Erstes AKW in der Türkei: Start könnte sich um ein weiteres Jahr verzögern

Ein Umweltverträglichkeitsbericht für das erste türkische Atomkraftwerk in Akkuyu könnte nun für eine weitere, gut einjährige Verzögerung des gesamten Projektes sorgen. Die türkischen Behörden verlangen derzeit eine Wiedervorlage des Papiers. Bereits im Sommer 2013 gab es Schwierigkeiten.

Bereits im Oktober 2013 erklärte der CEO von Akkuyu NGS, dass das AKW erst Mitte 2020 in Betrieb gehen werde. Schon damals wurde also von einer Verzögerung von gut 18 Monaten ausgegangen. Nun sieht es aber ganz danach aus, dass selbst diese Schätzung zu optimistisch war. Mittlerweile rechnet man mit einer weiteren Verzögerung von zehn bis zwölf Monaten.

„Wenn man sich das aktuelle Bild betrachtet, dann stehen die Chancen gut, dass, aus welchen Gründen auch immer, es zu einer weiteren Verzögerung von zehn Monaten kommt. Sowohl das Energieministerium und Akkuyu NGS arbeiten daran, dies zu verhindern“, zitiert die türkische Zeitung Hürriyet einen Informanten aus dem Energiesektor.

Der russische Rosatom-Konzern, der bereits 2010 den Zuschlag für den Bau und den Betrieb des ersten Atomkraftwerks in der Türkei erhalten hat, investiert rund 20 Milliarden US-Dollar in das AKW in der türkischen Provinz Mersin. Ausgestattet wird die Anlage mit vier Reaktoren. Die Leistung soll 4.800 Megawatt (MW) betragen. Das durchführende Unternehmen Akkuyu NGS hat am 9. Juli den benötigten Umweltbericht an das türkische Umweltministerium zur Prüfung übermittelt. Das hiesige Umwelt- und Stadtplanungs-Ministerium hat diesen aber unter Berufung auf Mängel in Form und Inhalt abgelehnt.

„Mitte 2020 ist noch sehr schnell“, sagt auch Aaronn Stein vom Royal United Services Institute. Um einen Reaktor auf Kurs zu bringen, sollte sich jeder mit der gleichen Geschwindigkeit bewegen. Diese Verzögerungen seien ein Zeichen von Desorganisation.

Ohne Bericht dürfen Bauarbeiten nicht beginnen

Der Umweltverträglichkeitsbericht gilt als einer der wichtigsten Punkte, um überhaupt mit dem Bau des Atomkraftwerks beginnen zu können. Er umfasst insgesamt 3000 Seiten, aufgeteilt in zwölf Abschnitte. Enthalten sind die Ergebnisse der wissenschaftlichen Beobachtungen und detaillierte Forschungen über jeden Aspekt des geplanten Kraftwerks. Dieser war jedoch innerhalb von nur sechs Tagen vom Ministerium abgelehnt worden, ohne dass er überhaupt an die Prüfungskommission gesendet wurde.

Die Crux: Ohne diesen Bericht dürfen die Bauarbeiten nicht starten (mehr hier). Erst nach seiner Genehmigung kann Atomstroyexport, der von Rosatom eingesetzte Hauptauftragnehmer für den Reaktorbau, mit weiteren Ausschreibungen von Unteraufträgen im Wert von 7,5 bis acht Milliarden US-Dollar beginnen und die Bauarbeiten Anfang 2016 in Angriff nehmen. „Wir planen den überarbeiteten Bericht bis Ende des Monats vorzulegen und erwarten eine positive Entscheidung bis April“, so Akkuyu CEO Alexander Superfin.

TAEK will neue Ausschreibung für Prüf-Unternehmen starten

Der türkischen Zeitung zufolge hänge es derzeit vor allem daran, dass es in der Türkei schlicht an einem geeigneten Unternehmen mangle, das die Pläne von Rosatom auch sachgerecht überprüfen und sicherstellen könne, dass diese auch den Sicherheitsstandards entsprächen. Eine entsprechende Ausschreibung der türkischen Atomenergiebehörde (TAEK) sei bereits drei Mal gescheitert, nachdem des den Bietern nicht gelungen sei, die Vor- Qualifikationskriterien zu erfüllen. Nun soll es Modifikationen gegeben haben, um das Verfahren zu erleichtern. Eine neue Ausschreibung soll in Kürze starten. Details hierzu sind bisher aber nicht bekannt.

Trotz lautstarker nationaler wie internationaler Kritik hält die Türkei an ihrem Atomkurs fest. Neben der Anlage in der Provinz Mersin ist bereits ein zweites AKW in der Schwarzmeer-Provinz Sinop in der konkreteren Planung. Der Zuschlag für die Anlage mit einer Gesamtkapazität von 4.800 Megawatt ging hier an eine japanisch-französische Allianz bestehend aus Mitsubishi Heavy Industries und der französischen Firma Areva (mehr hier).

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