Ex-Ministerin Aygül Özkan: „Frauen werden auf dem Lohnzettel diskriminiert“

Die CDU-Politikern Aygül Özkan kritisiert, dass die Höhe des Einkommens immer noch vom Geschlecht abhängt. Frauen verdienen durchschnittlich weniger Geld als Männer. Deshalb fordert sie eine umfassende Flexibilisierung der Arbeitswelt. Auch verbindliche Frauenquoten seien wichtig.

Deutsch Türkische Nachrichten: Etwa 53 Prozent der Bevölkerung in Deutschland ist weiblich. Das Thema geschlechtliche Gleichberechtigung beschäftigt die deutsche Öffentlichkeit. Insbesondere auf dem Arbeitsmarkt sind Frauen „die diskriminierte“ Mehrheit. Wie sieht die Ungleichbehandlung im Einkommensbereich aus?

Aygül Özkan: Da ist oftmals von „Gender Wage Gap“ die Rede. Frauen erhalten in Deutschland weiterhin deutlich weniger Lohn als Männer. Frauen verdienen in Deutschland immer noch im Durchschnitt 22 Prozent weniger als Männer. Rund zwei Drittel der Differenz erklären Experten mit strukturellen Gründen: So arbeiten Frauen eher in schlecht bezahlten Berufen wie Reinigungskraft (Frauenanteil 85%) oder Verkäuferin (73%), eher in Teilzeit und im Schnitt auf niedrigen Führungsstufen.

Frauen dürfen nicht länger über ihren Lohnzettel diskriminiert werden. Wir brauchen eine flexiblere Arbeitswelt und bessere Aufstiegschancen für Frauen. Frauen dürfen durch Erwerbsunterbrechung und unfreiwilliger Teilzeit keine beruflichen Nachteile erfahren. Die Höhe des Gehalts darf nicht länger vom Geschlecht abhängen. Frauen und Männer müssen endlich für gleiche Arbeit auch die gleiche Bezahlung erhalten. Das müssen wir uns anlässlich des equal pay day 2014 wieder deutlich vor Augen führen. Dieser Tag fiel in diesem Jahr auf den 21. März. Das bedeutet konkret: erst dann werden Frauen in Deutschland so viel verdient haben, wie Männer schon zum 31. Dezember 2013.

Deutsch Türkische Nachrichten: Eine Scheidung bringt für viele Frauen ein Armutsrisiko mit sich. Im Durchschnitt verdoppelt sich das Armutsrisiko im Gegensatz zu geschiedenen Männern, berichtet die Agentur für Gleichstellung des Europäischen Sozialfonds für Deutschland (ESF) Wie ist in diesem Zusammenhang das Gesetz zur Änderung des Unterhaltsrechts (UÄndG) von 2008 einzuordnen?

Aygül Özkan: Hier gilt, dass sich jede Frau, ob mit Kindern oder ohne, bewusst sein muß, dass längere Auszeiten wegen Kinderbetreuung bzw. längeres Verweilen in Teilzeit, dazu führen kann, dass nicht nur die Aufstiegschancen im Beruf schlechter werden und damit die oben erläuterte ungleiche Entlohnungsfalle greifen kann, sondern auch für den Fall einer Scheidung sich die Lebens- und Unterhaltsverhältnisse sehr stark ändern können. Die Regelungen des neuen Unterhaltsrechts sind bei vielen Frauen noch nicht präsent. Sie fordern eine schnelleres und stärkeres Eigenengagement des Unterhaltsberechtigten.

Das bedeutet in der Mehrheit der Fälle, dass Frauen nach Betreuungszeiten schneller ins Erwerbsleben zurückkehren müssen und höhere Mitwirkungspflichten für die Unterhaltssicherung gelten. Natürlich ist das Unterhaltsrecht nicht nur verschärft worden ohne flankierende Maßnahmen. Die Betreuungsangebote ab 1-Jahr sind in den vergangenen 5 Jahren massiv ausgebaut worden, damit gerade Frauen flexibler wieder in den Beruf zurückkehren können.

Deutsch Türkische Nachrichten: Was halten Sie von verbindlichen Frauenquoten und wo gibt es die schon?

Aygül Özkan: Wenn Freiwilligkeit nicht hilft, müssen wir über Quoten nachdenken. Aber nicht nur über solche in Aufsichtsräten. Vor allem brauchen wir dringend eine flexiblere Arbeitswelt. Frauen müssen auch bessere Aufstiegschancen in Führungspositionen haben. Frauen sind längst genauso gut ausgebildet wie Männer und aus dem Arbeitsleben nicht mehr wegzudenken.

Im Übrigen sind auch viele Familien auf das Erwerbseinkommen der Frauen angewiesen. Mittlerweile sind in jeder fünften Familie Frauen die Haupternährerinnen. Natürlich sind Veränderungen in Führungsetagen ein mühsamer Prozess. Aber hier muss nicht zuletzt auch aufgrund des demographischen Wandels ein Kulturwandel in den Unternehmen stattfinden.

Es überrascht nicht, dass Studien ergaben, dass eine Frauenquote positive Effekte auf die Wirtschaft hat. So erzielen Unternehmen mit einem höheren Frauenanteil eine höhere Rentabilität. Gemischte Teams mit Frauen, die manchmal einen anderen Blick auf die Dinge haben, sind erfolgreicher. Frauen den Weg in die Chefetagen zu ebnen, zahlt sich deshalb auch in Euro und Cent aus.

Die Erklärung ist einfach. Frauen haben eine andere Sicht auf die Dinge. Keine bessere, aber eine andere. Das allein ist schon bereichernd für ein Unternehmen. Je mehr diskutiert wird, je mehr in Frage gestellt wird, umso mehr Raum entsteht für neue Ideen, für Kreativität.

Funktionieren kann das aber nur, wenn die  „Andersdenkenden“ nicht allein sind. Besteht ein Aufsichtsrat aus 19 Männern und einer Frau, wird sie es schwer haben, ihre Vorstellung von einer wirksamen Kontrolle des Vorstands einzubringen. Vielleicht wird sie als lästig gelten oder als inkompetent, weil sie andere Fragen stellt, als die Herren es gewöhnt sind. Womöglich dauert die Sitzung ihretwegen sogar länger, wo man sich doch früher immer so schnell so schön einig war.

Funktionieren kann das nur, wenn Stellen nicht mehr nach dem „Ähnlichkeitsmuster“ besetzt werden, wo die Entscheidung darüber auch noch in der Mehrheit bei Männern liegt.
Genau aus diesem Grund kann eine Quote der Weg sein. Nur sie stellt sicher, dass die Gremien zügig mit einer ernst zu nehmenden Zahl von Frauen besetzt werden.
Was wir von der „freien“ Wirtschaft fordern, müssen wir aber erst recht von den landeseigenen Unternehmen, Beteiligungen und Gremien fordern.

Deutsch Türkische Nachrichten: Welche konkreten Anlaufstellen für Frauen gibt es, die am Arbeitsplatz aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert werden?

Aygül Özkan: Hinzuweisen ist in diesem Zusammenhang auf die gute Arbeit der Koordinierungsstellen Frauen und Wirtschaft in Niedersachsen. Sie unterstützen in Niedersachsen Frauen beim beruflichen Wiedereinstieg. Diese Koordinierungsstellen schaffen Netzwerke zwischen kleinen und mittleren Unternehmen und arbeitsuchenden Frauen. Passgenau helfen sie Frauen und Unternehmen dabei, mit ihren jeweiligen Ansprüchen zueinander zu finden.

Tolle Arbeit leisten auch die kleinen Projektträger wie z.B. SINA in Hannover, die seid vielen Jahren jungen Mütter ermöglichen, eine erfolgreiche Ausbildung in Teilzeit zu absolvieren.

Sollte es zu einer Diskriminierung konkret im Bewerbungsverfahren oder am Arbeitsplatz kommen, stehen natürlich die Antidiskriminierungsstellen der jeweiligen Bundesländer für Beschwerden zur Verfügung.

Aygül Özkan, geboren 1971 in Hamburg, ist ehemalige Ministerin für Soziales, Frauen, Familie, Gesundheit und Integration in Niedersachsen. Sie ist Mitglied der CDU.

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