Armenier-Drama in Konstanz: Türkische Regierung protestiert gegen Premiere am Stadttheater

Die Uraufführung des Theaterstücks „Das Märchen vom letzten Gedanken“ hat für Unmut auf Seiten der türkischen Regierung gesorgt. Das Stück basiert auf dem Roman des jüdischen Autors Edgar Hilsenrath und thematisiert den Völkermord der Türken an den Armeniern. Das Theater will zwar kein Urteil fällen, das Publikum soll aber trotzdem die türkische Sicht vor Augen geführt bekommen.

Die türkische Regierung hat offenbar versucht, sich in die künstlerische Freiheit eines deutschen Theaters einzumischen. Stein des Anstoßes ist ein Stück über die Vernichtung von Armeniern im Osmanischen Reich, das am Freitagabend Premiere feierte. Die Türkei bestreitet, dass es einen Völkermord gegeben habe. Entsprechend sollte auch das Publikum die Sicht von Ankara kennen lernen.

Die Uraufführung von „Das Märchen vom letzten Gedanken“ unter der Regio von Mario Portmann fand in der vergangenen Woche unter Polizeischutz statt. Mit Plakaten und türkischen Flaggen hätten rund 100 Personen vor dem Stadttheater Konstanz demonstriert, so der SWR. Um eine Absetzung des Stücks nach dem mit dem Alfred-Döblin-Preis ausgezeichneten Romans soll es ihnen nicht gegangen sein. Sie fühlten sich durch die Darstellung auf den Plakaten jedoch verletzt. Die Demonstration am Freitag war allerdings nur der letzte Akt. Schon im Vorfeld sei schriftlich an das Theater herangetreten worden. Schließlich schaltete sich auch das türkische Generalkonsulat in Karlsruhe ein. Die Bitte: Man brächte der Kunst zwar großen Respekt entgegen. Doch in Anbetracht der nach wie vor andauernden rechtlichen und akademischen Diskussion sollte doch vor jeder Vorstellung auch über die türkische Sichtweise zu informiert werden.

Intendant Christoph Nix stimmte zwar zu, das Anliegen vorzutragen. Auf der Homepage des Theaters ist der Brief des türkischen Generalkonsulats veröffentlicht. Er hält das Ganze jedoch für einen „massiven Eingriff in die künstlerische Freiheit des Theaters“. Immerhin erlaube sich das Theater kein Urteil über die Ereignisse, sondern stelle das Thema lediglich zur Diskussion, wie es auf der Internetseite des Theaters heißt.

Kritisch wird die Situation auch von Seiten des Armenisch-Akademischen Vereins 1860 e.V. beurteilt. In einer Mitteilung, die den Deutsch Türkischen Nachrichten vorliegt, heißt es:

„Erst schaltet der türkische Ministerpräsident im eigenen Land das soziale Netzwerk Twitter ab, dann schickt er seinen Generalkonsul los, das deutsche Theater zu zensieren. Zwei Ereignisse, die zwar nicht im Zusammenhang stehen, die für den Armenisch-Akademischen Verein 1860 e.V. (AAV) aber alarmierende Anzeichen sind, dass die Türkei sich mehr und mehr von den Werten westlicher Kultur entfernt und ganz offensichtlich die Annäherung an Europa endgültig aufgegeben hat.“

Mit massiven Protesten habe die türkische Regierung versucht, die Konstanzer Premiere des „Märchens vom letzten Gedanken“ nach dem preisgekrönten Roman von Edgar Hilsenrath zu torpedieren. Zensur zu Hause und eine Kampagne gegen die Freiheit der Kunst in Deutschland: Das sei, so der AAV, das Bild, das die Türkei zur Zeit den staunenden Beobachtern biete.

Das Theater bietet unterdessen Raum für weitere Gespräche. Am 13. April, um 20 Uhr, findet eine Podiumsdiskussion zum Thema statt. Unter der Moderation von Wolfgang Koydl treffen unter anderem Seyhan Bayraktar, Erdal Dogan, Patrak Estukyan (Redaktion AGOS), Dr. Raffi Kantian (Deutsch-Armenische Gesellschaft), Kemal Yalcin (Schriftsteller) aufeinander.

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