„Tag des Kindes” in der Türkei: Zwei Drittel von ihnen leben in extremer Armut

Am 23. April wird in der Türkei der „Tag des Kindes” gefeiert. Eine aktuelle Studie der Bahcesehir Universität wirft jedoch ihre Schatten auf das fröhliche Treiben. Demzufolge leben zwei von drei Kindern in der Türkei in extremer Armut. Wenn man EU-Standards anlegt.

Die Türkei hat die höchste Kinderarmutsrate innerhalb von zwölf ausgewählten EU-Mitgliedstaaten. Das ist das Ergebnis einer Studie des Zentrums für Wirtschafts- und Sozialforschung (BETAM) an der Bahcesehir Universität. Ganze zwei Drittel aller Kinder leben in extremer Armut.

Die Studie der Hochschule basiert auf Daten des türkischen Instituts für Statistik (TurkStat) aus dem Jahr 2011. Abgefragt wurden damals Einkommen und Lebensstandards der türkischen Bevölkerung. In Bezug auf das Thema Kinderarmut rangierte die Türkei hier noch hinter osteuropäischen Ländern wie Ungarn und Rumänien.

Extreme Armut unter Kindern wird nach den Eurostat-Kriterien definiert als das Fehlen von vier oder mehr der insgesamt neun Deprivationsmerkmale. In der Türkei, so die Forscher, treffe das auf 63,5 Prozent der Kinder zu. In Rumänien läge die Rate bei 36 Prozent, in Ungarn bei 29,5 Prozent und in Griechenland bei 16,5 Prozent. Die Merkmale von Eurostat umfassen die Fähigkeit, Miete und Nebenkosten zu zahlen, das Haus angemessen zu heizen, unerwartete Kosten zu stemmen, jeden oder alle zwei Tage Fleisch, Fisch oder vegetarisch zu essen sowie einmal jährlich eine Woche Urlaub außer Haus zu verbringen. Daneben gelten der Besitz einer Waschmaschine, eines Fernsehers und eines Telefons als entscheidende Merkmale.

TurkStat misst Kinderarmut hingegen nach drei Kriterien. Schon 2011 wies das Institut darauf hin, dass 67,7 Prozent der türkischen Kinder nicht die Möglichkeit hätten, alle zwei Tage Eiweiß zu konsumieren. 39,9 Prozent lebten damals in Häusern mit einer unzureichenden Heizung und 40 Prozent konnten sich keine neue Kleidung leisten. Allerdings: TurkStat zufolge fehlten nur 24,8 Prozent aller Kinder alle drei der genannten Merkmale.

Die BETAM Studie wies auch auf eine tiefe Diskrepanz zwischen den östlichen und westlichen Regionen der Türkei hin. Während die Kinderarmut in der Ägäis-Region bei 50,9 Prozent liege, würden in der südostanatolischen Region ganze 80,9 Prozent unter ihr leiden. Im Nordosten, Zentral, Ost- und Südosten des Landes betreffe sie im Durchschnitt 75 Prozent.

In den Jahren 2006 bis 2010 sei die Kinderarmut in der Türkei gesunken. Doch ab 2011 steige sie der Studie zufolge wieder an. Das Phänomen sei im Land hartnäckig und schwerwiegend, heißt es weiter. Die türkische Regierung müsse sich hier dringend stärker engagieren. Nach Ansicht von Ayman Abulaban, UNICEF-Repräsentant in der Türkei, gebe es vor allem zwei Punkte, an denen diese ansetzen müsste: Erstens, eine familienfreundlichere Budgetierung sowie eine Verbesserung der Datenerhebung über Kinder und Armut im Allgemeinen. Denn: Je mehr ein Land darüber wüsste, wo diese Kinder lebten, welche Bedürfnisse sie hätten und wie ihre Eltern in diese Situation gekommen seien, desto besser könne Hilfe zur Verfügung gestellt werden. Und umso besser seien am Ende auch die Resultate.

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