Türkische Jugend: Mehr als ein Fünftel hat kein Interesse an Politik

Die gerade heranwachsende türkische Jugend ist offenbar eine eher „unpolitische“ Generation. In einer aktuellen Umfrage der Gewerkschaft Memur-Sen und des Instituts für Strategisches Denken (SED) gaben 21,5 Prozent an, dass sie glauben, ihre Altersgenossen hätten kein Interesse an politischen Vorgängen. Und das trotz der immensen Proteste im Sommer 2013. Insgesamt steht das Thema Familie weit vor beruflichen Ambitionen.

Die Befragten im Alter zwischen 15 und 35 Jahren waren der Meinung, dass die meisten jungen Menschen sich von den Problemen ihres Landes distanziert hätten und unpolitischer seien, als es etwa die Generationen der 1970er und 1980er Jahre gewesen wäre.

Dabei lässt das im November 2013 veröffentlichte Profil der Gezi Park Proteste einen ganz anderen Eindruck entstehen. Die türkischen Sicherheitsbehörden hatten zahlreiche Statistiken publiziert, die unter anderem Aufschluss über die Zusammensetzung der Demonstranten geben. Und die zeigen vor allem eines: Auf die Straße gingen in erster Linie junge, gut ausgebildete Leute (mehr hier).

Rund 3,6 Millionen Menschen nahmen während des Sommers an Demonstrationen teil. Die von der Polizei durchgeführte demographischen Analyse ergab, dass gut die Hälfte aller festgenommenen Demonstranten Frauen waren. Gut 15 Prozent hatten die Grund- bzw. eine weiterführende Schule besucht. Ein Viertel war auf dem Gymnasium. Mehr als die Hälfte von ihnen haben eine Hochschulbildung genossen: 25 Prozent von ihnen waren Universitätsabsolventen und 36 Prozent von ihnen studierten noch. Das Profil der jungen Demonstranten wurde auch durch die Polizeiakten bestätigt. 56 Prozent der Inhaftierten waren zwischen 18 und 25 Jahren und 26 Prozent von ihnen zwischen 26 und 30 Jahre alt. Nur ein Prozent sei über 40 Jahre alt gewesen.

Beobachter werten die Vorgänge damals als einen wichtigen Beweis für den demokratischen Willen der Türkei (mehr hier). Nur wenige Monate nach den Gezi-Park-Protesten hatte sich außerdem eine politische Partei formiert. Organisiert wird sie wie die Demonstrationen über das Internet (mehr hier). Die so genannte Gezi Partisi (GZP) hat sich vorgenommen, keine Leitfiguren herauszubilden, will aber durchaus Einfluss auf die neue türkische Verfassung nehmen. Angeführt wird sie von dem türkischen Metal-Musiker Reşit Cem Köksal.

Gezi Park Proteste haben Gesellschaft vorangebracht

Eine andere Einschätzung als die aktuell Befragten vertritt auch Jean-Maurice Ripert, Vorsitzender der Türkei-Delegation der Europäischen Union. Seiner Ansicht nach haben die teils heftigen Gezi-Park-Proteste in diesem Sommer zur Weiterentwicklung der türkischen Gesellschaft beigetragen. Die über viele Wochen andauernden Demonstrationen haben gezeigt, dass das Land über eine lebendige Zivilgesellschaft verfügt. Die Ereignisse werden zu ihrer Stärkung beitragen (mehr hier).

Auf die Frage hin, ob sie mit der Einführung von lokalen Sprachen neben Türkisch als Wahlfächer in den Schulen einverstanden wären, gaben 45 Prozent an, dass dies im Einklang mit dem Grundsatz der Gleichbehandlung aller Bürger stünde. 31 Prozent vertraten hingegen die Position, dass ein solcher Schritt das Land spalte.

Gefragt wurden die jungen Leute auch nach dem kurdischen Friedensprozess. Ganze 25 Prozent vertraten die Auffassung, dass das ein Schritt zum Ende des Blutvergießens wäre. 24 Prozent waren der Meinung, dass dieser Prozess eine Menge der türkischen Probleme lösen würde. Aber: „20 Prozent gaben an, dass sie keine Ahnung von diesem Thema hätten. Ein Prozent kommentierten das gar nicht“, berichtet die türkische Zeitung Hürriyet.

Job und Karrie kommt nach der Familie

Durchgeführt wurde die Umfrage in 26 türkischen Provinzen unter 3.250 Personen. Umgesehen hatten sich die Durchführenden der Zeitung zufolge vor allem in Sportvereinen. So seien 19,7 Prozent Mitglieder in solchen Vereinen gewesen. 17,5 Prozent seien Mitglieder von Studentenclubs und 14,1 Prozent sind Teil von islamischen Gemeinden und Stiftungen.

Im Vordergrund stand für die jungen Leute der Wunsch nach einem „glücklichen Familienleben“. Das gaben ganze 45 Prozent auf die entsprechende Frage an. 22 Prozent entschieden sich für einen „angesehenen Job“, 17 für eine „berufliche Karriere“ und sieben Prozent wollten schlicht „reich werden“.

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