Ukraine-Krise: Der Türkei drohen wirtschaftliche Verluste

Je mehr sich die Krise in der Ukraine zuspitzt, desto größer werden auch die Sorgen in der benachbarten Türkei. Nicht wenige befürchten, dass der Konflikt mit Russland auch wirtschaftliche Folgen für die Türken haben könnte. Ankara könnte in dieser Situation aber durchaus auch Chancen sehen.

Die wachsenden Spannungen zwischen der Ukraine und Russland versetzen auch die Türkei in eine zunehmend schwierigen Lage. Das Land hat enge politische und wirtschaftliche Beziehungen sowohl zu seinen westlichen Verbündeten als auch zu Moskau. Es scheint unklar, wie lange Ankara hier noch die Balance halten kann. Den Kürzeren ziehen muss das Land jedoch nicht. Im Gegenteil könnte sie die Situation zu ihrem Vorteil nutzen.

Nach Ansicht von Sinan Ulgen, Gastwissenschaftler am Think-Tank Carnegie Europe in Brüssel, birgt die jetzige Situation erhebliche Risiken für die Türkei. „Die politischen und wirtschaftlichen Risiken steigen. Denn je mehr der Westen seine Position gegenüber Russland verhärtet, desto mehr man über die Einführung von Sanktionen spricht, desto schwieriger wird es für die Türkei, eine Ausgewogenheit zwischen Russland und dem Westen zu halten“, zitiert Turkish Weekly Ulgen.

Ankara hat bis dato versucht, sich einigermaßen herauszuhalten.  Obschon man die Annexion der Krim durch Moskau kritisiert hat (mehr hier), folgte man bisher nicht der Linie der westlichen Verbündeten und sprach sich nicht für wirtschaftliche Sanktionen gegen Russland aus. Immerhin ist Russland derzeit der sechstgrößte Exportmarkt der Türkei. Als Geste des Guten Willens gewertet werden kann daher durchaus die Ankündigung der türkischen Fluggesellschaft Turkish Airlines, die Flüge auf die Krim wieder aufzunehmen. Erst Mitte April kündigte das Unternehmen an, seine Verbindungen bis Ende Juni zu streichen (mehr hier).

Finans Bank- Chefvolkswirt Inan Demir ist jedoch überzeugt, dass die Türkei nicht in der Lage sein wird, den finanziellen Auswirkungen der Krise zu entkommen.

„Wenn die Spannungen weiter eskalieren, dann könnten die Investoren sich anderweitig orientieren. Doch von jener Neuorientierung würden die anderen Schwellenmärkte nicht profitieren.“

Zwar gebe es durchaus die Möglichkeit, dass Kapital von Russland in die Türkei abfließe. Insgesamt würde sich die Stimmung dort jedoch eintrüben und somit eine indirekte Wirkung auf die Türkei haben.

Neben dem Thema Kapital ist auch Energie entscheidend: Derzeit deckt Russland die Hälfte des türkischen Erdgasbedarfs. Das Gros kommt im Augenblick über eine Pipeline, die durch die Ukraine läuft. Auch hier sehen Analysten eine potentielle Anfälligkeit der türkischen Wirtschaft (mehr hier). Nach Ansicht von Atilla Yesilada, politischer Berater der in Istanbul ansässigen Global Source Partners, stellt gerade jener Umstand ein echtes Druckmittel Moskaus gegen Ankara und natürlich auch gegen den Rest Europas dar. Letztlich könnte die Türkei die Ukraine-Krise aber auch zu ihrem Vorteil nutzen, so Yesilada:

Ein Weg, um Russland effektiv zu disziplinieren ist, eine Alternative zu Gazproms Monopol auf die meisten europäischen Erdgas-Dienstleistungen zu schaffen. Geschehen könnte das etwa durch einen beschleunigten Aufbau der irakisch-kurdischen Gas-Pipeline in die Türkei, oder, indem man Ankara davon überzeugt, Frieden mit Zypern zu schließen und sich mit Israel zu versöhnen, damit unterseeische Rohrleitungen in die Türkei gebaut werden können.

Zypern und Israel haben kürzlich große Erdgasreserven entdeckt. Analysten sind überzeugt, dass Europa auf diesem Wege geholfen werden könnte, seine Gasversorgung zu diversifizieren und die Abhängigkeit von Russland zu verringern. Gazprom ist sich dieser Möglichkeiten aber offenbar durchaus bewusst und sucht daher den Kontakt zur Türkei, dem zweitgrößten Kunden nach Deutschland. Erst in dieser Woche führte der stellvertretende Leiter von Gazprom, Alexander Medwedew, Gespräche mit dem türkischen Energieminister Taner Yildiz, um die Zusammenarbeit zwischen den Ländern zu erweitern.

Langfristig könnte die Ukraine-Krise also durchaus als Katalysator dienen und die Türkei zur regionalen Energiedrehscheibe aufsteigen.

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