Strom um jeden Preis? Türkischer Damm zerstört 12.000 Jahre alte Siedlung

Fertig werden soll der türkische Ilisu-Staudamm noch in diesem Jahr und dann fast zwei Prozent der Elektrizität des Landes zu erzeugen. Doch das Mega-Projekt hat auch immense Schattenseiten für Mensch und Umwelt. Frühere Zusicherungen der Regierung, nicht zu deren Lasten zu bauen, scheinen ein weiteres Mal in den Wind geschlagen.

Der Ilisu-Staudamm in der Türkei wird nicht nur den Strom für viele Haushalte des Landes liefern. Seine Existenz wird auch dazu führen, dass Dutzende Städte in den Fluten des Tigris versinken werden. Mittlerweile scheint die finale Umsetzung kaum mehr zu verhindern.

Unter den bedrohten Ortschaften befindet sich unter anderem auch die 12.000 Jahre alte antike Stadtfestung Hasankeyf in der türkischen Provinz Batman, so National Geographic. Der Damm drohe außerdem die mesopotamischen Sümpfe im Irak, rund 1.609 Kilometer stromabwärts, auszutrocknen. Sowohl das Leben von Mensch und Tier sei in dieser Region von der Sumpflandschaft abhängig.

Das 1,2 Milliarden-Euro teure Bauwerk ist Teil des türkischen Südostanatolien-Projekts (GAP). Im Rahmen dessen soll der Tigris kurz vor der Grenze zu Syrien und dem Irak im Südosten des Landes wie eine riesige Badewanne aufgestaut werden. Trotz zahlreicher Proteste hat die Türkei Anfang August 2006 mit dem Bau des Staudamms begonnen. Ein erster Anlauf war 2002 noch gescheitert. Zwar stoppten im Juli 2009 sowohl Deutschland als auch Österreich und die Schweiz ihre Exportrisikoversicherungen, weil die Auflagen für Umwelt- und Kulturgüterschutz nicht erfüllt worden waren. Doch die türkische Regierung ließ sich nicht beeirren, neue Kreditgeber wurden gefunden.

Bewohner von Hasankeyf werden nicht angemessen entschädigt

Nach bisherigem Stand wird Hasankeyf im Jahr 2016 zum größten Teil überflutet werden. Ebenso fatal wie der Verlust der historischen Stätte: Viele Bewohner der historischen Stadt können sich einen Umzug nach Yeni Hasankeyf jedoch nicht leisten. Viel zu niedrig sind die Entschädigungszahlungen der Regierung, die den Erwerb eines neuen Anwesens schier unmöglich machen.

Wie bedeutsam gerade Hasankeyf ist, stellte Grabungsleiter, Professor Olus Arik, schon 1998 heraus:

Die Gesetze verbieten – unter Strafandrohung im Falle einer Zuwiderhandlung – solche Kulturgüter zu zerstören. Das heißt: Wenn Ilısu gebaut wird, ist das einfach unehrlich. […] Hasankeyf ist die einzige anatolische Stadt aus dem Mittelalter, welche als Ganzes erhalten geblieben ist. Es gibt dort Ruinen verschiedenster Kulturen, Mausoleen, Minarette, Kirchen. Was sich genau darunter befindet, wissen wir nicht. Wir sollten aber wissen, was wir verlieren.

Wasserkraftwerke: Taner Yıldız gibt Schädigungen zu

Bereits Anfang 2013 hatte der türkische Energieminister Taner Yıldız eingeräumt, dass einige Wasserkraftwerke des Landes die hiesige Umwelt geschädigt haben. Vollends die Verantwortung dafür übernehmen, will die türkische Regierung aber offenbar nicht. Der Minister schob den schwarzen Peter den Vertragspartnern und ihrem „rüpelhaften Ansatz“ zu. Etwa zu jener Zeit, nämlich im Januar 2013, verhängte das Oberste Verwaltungsgericht des Landes dann aber doch einen Baustopp für den Ilisu-Staudamm aufgrund fehlender Umweltauflagen.

„Wir wollen keine Kraftwerke zu Lasten der Umwelt bauen. Wir wollen nicht an Projekten arbeiten, die sich gegen die Umwelt richten. Wir wollen mit der Umwelt arbeiten“, versuchte sich Yıldız auf der von der internationalen Denkfabrik SETA veranstalteten Konferenz „Regional and Global Energy Security: Turkey’s Role” jeglicher Verantwortung zu entziehen. Die türkische Energie und ihre natürlichen Ressourcen seien ihr Kapital. Das seien ihre historischen Anlagen. Welche Anlagen er konkret bedauere und welche Schäden er hier genau im Auge hatte – immerhin gab es bereits Tote (mehr hier), gab der Minister allerdings nicht preis. Gefruchtet haben seine Erkenntisse offenbar auch nicht.

Der Bau von Wasserkraftwerken stößt in der Türkei bereits seit langem auf Widerstand bei den betroffenen Einheimischen als auch bei internationalen Umweltschützern (mehr hier). Viele von ihnen wurden inzwischen trotz vehementen Protestes gebaut. In einigen Fällen kam es sogar zu unverhältnismäßiger Gewalt durch die türkische Polizei, was schließlich zu weiteren Kontroversen führte. Doch auch hier war Energieminister Yıldız nicht um eine Antwort verlegen. Er wünschte sich eine feine Unterscheidung zwischen Demonstranten und manipulativen Umweltschützern, die seiner Ansicht nach nur den Fortschritt der Türkei aufhalten möchten.

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