Adoptionen in Europa: Familienministerium will Vermittlung türkischer Kinder drosseln

Das türkische Ministerium für Familie und Soziales hat eine neue Initiative gestartet, um die Annahme von türkischen Kindern in Europa durch die nicht-türkische Pflegefamilien zu begrenzen. Stattdessen sollen mehr türkische Familie ermutigt werden, ein solches Amt zu übernehmen.

Der Fall des kleinen Yunus, der bei gleichgeschlechtlichen Adoptiveltern in Holland lebt, hat 2013 die Diskussion um Pflege und Adoption türkischer Kinder in Europa neu entfacht. Zahlreiche türkische Politiker hatten sich in das Thema eingeschaltet. Nun will das Ministerium für Familie und Soziales aktiv an der Situation schrauben und dafür sorgen, dass türkische Kinder künftig verstärkt in ebenfalls türkische Familien aufgenommen werden.

In den vergangenen Jahren sollen insgesamt rund 5000 türkische Kinder in Europa von ihren biologischen Eltern getrennt worden sein. Die Sorge ist groß, dass ihr Nachwuchs nun in christlicher Tradition erzogen werden würde und seine Identität verlieren könnte. Jetzt will sich die türkische Regierung offenbar intensiver um ihren Verbleib bemühen und die Zahl christlicher Pflegeeltern für türkische Kinder beschränken.

Geschehen soll das über eine nachhaltige Ermutigung türkische Familien, im Ausland lebende türkische Kinder zu adoptieren, „um ihre kulturelle Identität zu bewahren“. Das berichtet die türkische Zeitung Daily Sabah. Das Ministerium für Familie und Sozialpolitik versuche nun, das Konzept der Pflegefamilien unter den türkischen Familien, die in Europa leben, populärer zu machen.

Familienministerium will vor Ort beraten

Operieren wolle das Ministerium offenbar auch vor Ort. So weist Familienministerin Ayşenur İslam darauf hin, dass ein vor kurzem vom Parlament verabschiedeter Gesetzentwurf die Öffnung von Ministeriumsniederlassungen im Ausland ermögliche. Noch sei das Thema Pflegefamilie bei in Europa lebenden Türken ganz im Gegensatz zu ihren Landsleuten in der Türkei nicht sonderlich beliebt. Sie kündigt deshalb an. „Wir werden Büros in Botschaften und anderen Vertretungen der türkischen Regierung einrichten, um die Annahme zu fördern.“ Die Sozialdienste in den Botschaften und Konsulaten würden türkische Familien beraten, wie man türkische Kinder adoptieren könne und rechtliche Beratung für Familien anbieten, deren Kinder in deutschen Pflegefamilien untergebracht seien.

Den Anfang der Debatte machte die türkische Mutter des inzwischen zehnjährigen Yunus. Im Fernsehen verlangte sie Anfang 2013 die Herausgabe ihres Sohnes, der ihr im Alter von sechs Monaten von den niederländischen Behörden entzogen wurde (mehr hier). Ihr Beispiel machte Schule. Gleich Dutzende türkische Familien, die in Europa lebten, hatten sich gemeldet und behauptet, ihre Kinder seien in Pflege- bzw. Adoptivfamilien gegeben worden, ohne dass ihrer Ansicht nach trifftige Gründe vorgelegen hätten. Mit diesen „rechtswidrigen“ Fällen solle sich, so drohten sie, der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) befassen (mehr hier).

Politiker sprechen von Verletzung der Menschenrechte

Auch der türkische Premier Recep Tayyip Erdoğan schaltete sich ein. Während eines Besuchs in den Niederlanden brachte er das Thema zur Sprache. Sein Amtskollege Mark Rutte lehnte eine Debatte auf Ministerialebene über diese Angelegenheit jedoch ab. Ebenfalls zu Wort meldete sich damals der stellvetretende Premier Bekir Bozdağ. Er stellte heraus, dass die Türkei nicht grundsätzlich gegen eine Unterbringung in Pflegefamilien wäre, wenn dies im Interesse der Kinder geschehe. Allerdings habe man davon erfahren, dass die Gründe für eine Wegnahme nicht immer solide und objektiv gewesen wären. Genau gegen so etwas stelle man sich. Auf der anderen Seite fürchtete er aber auch die Assimilation der Kleinen (mehr hier).

Ayhan Sefer Üstün, Vorsitzender der Parlamentarischen Untersuchungskommission für Menschenrechte, wurde sogar noch deutlicher: Der Fall dreier Kinder türkischer Herkunft, die vom hiesigen Jugendamt in die Obhut homosexueller Paare in Belgien gegeben worden waren, stellte für ihn ganz klar eine Verletzung der Menschenrechte dar. Der Grund: Deren Lebensweise und Überzeugungen wären seiner Ansicht nach mit denen der Kinder alles andere als vereinbar (mehr hier).

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