Stimmen aus Neukölln zu Sarrazin: „Der soll erst einmal richtig Englisch lernen“

Die DTN-Redaktion hat einige Neuköllner zu Sarrazin und sein neues Buch befragt. Die Meinungen über den Mann fielen verschieden aus. Doch auf wirkliche Sympathien ist die Redaktion nicht gestoßen.

Der Ex-Bundesbänker Thilo Sarrazin hat mit seinem neuen Buch die Gesellschaft in Aufruhr versetzt. Die von ihm im Jahre 2010 ins Rollen gebrachte „Islam-Debatte“ hält weiter an.

Doch seitdem sind nur selten die Ansichten und Eindrücke von Muslimen eingeholt worden. Das Wort „Muslim“ ist in diesem Zusammenhang ein Synonym für „Türke“. Ein „Türke“ ist jeder, der in der Wahrnehmung der Deutschen für einen „Türken“ gehalten wird.

Die deutsch-türkischen Stimmen zu Sarrazin sind sehr vielfältig. Auf der Karl-Marx-Straße in Neukölln, wo ein türkisches Geschäft nach dem anderen steht, lebt der Handel und die Straßen sind im Regelfall überfüllt. Die DTN-Redaktion hat einige der Stimmen eingeholt.

So beschwerte sich ein Geschäftsinhaber darüber, dass er seit Jahrzehnten Steuern zahlt und mit diesen Steuern der Aufbau Ost und mehrere EU-Länder finanziert werden. Doch nicht Anerkennung sei das Resultat, sondern „Hass“ und „Vorurteile“ seitens der Gesellschaft. „Wo ist da die Logik?“, so Akif B.

Doch in Neukölln leben nicht nur Deutsch-Türken, sondern auch Deutsch-Albaner, Deutsch-Polen, Deutsche und weitere Volksgruppen.

Im Gespräch mit einem jungen Deutsch-Polen, sagte der Mann den DTN: „Sarrazin habe ich nicht gelesen. Ich bin Katholik und wir haben keine Probleme mit den Türken. Mein bester Freund ist Türke“, so Arek W. Die DTN wies ihn darauf hin, dass es in seinem neuen Buch um den „Tugend-Terror“ in Deutschland gehe. Den Menschen werde der Mund verboten. „OK. Kann sein. Aber wieso `Terror´?“, antwortete W.

In einem weiteren Gespräch sagte ein junger Deutsch-Türke, dass er die Sarrazin-Debatte schon seit Jahren verfolge. Es „kotze“ ihn an, dass die Deutschen auf „solche Leute“ reinfallen und sie auch noch zu Millionären machen, so der Student Levent B. „Sarrazin ist doch der beste Beweis dafür, dass es eben nicht die Klügsten nach oben schaffen. Der soll erst einmal richtig Englisch lernen“, meint B. Schließlich habe er eine Spitzenposition gehabt.  Sarrazins neues Buch habe er nicht gelesen. Er wolle seine Zeit sinnvoll nutzen.

Ein älterer Herr sagte den DTN, dass er Sarrazin nur aus den türkischen Zeitungen verfolgt habe. Sein Deutsch sei nicht gut. Er habe sich von seiner Tochter berichten lassen, dass Sarrazin sich auch über Missstände beschwert. „Sie sehen doch, dass viele deutsche und türkische Jugendliche arbeitslos sind. Das ist das Problem in Deutschland. Da muss man eine Lösung finden“, so Cevdet D. Es gehe hier nicht um Religion oder die Ethnie. „Ich sage ihnen nur, dass Herumlungern gefährlich ist. Die Jugend braucht jemanden, der ihnen den Weg weist“, so D.

Beim Spaziergang durch Neukölln ist der DTN-Redaktion aufgefallen, dass die Mehrheit der jungen Damen keine „Kopftuchmädchen“ sind. Doch sie hätten es auch sein können, was auch nicht schlimm gewesen wäre. Im Gespräch mit den DTN, sagte eine junge Dame mit Kopftuch, dass die Wortwahl und Gedanken Sarrazins „widerlich“ seien. „Doch mit solchen Sprüchen macht der uns nicht kaputt“, so Ceren L.

Auf Nachfrage der DTN, was sie von seinem neuen Buch halte, sagte L.: „Das wird sich wohl auch gut vermarkten lassen“, so L. Sie habe aus den Zeitungen und auf Youtube mitbekommen, was er wieder „verzapft“ habe. Das sei schon genug gewesen.

Ein deutscher Student sagte den DTN, dass sowohl in Neukölln als auch in Kreuzberg sehr viele Studenten wohnen. „Wir leben hier zusammen mit den Türken und das ist gut so“, so Matthias S. mit einer vergleichenden Anspielung auf das Wowereit-Outing aus dem Jahr 2009. Über das neue Buch vom ehemaligen Finanzsenator Berlins, sagte S.: „Sarrazin ist kein Opfer. Diese Selbstinszenierung ist verlogen. Wenn hier jemand sagen darf, was immer er will, dann ist das Sarrazin“, so S. Er sei übrigens kein Linker, fügte S. hinzu.

Doch die DTN-Redaktion ist auch auf eine Reihe von Neuköllnern getroffen, die Sarrazin entweder ignorieren oder sich desinteressiert zeigen. Es gab auch einige türkischstämmige Senioren, die Thilo Sarrazin überhaupt nicht kennen.

Deutsch-Türken müssen Sarrazin dankbar sein

Die Sarrazin-Debatte der vergangenen Jahre hat Deutschland nachhaltig verändert. Dem Mann können seine Kritiker sehr viel vorwerfen – manchmal zu Recht und manchmal zu Unrecht.

Doch ihm ist es letztendlich zu verdanken, dass in der gesamten Republik die „Masken gefallen“ sind. Das gilt insbesondere für das bürgerliche Lager. Zum einen sind jahrzehntelange im Versteckten schlummernde Gedanken ans Tageslicht gekommen. Denn Personen und Organisationen der Mehrheitsgesellschaft machen keinen Hehl mehr aus ihren nationalkonservativen Gedanken, die in das 20. Jahrhundert gehören.

Zum anderen dürfen wir alle beobachten, wie in Deutschland mit „unerwünschten Meinungen“ umgegangen wird (mehr hier). Auch das muss im Fall Sarrazin fairerweise erwähnt werden.

Mit einem Donnerschlag ist Deutschland in eine neue gesellschaftliche Epoche eingetreten.

Das hilft auch den Deutsch-Türken weiter. Lagebeurteilungen und darauffolgende Strategien für die rechtliche Gleichbehandlung oder andere demokratisch legitimierte Ziele sind klar einzuordnen.

Insbesondere können sich die Deutsch-Türken von dem Gedanken verabschieden, dass die Sozialdemokraten ihnen näher stehen würden als andere Parteien.

Danke Sarrazin!

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