Unerwünschte Berichterstattung: Russische Führung feuert Lenta-Chefredakteurin

Eine der beliebtesten unabhängigen Online-Nachrichten-Portale in Russland, Lenta.ru, wurde nun für seine Berichterstattung über die Ukraine abgestraft. Chefredakteurin Galina Timchenko musste ihren Hut nehmen, weil sie ein für Moskau unangenehmes Interview veröffentlicht hatte.

Am Mittwochmorgen kam die offizielle Verwarnung durch die russische Medienaufsicht, nachdem Lenta.ru ein Interview mit einem führenden Mitglied einer ukrainischen nationalistischen Organisation veröffentlicht hatte. Am Nachmittag dann der zweite Akt: Galina Timchenko, die zehn Jahre an der Spitze des Blattes stand, wurde durch einen Kreml-Getreuen ersetzt.

Das Redaktionsteam von Lenta.ru, so die New York Times, ließ diesen Schachzug der russischen Führung nicht auf sich sitzen. Das Blatt, das in einer von staatlichen Blättern und staatlich dominierten Publikationen geprägten Medienlandschaft gerade wegen seiner aggressiven Berichterstattung heraussticht, veröffentlichte den Weggang von Timchenko zwar zunächst ohne Erklärung. Alsbald folgte jedoch ein Protestbrief, unterzeichnet von 79 Mitarbeitern. Darin machen die Verfasser deutlich, dass hier „direkter Druck“ aus dem Kreml ausgeübt worden sei. In dem Schreiben heißt es:

„In den letzten paar Jahren ist der Raum für freien Journalismus in Russland dramatisch gesunken. Einige Publikationen werden direkt vom Kreml kontrolliert, andere durch Kuratoren, wieder andere durch Redakteure, die fürchten, ihre Arbeitsplätze zu verlieren. Einige Medien wurden geschlossen. Andere werden in den nächsten Wochen geschlossen werden.“

Das am Montag veröffentlichte Interview mit Andrei Tarasenko, einem führenden Mitglied des „Rechten Sektors”, enthalte nach Ansicht der Medienaufsicht Material mit „extremistischer Natur“, so die BBC. Stein des Anstoßes war offenbar ein gesetzter Hyperlink zu Dmitriy Yarosh, dem Führer der Gruppierung. Ein Moskauer Gericht hat am Mittwoch einen Haftbefehl gegen Yarosh wegen der Anstiftung zum Terrorismus ausgestellt.

Galina Timchenkos Nachfolger ist Alexei Goreslavsky, der bis vor kurzem an der Spitze der Kreml treuen Webseite Vzglyad.ru stand. Die Entscheidung, Timchenko zu entlassen wurde von Lenta.ru-Inhaber Alexander Mamut getroffen. Sein Team rügte seinen Schritt in ihrem Protestschreiben als klaren „Verstoß gegen das Medienrecht“.

Auch die ehemalige Chefredakteurin selbst hat auf ihrer Facebook-Seite mittlerweile reagiert. In einem ersten kurzen Statement äußerte sich die erfahrene Journalistin allerdings recht knapp. „Das ist es. Danke, es war interessant.“

Gegründet 1999, ist Lenta eine von Europas meistbesuchten Nachrichten-Websites. Im vergangenen Jahr wurde sie Teil der Mamut Afisha Rambbler-SUP-Mediengruppe. Der Fall von Lenta ist das letzte Glied in der Kette einer ganzen Reihe von Eingriffen in die russische Medienlandschaft. So wurde unter anderem die staatliche Nachrichtenagentur Ria Novosti im vergangenen Jahr geschlossen und unter einem neuen Chefredakteur neu gestartet.

OSZE-Medienbeauftragte Dunja Mijatovic bezeichnete den Vorgang bei Lenta als ein „klares Zeichen“ der Zensur und des Drucks der Regierung.

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