Demokratie in der Türkei: Das Doppelspiel des Industrieverbands TÜSIAD

Die Mitglieder des türkischen Wirtschaftsverbands TÜSIAD sind offene Erdoğan-Gegner. Doch ihre Beweggründe sind wirtschaftlicher Natur. Sie fürchten um ihre Privilegien in der Türkei.

In den vergangenen Monaten hat sich der größte türkische Industriellenverband TÜSIAD als Verfechter von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit hervorgetan. Doch der Verband der reichsten Familien der Türkei hat sich seit seiner Gründung im Jahr 1971 immer auf die Seite des „Stärkeren“ gestellt.

So gehörte TÜSIAD zu den Unterstützern des Putsches im Jahr 1980. Auch der Putsch-Versuch im Jahr 1997 wurde massiv von TÜSIAD unterstützt, schreibt der Vatan-Journalist Hüseyin Yayman in einem Artikel. So habe sich der Verband immer wieder in das politische Geschehen eingemischt, um Regierungsbildungen zu beeinflussen.

Denn die steinreichen türkischen Industriellen-Familien vom Bosporus versuchen ihre Privilegien im Land beizubehalten. Im Jahr 2011 legte TÜSIAD der türkischen Regierung sogar einen ausgearbeiteten Vorschlag zur Verfassungs-Reform vor und forderte von ihr deren Umsetzung.

Zuvor sagte die TÜSIAD-Vorsitzende Arzuhan Yalçındağ im Jahr 2009, dass sie und die Verbandsmitglieder beunruhigt seien über die Zuschusspakete für Existenzgründer und Unternehmer in der Türkei. Es bestehe die Gefahr, dass die Zuschüsse den freien Wettbewerb stören, berichtet Milliyet.

Diese Worte hörten sich an wie blanker Hohn. Denn insbesondere die Sabancı-Gruppe und die Koç-Gruppe sind seit Gründung der Republik durch massive staatliche Bezuschussungen zu Großunternehmen herangewachsen – zum Nachteil anderer Unternehmer im Land. Sie haben von der Wettbewerbs-Verzerrung profitiert.

Nun geht offenbar wieder die Angst um am Bosporus. Seit den neunziger Jahren ist in Anatolien und in Istanbul eine neue Wirtschaftselite aufgekommen, die die Monopolstellung von TÜSIAD bedroht.

Das Drama der Binnenmigration

Die Kinder von anatolischen Migranten, deren Kopftuch tragende Mütter als Putzkräfte in den Villen der Istanbuler Elite arbeiteten, sind zu Geschäftsleuten geworden.

Sie fordern ihre Rechte ein und wollen teilhaben an der türkischen Wirtschaft. Sie teilen die Traditionen der anatolischen Landbevölkerung und sprechen ihre Sprache. Deshalb sind sie beliebt bei den Menschen. Premierminister Erdoğan ist ein Produkt dieser anatolischen Migrantenmilieus. Für diese Menschen verkörpert er Tradition, Stärke und Hoffnung.

Auf seinen Reden gibt es ein Slogan, das immer wieder von seinen Fans angestimmt wird:

„Bleib standhaft, beuge dich nicht! Dieses Volk ist mit Dir!“

Der Regierungskritiker und Journalist Bekir Coşkun hat hierzu eine soziologische Erklärung. Die hatte er 2012 auf einer Veranstaltung angebracht. Der Grundstein für die gesellschaftlichen Probleme der heutigen Türkei seien Mitte der achtziger Jahre gelegt worden.

„Eines Tages verbreiteten sich Fernsehgeräte unter den Menschen auf dem Land. Der Vater und die Mutter sehnten sich nach Wohlstand. Der Sohn und das Mädchen sehnten sich nach einer Jugend in Freiheit. Diese Eindrücke waren in den Städten zu finden – so die Vorstellung. Also machte sich die Familie auf, um sich in der Stadt eine neue Existenz aufzubauen. Sehr schnell erkannten sie, dass sie getäuscht wurden. In den Vorstädten begann ein Prozess der Enttäuschung und Wut. Und genau an dieser Stelle trat ein Imam in das Leben dieser Menschen.“

Dieser „Imam“ sei unwissend und ungebildet. Doch er habe die Fähigkeit mit seinem begrenzten Wissen, die Massen in Bewegung zu setzen. Der „Imam“ ist an dieser Stelle ein Synonym für diejenigen, die den Glauben für ihre persönlichen Zwecke nutzen und die Wut der Menschen kanalisieren.

Premier Erdoğan hat alle Stufen des Sozial-Dramas der Vorstadt miterlebt. Bei diesen Menschen sind die entwürdigenden Gefühle der Geringschätzung und Benachteiligung tief verwurzelt. Dagegen richtet sich ihre Wut.

Die Vorstädte haben sich längst erhoben. Die Türkei befindet sich vor einem großen Umbruch.

Bleibt zu hoffen, dass alte Schuld keine neue Schuld erzeugt.

Denn Wut ist ein schlechter Ratgeber.

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