EU-Entscheidung: Erasmus-Programm für die Türkei bleibt bestehen

Studenten in der Türkei können aufatmen. Das Land fliegt nun doch nicht aus dem Erasmus-Programm. Die EU hatte seit März wegen „Unregelmäßigkeiten“ ermittelt. Es standen Vorwürfe im Raum, dass EU-Mittel missbraucht worden sein sollen.

Die Europäische Kommission hat nun doch keine Pläne, Bildungsprogramme in der Türkei auszusetzen. Das wurde zum Ende der Woche aus Brüssel bekannt. Bereits Anfang März wurden Ermittlungen gegen die türkische „Nationalagentur für das Erasmus-Programm“ in Ankara aufgenommen. Es stand viel auf dem Spiel: Viele fürchteten sogar einen völligen Stopp des Programms.

„Die Europäische Kommission hat die vorläufigen Ergebnisse der Prüfung der Nationalagentur für das Erasmus-Programm analysiert“, zitiert der Business Recorder Dennis Abbott, einen Sprecher der Kommission. Basierend auf diesen Erkenntnissen denke die Kommission nicht an eine Suspension des Erasmus-Programms in der Türkei oder andere Maßnahmen, die einen direkten negativen Einfluss auf das aktuelle und zukünftige Potenzial der Begünstigten des Programms haben könnten, so Abbott.

Wie die Kommission im März mitteilte, waren an sie Vorwürfe herangetragen worden, dass es „fehlende Transparenz bei der Einstellung von Personal und Verstöße gegen EU-Regeln für Beschaffungsvereinbarungen“ gegeben habe solle. Dadurch sei es zu „Unregelmäßigkeiten“ gekommen. In den türkischen Medien kursierte der Verdacht, dass der damalige türkische Minister für EU-Angelegenheiten, Egemen Bağış, Erasmus-Funds für die Zwecke seines Ministerums missbraucht habe und das Geld deshalb nicht wie eigentlich vorgesehen den involvierten Studenten zugute gekommen sein soll. Abbott kündigte damals an, dass es finanzielle Sanktionen, darunter die Aussetzung von Zahlungen für das Erasmus-Programm in der Türkei, geben werde, falls die Anschuldigungen zuträfen, so die Nachrichtenagentur Cihan. Bağış selbst wurde im Zuge des seit Dezember tobenden Korruptionsskandals ausgetauscht (mehr hier). Sein Nachfolger hatte anschließend einen transparenten Umgang mit dem Fall zugesichert.

116 Millionen Euro an EU-Fördergeldern für die Türkei in 2013

Insgesamt 33 Staaten nehmen mitterlweile am 1987 ins Leben gerufenen Erasmus-Programm teil. Dieses bietet Hochschulstudenten die Möglichkeit, drei bis zwölf Monate in einem anderen europäischen Land zu verbringen, um dort entweder zu studieren oder ein Praktikum in einem Unternehmen bzw. einer Organisation zu absolvieren.

Derzeit steht die Türkei auf Platz sechs der meisten Austauschstudenten. Das Land selbst liegt auf der Beliebtheitsskala auf Rang acht. Allein im Jahr 2012 nutzten 12.000 türkische junge Leute die Möglichkeit, über Erasmus im Ausland zu studieren. Ihr Stipendium liegt im Durchschnitt bei rund 400 Euro monatlich. Umgekehrt kamen gut 6000 junge Menschen in die Türkei. Die hier im Spiel befindlichen Summen sind beträchtlich. So soll die türkische Nationalagentur für die EU-Bildungsprogramme Lifelong Learning und Youth in Action im Jahr 2013 116 Millionen Euro an EU-Fördergeldern erhalten haben. Das Erasmus-Programm ist Teil des Lifelong Learning Programms. Abbott zufolge würden gut 40 Prozent der Gelder somit dem Erasmus-Austausch zukommen.

Wie groß das Aufatmen gerade bei den türkischen Studenten sein dürfte, stellt Alper Akyüz, Politikwissenschaftler an der privaten Istanbuler Bilgi-Universität, beim Deutschlandfunk heraus:

„Zunächst einmal hat die Teilnahme am Erasmus-Programm für uns eine hohe symbolische Bedeutung. Es unterstreicht, dass die türkische Jugend Teil des europäischen Bildungssystems ist. Außerdem ist es von finanzieller Bedeutung: Durch die Fördergelder wird der Austausch von Studenten erst ermöglicht. Und schließlich erleichtert Erasmus türkischen Universitäten die Kooperation mit Forschungseinrichtungen im Ausland.“

Die Türkei trat dem Erasmus-Programm im Jahr 2004 bei. Istanbul, Ankara und Izmir sind bei den ausländischen Studenten besonders beliebt. Zuletzt soll es 35.000 junge Deutsche ins Ausland gezogen haben. So viele wie nie zuvor. Im Wintersemester 2012/2013 zog es rund 1500 Deutsche gen Türkei.

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