OECD warnt Türkei: Schere zwischen arm und reich geht weiter auseinander

Die globale Finanzkrise hat auch die soziale Krise in der Türkei angeheizt. Wie ein aktueller Bericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zeigt, wächst die Kluft zwischen arm und reich bereits seit 2008 kontinuierlich.

Der alle zwei Jahre erscheinende OECD-Report „Society at a Glance“ hat erneut einen Blick auf Armut und Arbeitslosigkeit geworfen. Das Ergebnis der siebten Ausgabe: Bereits seit sechs Jahren geht die Schere zwischen arm und reich in der Türkei stetig weiter auseinander. Die Verfasser fordern nun weitere Reformen wie etwa Mindestlohn-Vorschriften, um die Einkommensungleichheit in den Griff zu bekommen.

Nach Angaben der OECD wächst die Kluft zwischen den ärmsten und reichsten zehn Prozent der Bevölkerung der Türkei seit 2008 stetig. Das drängendste Problem der Regierung liegt dem 144 Seiten starken Papier zufolge in der Schaffung von weiteren Arbeitsplätzen. Denn: Mit 49,7 Prozent der erwerbstätigen Erwachsenen, hat die Türkei die zweitniedrigste Beschäftigungsquote in der OECD, nur leicht höher als Griechenland. In keinem anderen Land ist zudem die Beschäftigungsquote für Frauen niedriger (29,8%), obwohl eine Steigerung um sieben Prozentpunkten in den Jahren 2007 bis 2013 zu verzeichnen ist.

Das Einkommen der Haushalte in der Türkei liegt bei etwa 45 Prozent des OECD-Durchschnitts. Das Land hat die dritthöchste Stufe der Einkommensungleichheit und die dritthöchste relative Armut innerhalb der OECD.

Beschäftigte kämpfen, um über die Runden zu kommen

Ozturk Turkdogan, Generalsekretär der türkischen Menschenrechtsvereinigung, zufolge, kämpfen selbst die elf Millionen registrierten Arbeiter des Landes damit, über die Runden zu kommen. Viele von ihnen würden weniger verdienen als den Mindestlohn. Zudem seien gerade sie anfällig für Ausbeutung. „Informelle und nicht eingetragene Arbeit ist einer der wichtigsten Treiber der Ungleichheit in der Einkommensverteilung“, zitiert das Nachrichtenportal Ansamed Turkdogan. Aber unter den Arbeitern, die registriert seien, wären nur zehn Prozent von ihnen gewerkschaftlich organisiert. Daher könne die Arbeiterklasse der Türkei nicht gemeinsam handeln, um eine Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen und Gehälter zu erwirken. So hätten zum Beispiel allein im Jahr 2013 1500 Arbeiter bei Betriebsunfällen ihr Leben verloren. Da aber der gewerkschaftliche Organisationsgrad sehr schwach sei, blieben die meisten dieser Fälle ungehört. Einem Report der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) zufolge, liegt die Türkei sogar auf Rang drei der unsichersten Arbeitsorte der Welt (mehr hier).

Die gegenwärtige Kluft wurde bereits 2013 vom Türkischen Amt für Statistik beschrieben. Die Gruppe der obersten 20 Prozent verdienen acht Mal so viel wie die Einkommensgruppe der untersten 20 Prozent der türkischen Bevölkerung. Noch immer leiden 59,2 Prozent der Bevölkerung unter materieller Entbehrung, denn sie können nicht mehr als vier von neun lebensnotwendigen Gütern kaufen. Der wirtschaftliche Aufschwung der vergangenen zehn Jahre zahlt sich hauptsächlich für die obere Mittelschicht aus (mehr hier).

Fast jeder fünfte Türke ist arm

Als arm gelten 16,3 Prozent der Türken. Im OCED-Schnitt ist das nur jeder Zehnte. Einer von drei Türken berichtet, dass man es sich nicht leisten könnte, ausreichend Essen zu kaufen, verglichen mit dem OECD-Durchschnitt von weniger als einer von sieben. Die türkische Regierung gibt jedoch nur 12,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für soziale Transferleistungen aus. Die meisten der Sozialausgaben fließen in die Gesundheit, das Alter und Hinterbliebene, während die Unterstützung für die arbeitsfähige Bevölkerung sehr gering ausfällt. Viele arme Familien in der Türkei leben daher hauptsächlich von der Rente älterer Personen im Haushalt.

Der OCED-Bericht gewährt einen Überblick über soziale Trends und politische Entwicklungen in OECD- und ausgewählten Schwellenländern. Die vorliegende Ausgabe enthält nun erstmalig auch Informationen zum Vertrauen der Bürger in Institutionen, zur Krankenversicherung und dem subjektiven Gesundheitszustand, zu Verbrechen sowie zum Bezug von Arbeitslosenhilfe. Insgesamt ziehen die Verfasser folgendes Fazit:

„Über fünf Jahre nach der Finanzkrise verschlechtert sich die soziale Lage in zahlreichen OECD-Ländern durch hohe Arbeitslosenquoten und Einkommensverluste. Die Fähigkeit der Regierungen zur Bewältigung dieser Herausforderungen ist auf Grund der Haushaltskonsolidierung eingeschränkt. Kürzungen der Sozialausgaben drohen jedoch, die Not der sozial schwächsten Gruppen zu verstärken, und könnten in Zukunft zu Problemen führen.“

Die Finanzkrise hat also eine Sozialkrise entfacht, deren Folgen über Jahre spürbar sein könnten. Das Credo lautet daher: Heute investieren, um morgen steigende Kosten zu vermeiden. Vor allem die sozial schwachen Gruppen bräuchten heute Unterstützung. Durch eine gezielte Ausrichtung könnten Einsparungen bewirkt und diese Menschen dennoch geschützt werden. Allerdings müssten die Regierungen schon jetzt für die nächste Krise vorsorgen.

Hier geht es zum gesamten OCED-Report. Hier der spezielle Blick auf die Türkei.

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