Moscheen und Koranschulen: Krim-Tartaren könnten ihre Stätten zurückerhalten

Der Anschluss der Halbinsel Krim hat für die Krim-Tartaren offenbar auch ihr Gutes. Wie der Leiter der russischen Rates der Muftis erklärte, würden die Gläubigen damit auch die Möglichkeit erhalten, sich ein neues Leben aufzubauen. Der Geistliche hat dabei in der Vergangenheit enteignete Moscheen und Koranschulen im Blick.

Nun, da die Krim wieder ein Teil Russlands ist, könnten die Krim-Tartaren auch ihre Moscheen und islamischen Schulen zurück erhalten, die ihnen einst genommen wurden. Möglich wäre dies aufgrund eines russischen Gesetzes zur Übereignung von Kultstätten in staatlichem oder kommunalen Besitz an religiöse Organisationen. Darauf wies Ravil Gainutdin, Leiter des russischen Rates der Muftis, hin.

Die muslimische Gemeinschaft auf der Krim sei stark genug, um pseudo-radikalen islamischen religiösen Tendenzen zu widerstehen und gewöhnliche Muslime vor ihrem Einfluss zu schützen, so der Geistliche während einer Pressekonferenz der russischen Nachrichtenagentur ITAR-TASS am Dienstag.

Ihm zufolge würde die neue politische Führung der Ukraine gerade alles tun, um die Autorität des Muftis auf der Krim und der offiziellen religiösen Organisationen zu schwächen, um so insgesamt den Einfluss der Krim-Tataren auf der Halbinsel entgegen zu treten. Die russischen Muslime seien jedoch bereit, den hiesigen Gläubigen mit ihrem Erfahrungsschatz zur Seite zu stehen. Im Blick hat der russische Mufti dabei vor allem die Schaffung eines Systems für den Religionsunterricht auf der Krim.

Gainutdin selbst stattete der Krim vom 27. bis 29. März einen Besuch ab. Viele Städte, Moscheen und islamische Schulen befänden sich seit gut 20 Jahren in einem schlimmen Zustand. „Jetzt haben die Krim-Tataren das Recht, ihre Eigentumsrechte an den religiösen Stätten, die einst beschlagnahmt wurden, wieder geltend zu machen und ihre Gebäude den religiösen Organisationen zuzuführen“, so der Mufti. Seiner Ansicht nach wäre die Annexion an Russland für die Krim-Tartaren nun die Möglichkeit, sich ein neues Leben auf ihrem eigenen Land aufzubauen und die Folgen von Stalins Deportation zu überwinden. Die Krim-Tataren hätten erkannt, so sein Eindruck, dass sie nun endlich rehabilitiert würden. Sie hätten nicht vor, die Krim zu verlassen und hofften, dass ihre Rechte eingehalten würden.

Die Krim-Tataren sind ein indigenes Volk der Halbinsel Krim. In der Türkei leben etwa 500.000 von ihnen. Dort werden sie auch als Krim-Türken bezeichnet, da sie eine türkischsprachige Ethnie sind. Unter Stalin wurden fast alle Krim-Tataren deportiert. Die Deportationen erfolgten massiv ab dem 18. Mai 1944 und dauerten zwei Tage an. Den Krim-Tataren wurde Kollaboration mit den Deutschen vorgeworfen, berichtet die Zeitung Milliyet. Bis zum Jahr 1979 gab es kaum noch Tataren auf der Krim. 1989 erlaubte der Oberste Sowjet den Krim-Tataren die Rückkehr in ihre Heimat, schreibt Temur Niyaverovitch Kurshutov im Eurasischen Magazin. Aktuell machen sie zehn bis zwölf Prozent der Bevölkerung auf der Krim aus. Das Joshua Project berichtet, dass auf der Krim und in der Ukraine insgesamt 305.000 Krim-Tataren leben. Sie sind zu 99,8 Prozent Muslime.

Zur Situation der Muslime auf der Krim schreibt das Magazin Ost-West:

„Die Spuren der islamischen Zivilisation auf der Krim, darunter die Ortsnamen, wurden konsequent beseitigt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war nicht nur auf der Krim, sondern in der ganzen Ukraine keine einzige Moschee übrig geblieben; es gab auch keine offiziell zugelassene muslimische Gemeinde mehr.“

Krim-Muslime, die zu den während der Sowjetzeit nationalisierten Anbetungsorten und Kultgebäuden zurückkehren wollen würden, würden auf ernsthafte Schwierigkeiten stoßen. Kaum die Hälfte der muslimischen Gemeinden der Halbinsel verfüge über Gebetshäuser, heißt es weiter. Nach Mitteilung des Mufti der Krim-Muslime, Emirali Adscha Ablajew, hätten die örtlichen Machthaber den christlichen Gemeinden im Jahre 2006 etwa ein halbes Hundert sakraler Objekte, die den Gläubigen von den Sowjets weggenommen worden waren, übergeben. Anders im Fall der Muslime: Sie hätten nicht ein einziges bekommen. Bis heute könnten die Krim-Muslime nicht in die ihnen gehörenden, erhalten gebliebenen 43 Moscheen zurückkehren. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts habe es auf der Krim annähernd 750 Moscheen gegeben.

Mittlerweile ist die Situation aber deutlich entspannt. Denn:

„Der Mangel an Gebetshäusern wird alles in allem durch den Bau neuer Moscheen relativiert; so errichteten die Krim-Muslime nach ihrer Rückkehr aus den Deportationsorten mehr als 70 Moscheen. Die absolute Mehrheit der neuen Moscheen wurde mit Geldern aus Saudi-Arabien, der Türkei, den Vereinigten Arabischen Emiraten und sogar der krimtatarischen Diaspora gebaut.“

Derzeit buhlt auch der russische Präsident Wladimir Putin um die Gunst der Krim-Tataren. Er sprach sich am Dienstag für eine vollständige Rehabilitierung der muslimischen Minderheit als „Opfer Stalins“ aus. Darüber hinaus sicherte er Investitionen in die soziale Infrastruktur für Krim-Tataren zu, wie zum Beispiel in Schulen und Kindergärten.

Vor dem Referendum am 16. März stellten diese sich vehement gegen eine Eingliederung der Halbinsel. Auch in der Türkei kam es zu Protesten. Zuletzt sprach sich die Versammlung der Krim-Tataren in Bachtschyssaraj für die territoriale Autonomie des Turkvolkes auf der Halbinsel aus. Derzeit ist noch nicht klar, ob und wann es zu einem Referendum kommt.

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