Die „Barone vom Bosporus“ wollen Erdoğan stürzen

Auf einer Veranstaltung des größten türkischen Wirtschaftsverbands wurde Kritik an Premier Erdoğan geübt. Offenbar wollen die Wirtschafts-Leute eine mögliche Präsidentschafts-Kandidatur des umstrittenen Premiers verhindern. Doch im Volk genießen sie nur wenig Zuspruch. Die Türken nennen sie die „Barone vom Bosporus“.

Auf einer Versammlung am Donnerstag hat der Vorsitzende des größten türkischen Industrieverbands (TÜSIAD) erneut gegen Premierminister Erdoğan gesprochen. Auslöser der Wirtschafts-Krise seien unter anderem rechtsstaatliche Defizite, so TÜSIAD-Chef Muharrem Yılmaz.

In der Türkei werden die TÜSIAD-Mitglieder auch als die „Barone vom Bosporus“ umschrieben. Sie haben einen großen politischen Einfluss.

Noch vor vier bis fünf Jahren sei die Türkei ein vorbildliches Land gewesen. Doch das habe sich mittlerweile geändert, zitiert die Hürriyet Yılmaz. Doch der TÜSIAD-Chef tritt sehr selbstgerecht auf. Zum einen ist die aktuelle wirtschaftliche Situation im auch Zusammenhang mit der weltweiten Wirtschaftskrise zu betrachten.

Zum anderen hat sich der Verband in Bezug auf die unrechtmäßigen Putschisten-Verfahren mit Kritik zurück gehalten. Maßgeblich waren nur die wirtschaftlichen Interessen. Schon damals gab es rechtsstaatliche Defizite, die von der Erdoğan-Regierung bewusst übersehen wurden. Auf das Demokratie-Argument griffen die TÜSIAD-Mitglieder erst dann zurück, als sie ihre hervorgehobene Stellung im Land bedroht sahen.

CHP-Chef unterstützt TÜSIAD

An der TÜSIAD-Veranstaltung nahm auch der CHP-Chef Kemal Kılıçdaroğlu teil. Er trat nach der Veranstaltung vor die Presse und äußerte Zweifel an einer „Parallel-Struktur“ im Staatswesen. „Doch auch wenn es eine Parallel-Struktur geben sollte, so muss mit rechtsstaatlichen Prinzipien dagegen angekämpft werden“, zitiert die Hürriyet Kılıçdaroğlu.

In den Ohren vieler türkischer Bürger dürften die Worte des TÜSIAD-Chefs wie blanker Hohn klingen. Denn der Industrieverband hatte sich in der Vergangenheit immer wieder auf die Seite von Putschisten gestellt (mehr hier).

Das Elend in den Vorstädten der Metropolen war den Mitgliedern der TÜSIAD auch egal. Mit Wettbewerbsverzerrung und unverhältnismäßiger Besteuerung haben die TÜSIAD-Mitglieder auch keine Probleme – solange es nicht zu ihrem Nachteil geschieht.

Die Barone wollen Erdoğan stürzen

Doch bei Premierminister Erdoğan beißen die „Barone“ auf Granit. Der will nicht akzeptieren, dass Wirtschaftsleute die Regierungen im Land bestimmen. In diesem Zusammenhang ist eine Ähnlichkeit zwischen Erdoğan und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin festzustellen. Oftmals werden im türkischen Volk die ehemaligen russischen Oligarchen mit den „Baronen vom Bosporus“ verglichen.

In den Augen der Erdoğan-Anhänger sind die TÜSIAD-Mitglieder schlichtweg Verräter, die Koalitionen mit antitürkischen Staaten und Organisationen eingehen, um eine demokratisch gewählte Regierung zu stürzen. Das ist zumindest die Wahrnehmung. Doch auch diese Wahrnehmung ist offenbar in einer Schieflage.

Abdullah Gül bleibt gelassen

Präsident Abdullah Gül hielt ebenfalls eine Rede vor den Industriellen. Er versuchte in gewohnter Weise, die Wogen zu glätten. Die Privat-Wirtschaft sei die „Lokomotive der Türkei“. Die TÜSIAD-Mitglieder bräuchten sich keine Sorgen machen. Jedwede Kritik werde aufgenommen. Denn die sei berechtigt.

Doch im Zuge der Kommunalwahlen habe man die Präferenzen des türkischen Volks offen sehen können. Gül sagte, dass es hier nicht darum gehe, sich gegenseitig auszustechen. Das sei der falsche Weg. Er nehme wahr, dass die TÜSIAD-Mitglieder mit Unbehagen auf die anstehenden Präsidentschafts-Wahlen schauen. Doch alle Ängste seien unbegründet. Offenbar befürchtet TÜSIAD eine Kandidatur des aktuellen Premiers Erdoğan. Das soll mit allen Mitteln verhindert werden.

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