Rückschritt in Pakistan: Oberster Glaubensrat hält Verbot von Kinderehen für unislamisch

Der pakistanische Rat für islamische Ideologie hat das Verbot der Kinderehe für unvereinbar mit dem Islam erklärt. Das Verfassungsorgan, das den Staat in islamischen Dingen berät, fordert die Regierung nun auf, ihre Gesetzgebung entsprechend zu ändern. Menschenrechtsaktivisten sind empört.

Gesetzlich ist in den meisten islamischen Staaten eine Heirat mit Minderjährigen untersagt. Vielerorts liegt das Mindestheiratsalter für Mädchen bei 16 bis 18 Jahren und für Jungen bei 18 Jahren. In Pakistan soll sich das nach dem Willen des Rates für islamische Ideologie nun wieder ändern.

Wie Tahir Ashrafi, ein Mitglied des Rates, am Mittwoch mitteilte, sei die derzeitige Gesetzgebung des Landes nicht im Einklang mit der islamischen Lehre. Das berichtet das Nachrichtenportal iol news. Derzeit sieht auch Pakistans Regelwerk vor, dass Mädchen nicht unter 16 und Männer nicht unter 18 Jahren die Ehe eingehen dürfen. Ashrafis Argumentation: „Es gibt keine festgelegte Altersgrenze für die Ehe in der Scharia.“ Der Scharia gemäß könne geheiratet werden, sobald er oder sie die Pubertät erreicht hätten. Doch diese sei nicht an einem bestimmten Alter festzumachen. Deshalb könnten Familienangehörige ein Kind verheiraten, wenn sie der Meinung seien, dass er oder sie die Pubertät erreicht hätten.

Ebenso illegitim sei die Verordnung gemäß der pakistanischen Muslim Family Laws Ordinance von 1961, dass ein Mann die Erlaubnis seiner Frau einholen müsse, wenn er eine andere Frau heiraten wolle. „Der Islam erlaubt es, vier Frauen zu heiraten. Es besteht kein Anlass, die Zustimmung der ersten Frau einzuholen, wenn ein Mann ein zweites Mal heiraten will“, so Ashrafi weiter.

Erst vor kurzem erschütterte das Thema Kinderehen auch die Türkei. Der tragische Tod einer 14-jährigen Kinderbraut in der südosttürkischen Provinz Siirt beschäftigte Anfang 2014 die Öffentlichkeit. Das Mädchen war kurz nach der Geburt und dem Verlust ihres zweiten Kindes tot und mit Schusswunden in ihrem Zimmer aufgefunden worden. Während die Schwiegereltern von Selbstmord und der junge Ehemann von einem tragischen Unfall ausgehen, glaubt der Vater des Mädchens an Mord (mehr hier). Zuvor sorgte der Fall einer Achtjährigen im Jemen für einen internationalen Aufschrei. Dem Mädchen wurden während ihrer Hochzeitsnacht derart schlimme Verletzungen beigebracht, dass sie daran gestorben ist. Zugefügt wurden ihr die inneren Blutungen von einem Mann, der fünfmal älter war als sie (mehr hier).

Der Rat für islamische Ideologie wurde im Jahr 1962 gegründet, um das Parlament über die Vereinbarkeit von Gesetzen mit der Scharia zu beraten. Aktivisten haben das pakistanische Parlament inzwischen dazu aufgefordert, die beiden Empfehlungen zu ignorieren. Sie seien eine Verletzung der Grundrechte von Frauen. Zohra Yusuf, Vorsitzende der unabhängigen Menschenrechtskommission von Pakistan, ist der Ansicht, dass die Auffassung des Rates „gegen den Geist der Religion“ sei. Sie fragt sich, warum die Gesetzgebung gegen die Kinderehe, die seit der Gründung Pakistans bestehe, genau jetzt überprüft werden solle. Sie befürchtet, dass der Rat eine „neue Front gegen Frauen eröffnen“ und die „Militanten stärken“ wolle.

Erst im vergangenen November sorgte eine Entscheidung des Rates für Unmut, als die Gelehrten erklärten, dass DNA-Beweise in Fällen von Vergewaltigung unzulässig seien. Stattdessen wurde damals die Wiederbelebung eines islamischen Gesetz unterstützt, das es für einen angebliches Vergewaltigungsopfer obligatorisch macht, vier Zeugen zu benennen, um ihre Ansprüche geltend zu machen.

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