Sorge um Tschernobyl: Spannungen zwischen Ukraine und Russland gefährden Sicherungsarbeiten

Die Eskalation der Feindseligkeiten zwischen der Ukraine und Russland könnten nun auch ein 2,1 Milliarden Dollar teures Projekt zur Sicherung des immer noch undichten Kernkraftwerks in Tschernobyl um weitere zwei Jahre hinauszögern. Beobachter fürchten, dass Russland nun überhaupt kein Interesse mehr daran haben könnte, sich weiter an der Fertigstellung eines neuen Sarkophags zu beteiligen.

Auch fast 30 Jahre nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl ist die Gefahr nicht gebannt. Die zerstörte Anlage, gut zwei Stunden Fahrt von Kiew entfernt, sollte eigentlich bis Ende 2015 komplett mit einer neuen Schutzhülle überzogen sein. Dieser neue Sarkophag sollte 100 Jahre halten. Nun steht zu befürchten, dass sich das Vorhaben aufgrund der Kampfhandlungen zwischen Russland und der Ukraine bis 2017 verzögern könnte. Eigentlich war eine Fertigstellung bereits für 2013 anvisiert.

Die Situation ist prekär. Der alte Sarkophag aus Beton ist rissig und hat seine Lebensdauer längst überschritten. Die Gefahr für die Bevölkerung wächst täglich. Radioaktives Material kann über die Luft austreten oder ins Grundwasser gelangen. Noch immer sollen rund 190 Tonnen radioaktives Material im Reaktor 4 lagern. Dazu kommen 30 Tonnen radioaktiver Staub sowie ein toxisches Gemisch aus Regenwasser und Brennstoffstaub. Bis heute existiert rund um den Reaktor ein breites Sperrgebiet.

Die Europäische Union und 17 Staaten, darunter Deutschland , Irland, die USA, Großbritannien, die Ukraine und Russland haben bereits Hunderte Millionen Dollar gespendet, um den undichten Reaktor zu verschließen. 2010 begannen die Arbeiten am neuen Sarkophag schon mit 13-jähriger Verzögerung. Bereits 1997 hatten die G7 und die EU eine entsprechende Vereinbarung getroffen.

Fertigstellung des neuen Sarkophags 2015 steht infrage

Vincent Novak, Direktor für nukleare Sicherheit der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD), der die Finanzierung von Geberländern betreut, warnt nun: Wir sehen derzeit deutlich, dass unser laufender Vertrag für die Fertigstellung im Oktober 2015 nicht aufrechterhalten werden kann. Der Zeitplan wird derzeit überarbeitet, es ist aber wahrscheinlich, dass es ein oder zwei Jahre später wird.

Tschernobyl war zum Zeitpunkt der Katastrophe am 26. 1986 Teil der Sowjetunion. Entsprechend betrachtet auch die Geschäftsführerin von Chernobyl Children’s Projekt, Adi Roche, die Situation: „Tschernobyl ist das tödliche Erbe der alten Sowjetunion für die Ukraine. Die Welt hat sehr realen Grund äußerst besorgt über die anhaltende Bedrohung zu sein. Gerade in einer Zeit großer Instabilität und wachsender Feindseligkeit zwischen der Ukraine und Russland.“ Roche zufolge seien bei der Explosion 1986 gerade einmal drei Prozent des radioaktiven Materials in der Anlage detoniert. Die übrigen 97 Prozent befänden sich noch immer darin. Das Ganze sei eine „tickende Zeitbombe“.

Beobachter fürchten: Russland will kein Geld mehr geben

Roche, so Fox Business, wisse, wovon sie spräche. Die Irin habe die Sperrzone seit damals fast zwei Dutzend Mal besucht und habe auch die Fortschritte am Bau des neuen Sarkophags beobachtet. Ihr in Cork ansässiges Kinderhilfswerk habe in den vergangenen Jahren medizinische und humanitäre Hilfe im Wert von gut 138 Millionen Dollar in die Region gebracht. Aufgrund der aktuellen Krise habe man jedoch vor kurzem ein 4,15-Millionen-Dollar-HerzchirurgieProgramm in der Ukraine aussetzen müssen. Roche zufolge scheint es, als ob Russland sein Versprechen aufgegeben hätte, weitere Gelder für den neuen Sarkophag zu sammeln. Diese Unsicherheit darüber, wo das Geld herkommen soll, um die Fertigstellung des neuen Sarkophags voranzutreiben und der Welt zu einem sichereren Ort zu verhelfen, sei äußerst besorgniserregend.

Geteilt werden ihre Befürchtungen auch von dem ukrainischen Politiker Valerii Kalchenko. Der erklärte kürzlich vor Journalisten: „Die Russen werden uns jetzt mit dem Bau des neuen Sarkophags alleine lassen. Es ist äußerst ungewiss, ob sie den Teil der Mittel, für den sie die Verantwortung haben, zur Verfügung stellen.“

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