Todesfall Berkin Elvan: Türkische Behörden rollen Untersuchungen neu auf

Neue Zeugenaussagen im Fall des kürzlich verstorbenen Gezi Park Opfers Berkin Elvan bringen offenbar Bewegung in die türkische Justiz. Wie der türkische Innenminister Efkan Ala mitteilte, werde es nun neue Untersuchungen geben. Es besteht der Verdacht, dass ein Polizist während der Proteste direkt auf den 15-Jährigen gezielt hat.

Zum Todesfall Berlin Elvan waren bisher bereits 18 Polizisten von den Ermittlungsbehörden vernommen worden. Jetzt gaben vier neue Zeugen ihre Aussagen zu Protokoll. Diese erwecken den Eindruck, dass der 15-Jährige gezielt angegangen sein könnte.

Der türkische Innenminister Efkan Ala gab am Mittwoch bekannt, dass die Untersuchung sowohl im Fall von Elvan Berkin als auch in der Sachen Burak Can Karamanoğlu fortgesetzt würden. Der 22-jährige Burak Can Karamanoğlu wurde Opfer der in Folge von Berkins Tod aufflammenden Proteste. Er starb am 12. März durch einen Schuss. Noch ist sein Täter nicht gefasst. Die ohnehin aufgeheizte Stimmung verschärfte sich anlässlich der Beerdigung des 22-Jährigen erneut. Während des Trauermarsches gerieten die Menschen abermals aneinander (mehr hier).

Einer der vier neuen Zeugen im Todesfall Berkin Elvan sagte nun aus, dass er deutlich gesehen habe, wie ein Polizist die Gaspatrone gezielt in seine Richtung abfeuerte. Identifzieren könne er diesen aufgrund des getragenen Helmes allerdings nicht. Der 14-jährige Freund des Verstorbenen stellte zudem noch einmal heraus, dass Berkin an besagtem Tag tatsächlich nur Brot holen wollte. Untermauert wurde dieser Umstand durch zwei weitere, neue Aussagen. Das berichtet die türkische Zeitung Hürriyet.

Aufgenommen wurde auch die Aussage eines Anwaltes. Dieser gab nun an, ein Kind nach seiner Mutter schreien gehört zu haben. Er soll davon gelaufen sein und sich den Kopf gehalten haben. Auch er könne einen vermeintlichen Täter allerdings nicht identifizieren oder mit Bestimmtheit sagen, dass Berkin durch die Tränengaspatrone derart schwer verletzt worden sei. Beobachtet wurde von einem der neuen Zeugen allerdings auch, wie ein Sicherheitsbeamter seinem Kollegen Anweisungen gegeben haben soll und Berkin darauf hin getroffen wurde.

Schon kurz nach dem Tod seines Sohnes trat Sami Elvan im TV auf und zeigte sich überzeugt: Der türkische Premier Recep Tayyip Erdoğan könnte den Verantwortlichen für diese Tragödie schnell präsentieren. Der Politiker solle nun beweisen, dass er „ein Gewissen“ habe.

Der Tod des 15-jährigen Gezi Park Opfers Berkin Elvan am 11. März nach 269 Tagen im Koma hatte die Türkei erneut in Aufruhr versetzt. Der Teenager war im Juni 2013 von einer Gaspatrone am Kopf getroffen worden. Davon erholte er sich nicht mehr. Mehr als zwei Millionen Menschen aus 53 Provinzen gingen auf die Straße. Im Laufe von nur zwei Tagen verschickten sie mehr als 14 Millionen Tweets (mehr hier). Auch im Ausland zeigten sich Demonstranten solidarisch. Mahnwachen gabe es von New York bis Hamburg.

Der türkische Premier Recep Tayyip Erdoğan geriet durch die neuerlichen Proteste immer stärker unter Druck. Er verurteilte die neuerlichen Anti-Regierungs-Demonstranten als „Scharlatane“, die im Vorfeld der Kommunalwahlen für Chaos sorgen wollten. Wie schon im Zusammenhang mit dem Korruptionsskandal wittert der AKP-Mann eine Verschwörung, die sich explizit gegen ihn und seine Partei richtet.

Die anstehenden Kommunalwahlen sind nun der erste große Test für seine Popularität seit den Unruhen im Sommer 2013.

Mehr zum Thema:

Protest-Opfer: Familien wollen politische Instrumentalisierung nicht zulassen
Protestbilanz: Tod von Berkin Elvan bringt zwei Millionen Türken auf die Straße
Vater von Berkin Elvan: Sein Mörder könnte binnen einer Stunde gefunden werden

Kommentare

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.