denn – nach meiner Bewertung – ist der Dienst in der Bundeswehr sehr attraktiv. Das sieht man schon daran, dass wir für eine Stelle als Offizier bei der Bundeswehr sechs Bewerber haben. Auch für alle anderen Dienstposten, die wir zu vergeben haben, können wir uns aus 2,5 bis 3 Bewerbern einen aussuchen. Es gibt also weit mehr Interessenten für den Dienst in der Bundeswehr, als diese Stellen anzubieten hat. Nach meiner Meinung geht es also nicht darum, die Bundeswehr attraktiver zu machen, sondern sie auch in Zukunft attraktiv zu halten.

Vor dem Hintergrund der zunehmenden Konkurrenz gilt es, sie auch auf dem Arbeitsmarkt attraktiv zu präsentieren. Denn hier entwickelt sich einiges. Die Konkurrenz schläft nicht. Da gibt es andere Arbeitszeitmodelle, andere Vergütungsmodelle, Flexibilität, andere Möglichkeiten der Kinderbetreuung. Das sind alles Dinge, die die Bundeswehr entweder schon hat oder noch weiterentwickeln sollte. Zurzeit haben wir unsere Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen mit umfangreicher Berichterstattung in der Presse. Die Bundeswehr ist hier also am Puls der Zeit und wird mit Sicherheit flexibel auf die Herausforderungen der Zukunft reagieren. Ich bin davon überzeugt, dass wir dort relativ wenige Probleme haben werden.

Die Attraktivität der Bundeswehr dient nicht nur dazu die Zahl der Bewerber hoch zu halten. Wir haben auch eine Konkurrenz um die besten Köpfe. Wir wollen nicht „irgendwen“ haben. Wir wollen natürlich die „richtigen“ und die guten Leute haben, die auch gut zu unserem Anforderungsprofil passen. Das ist die eigentliche Herausforderung.

Deutsch Türkische Nachrichten: Wenn man diese qualifizierten Köpfe nicht bekommt, sollte man dann nicht auch intern ansetzen und weiterbilden?

Ferdi Akaltin: Ja, wenn wir in zehn, 15 Jahren vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung und einer robusten Wirtschaft tatsächlich in eine immer stärkere Konkurrenzsituation zur freien Wirtschaft geraten, müsste man sich bei einem Rückgang der Bewerberzahlen natürlich andere Strategien des Nachwuchsgewinnung überlegen. Aber das ist aus derzeitiger Sicht reine Spekulation.

Kleiner Steckbrief:

Oberst im Generalstab Dr. Ferdi Akaltin ist 1966 in Essen geboren und nach dem Abitur 1985 als Offiziersanwärter in die Bundeswehr eingetreten. Nach der Ausbildung zum Offizier der Panzertruppe hat er von 1990 bis 1996 in Freiburg i.Br. Geschichte und Jura studiert. Nach der Promotion zum Dr. phil. und eine Verwendung als Kompaniechef einer Panzerkompanie durchlief er die Generalstabsausbildung an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg sowie an der königlich dänischen Verteidigungsakademie in Kopenhagen. Nach verschiedenen Stabsverwendungen sowie als Bataillonskommandeur ist er derzeit als Referatsleiter im Kommando Heer für internationale Zusammenarbeit zuständig.

Mehr zum Thema:

Migranten bei der Bundeswehr: Karrieresprungbrett in Uniform – wenn auch mit Haken
Migranten bei der Bundeswehr: Alles ist möglich – außer dem Kopftuch
Deutsche Muslime fordern eigene Seelsorger in der Bundeswehr

 

 

Kommentare

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.