Feucht-fröhliche Fotos: Werden türkische Blogger und Social Media-User bald abgestraft?

Bald dürften es sich Internetnutzer in der Türkei wohl zweimal überlegen, ob sie Fotos posten, auf denen sie oder andere mit einem alkoholischen Getränk zu sehen sind. Das eigentlich harmlose zuprosten unter Freunden sollen jetzt mit empfindlichen Strafen geahndet werden.

Es ist noch nicht allzu lange her, dass in der Türkei eine umstrittene Alkohol-Gesetzgebung in Kraft trat, die nicht nur den Verkauf, sondern auch die Werbung für Alkohol samt Sponsoring kultureller Events massiv einschränkte. Nun ist die türkische Regierung offenbar so weit, dass sie auch Jagd auf jene machen will, die Bilder veröffentlichen, die auch nur den Eindruck von Werbung für Alkohol vermitteln könnten.

Der Grund liegt auf der Hand: Twitter, Facebook, Instagram und vor allem Blogs wurden seit in Kraft treten der gesetzlichen Einschränkungen zu einem regelrechten Zufluchtsort für Spirituosenhersteller. Dort konnten sie ihre Produkte weiterhin bewerben. Der türkischen Zeitung Hürriyet zufolge, will die türkische Tabak- und Alkoholmarktaufsichtsbehörde (TAPDK) nun sowohl User als auch Marken ins Visier nehmen, die Alkoholika mit ihren Posts bewerben. Im Gespräch seien wohl Geldbußen zwischen 5.000 und 200.000 Türkischen Lira.

Theoretisch können User, die Fotos auf Facebook, Twitter oder Instagram mit ihren Freunden teilen, nicht abgestraft werden. Selbst, wenn die Marken von alkoholischen Getränken sichtbar sind. Der Grund: Solche Fotos sind privat und entsprechend ohne Entlohnung. Anders verhält es sich da mit bezahlten Inhalten, etwa auf Blogs. Mittlerweile, so das Blatt, seien alkoholische Marken zu einem wichtigen Finanzierungsinstrument für Blogger geworden, die zwischen 10.000 und 15.000 türkische Lira für ihre Promotionaktivitäten kassieren. Getrickst würde auch mittels eigens erstellter Profile, die eigens zu Werbezwecken für Alkoholika aufgemacht wurden und entsprechenden Umsatz generieren würden. Einige haben Seiten wie „Das einzige, was man nach der Arbeit am Freitag zu tun hat“ oder „Wie man sich während der warmen Sommertage erfrischt“ locken jeden Tag Tausende von Menschen. Unter den einzelnen Themen erscheinen dann Bilder entsprechender Markenprodukte.

Aufforderungen des türkischen Premiers Recep Tayyip Erdoğan wie „Trinkt euren Alkohol zu Hause“ oder die künstliche gepushte Debatte um das einzig wahre türkische Nationalgetränk Ayran versus Raki beschäftigten die türkischen Blätter im Frühjahr 2013 über viele Wochen. Doch nicht nur verbal stemmte sich die Politik gegen den Alkohol. Sie ließ auch Taten folgen. Die Steuern wurden angezogen (mehr hier), Verkaufsbeschränkungen und Alkoholverbote installiert und schließlich auch ein vieldiskutierter Gesetzesentwurf abgesegnet, der vor allem Gastronomen, Getränkeproduzenten und Vertreter der Tourismusindustrie in helle Aufregung versetzte (mehr hier). Seither ist nicht nur der Verkauf von Alkohol stundenweise beschränkt, auch entsprechende Werbung ist untersagt.

Gebracht hat das bisher offenbar wenig. Derzeit würde deutlich, dass der Alkoholkonsum sich nicht dramatisch reduziert hätte. Die Produktion laufe stabil, ebenso wie die Verkäufe, so eine erste Bilanz Anfang September 2013 (mehr hier). Vergeben werden Alkohol-Verkaufslizenzen von der TAPDK.

Begonnen hat die Schlacht um den Alkohol bereits vor einigen Jahren mit Beschränkungen in bestimmten Zonen. Während Erdoğans Zeit als Istanbuler Bürgermeister wurde ein Alkoholverbot für alle sozialen und städtischen Einrichtungen umgesetzt. Dann gerieten die Nebbenstraßen im Istanbuler Stadtteil Beyoğlu ins Visier der Behörden.

Noch allzu gut in Erinnerung ist übrigens ein Verbot in der Ägäis-Provinz Afyonkarahisar. Dieses wurde mittlerweile gekippt (mehr hier).

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