Protestbilanz: Tod von Berkin Elvan bringt zwei Millionen Türken auf die Straße

Der Tod des 15-jährigen Gezi Park Opfers Berkin Elvan hat die Türkei in dieser Woche erneut in Aufruhr versetzt. In den vergangenen Tagen gingen mehr als zwei Millionen Menschen aus 53 Provinzen auf die Straße. Auch im Ausland zeigten sich Demonstranten solidarisch. Für den türkischen Premier Recep Tayyip Erdoğan sind sie „Scharlatane“, die die Stimmung vor den Wahlen anheizen wollen.

Seit dem Tod des Teenagers am vergangenen Dienstag griff die türkische Polizei bei Demonstrationen in insgesamt 13 Provinzen des Landes ein. Mindestens 52 Zivilisten und 19 Polizisten wurden im Zuge der Auseinandersetzungen verletzt. 417 Personen wurden von den Sicherheitskräften festgenommen. In Istanbul, Ankara, Izmir und Mersin wurden die  Märsche und Proteste auch am Donnerstag bis tief in die Nacht fortgesetzt.

Die Generaldirektion für Sicherheit (EGM) hat mittlerweile Untersuchungen wegen „unverhältnismäßiger Gewalt und übermäßigem Einsatz von Tränengas“ sowie dem potenziell tödlichen Einsatz von Tränengas-Granaten durch die Polizei eingeleitet. Das berichtet die türkische Zeitung Hürriyet. Derartige Ermittlungen gab es bereits im vergangenen Sommer. Zu einem abschließenden Ergebnis kamen die Zuständigen damals allerdings nicht.

Demonstrationen und Mahnwachen weltweit

Näher unter die Lupe nehmen will das EGM in Tunceli auch den Tod des 30-jährigen Polizisten Ahmet Küçüktağ. Dieser war am 12. März zusammengebrochen und später im Krankenhaus verstorben. Die Ärzte kamen zu dem Schluss, dass sich sein Gesundheitszustand durch den intensiven Tränengaseinsatz der Polizei gegen die Demonstranten verschlechtert hatte. Der Polizeichef wies diese Theorie jedoch zurück. Unklarheit herrscht nach wie vor auch über den Tod des 22-jährigen Burak Can Karamanoğlu, der am Rande einer Demonstration erschossen wurde (mehr hier).

Das Schicksal von Berkin Elvan bewegte nicht nur die Menschen in der Türkei. Gedenkfeiern für das nunmehr achte Gezi Park-Opfer gab es gleich in mehreren Städten weltweit, darunter in New York, Washington DC, Amsterdam, Barcelona, Bielefeld, Berlin, Brüssel, Den Haag, Dresden, Duisburg, Frankfurt und Hamburg. Auch in Helsinki, Köln, Lausanne, Lissabon, London, Paris, Rotterdam, Stuttgart, Wien und Warschau gingen die Menschen auf die Straße.

Kommunalwahlen als Test für Erdoğans Popularität

Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan gerät unterdessen immer stärker unter Druck. Am Donnerstag verurteilte er die neuerlichen Anti-Regierungs-Demonstranten als „Scharlatane“, die im Vorfeld der Kommunalwahlen für Chaos sorgen wollten. Wie schon im Zusammenhang mit dem Korruptionsskandal wittert der AKP-Mann eine Verschwörung, die sich explizit gegen ihn und seine Partei richtet. Die anstehenden Kommunalwahlen sind nun der erste große Test für seine Popularität seit den Unruhen im Sommer 2013.

Derweil meldeten sich im Zuge des Begräbnisses von Burak Can Karamanoğlu auch seine Anhänger in Kasımpaşa zu Wort. „Kasımpaşa schläft nicht. Steht für Eure Märtyrer auf! Brecht die Hände derer, die die Polizei angreifen!“, so die Rufe neben Karamanoğlus Sarg, der am Donnerstagnachmittag durch die Straßen getragen wurde (mehr hier). Erdoğan zufolge sei der junge Mann Opfer der Revolutionären Volksbefreiungspartei-Front DHKP-C geworden. Auf das Konto der Gruppierung gingen unter anderem ein Selbstmordanschlag auf die US-Botschaft im vergangenen Jahr sowie Angriffe auf türkische Polizeistationen. Aus dem Gouverneursbüro in Istanbul heißt es derzeit jedoch, der Angreifer sei unbekannt.

Insgesamt ging es nach zwei unruhigen Tagen am Donnerstag bereits deutlich leiser auf den türkischen Straßen zu. In Ankara musste die Polizei erneut Wasserwerfer einsetzen. Mindestens 15 Personen, zumeist Studenten, wurden festgenommen.

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