8500 Jahre alte Fußspuren: Istanbul scheint älter als gedacht

Bisher nahmen Archäologen an, dass die Geschichte Istanbuls vor gut 2700 Jahren begann. Nun sieht es so aus, als ob die Wissenschaft umdenken müssten. Bei Ausgrabungen entlang der Marmaray-U-Bahn-Strecke wurden 8500 Jahre alte Fußabdrücke und Gräber entdeckt. Muss die Geschichte der Stadt nun neu geschrieben werden?

Vorgestellt wurden die Fundstücke im Rahmen der Konferenz „İstanbul als archäologische Fundstätte“ der Mimar Sinan Universität für bildende Kunst und des anatolischen Kultur- und Kunstforschungszentrum (AKSAM). Nach Ansicht des Archäologen Aksel Tibet sind die Fußspuren die aufregendsten archäologischen Funde in der jüngsten Geschichte.

Dem Wissenschaftler zufolge müsste aufgrund der Fundstücke, die jetzt näher unter die Lupe genommen werden sollen, nun auch die Geschichte der Bosporusmetropole umgeschrieben werden.

Im Zuge des Marmaray-Projekts, einem Unterwasser-Tunnel, der die asiatische und europäische Seite von İstanbul verbindet, wurden auch archäologische Ausgrabungen gestartet.

Auf diese Weise sollten mögliche historische Zeugnisse vor ihrem Untergang bewahrt werden. Schon jetzt erweist sich das Vorhaben als lohnend, so die türkische Zeitung Zaman. In den vergangenen Jahren hätten die Arbeiten zur Entdeckung von Zehntausenden von Artefakten und anderen Funden geführt.

So wurde im Zuge der Ausgrabungen bereits der antike Hafen des Kaisers Theodosius aus dem vierten Jahrhundert wieder entdeckt. Dieser liegt heute wenige hundert Meter vom Ufer des Marmarameers landeinwärts in Yenikapi. Dieser war zwar aus schriftlichen Quellen und von antiken Zeichnungen bekannt, doch erst die Ausgrabungen bestimmten seine Lage zweifelsfrei. Daneben entdeckten die Teams aus Archäologen, Kunsthistorikern und Architekten unzählige Gräber, Kleidungsstücke, Ton- und Glasscherben, Steingut, Amphoren, Anker, Metallgegenstände, Statuetten, Grundmauern, Kämme. Die Fachleute datieren die Fundsachen auf die Zeit der Osmanen über Byzanz, das Römische Reich und die griechische Klassik bis in zur Jungsteinzeit.

Die wohl aufregendsten Funde sind jedoch die gut 1500 Fußabdrücke und Holzgräber, mit menschlichen Skeletten, die auf die Zeit um 6.000 bis 6.500 v. Chr. geschätzt werden. Sie widerlegen die bisherige These, dass dass die ersten menschlichen Siedlungen in İstanbul vor 2700 Jahren errichtet wurden. Die Anordnung der Spuren deutet darauf hin, dass sie während eines Rituals entstanden.

Die Archäologen vermuten nun, dass sie sich dank eines ungewöhnlichen Naturereignisses bewahrt haben. Jenes Ritual wurde vermutlich in einem Flussbett abgehalten, wo schlammiger Untergrund herrschte. Die Fußabdrücke trockneten wahrscheinlich ein und verfestigten sich so. Später könnten sie durch Überschwemmungen mit Schlick oder alluvialen Ablagerungen abgedeckt worden sein und sich so erhalten haben.

Die Größen der Fußspuren reichen von den heutigen europäischen Schuhgrößen 35 bis 42. Anthropologen glauben, dass die Spuren von jenen Skeletten stammen, die an gleicher Stelle gefunden wurden. Denn die Ausgrabungen förderten auch zwei gut erhaltene Gräber zutage, die vermutlich aus der gleichen Zeit stammen.

Die archäologischen Ausgrabungen im Rahmen des Marmaray-Projekts umfassen eine Fläche von 60.000 Quadratmetern. An einigen Stellen gehen sie in eine Tiefe von bis neun Metern unter den Meeresspiegel. Der für die Ausgrabungen zuständige Archäologe Sırrı Çömlekçi weist darauf hin, dass bislang nur einen kleinen Teil der Beweise für prähistorische Leben in der Region aufgefunden hätten.

Die Tatsache, dass Teile der Gegend seit der osmanischen Zeit als landwirtschaftliche Fläche genutzt wurden, lasse jedoch auf viele weitere Funde hoffen. „In dieser Gegend waren die Gebäude nicht groß und ragten nicht tief in den Boden. Diesem Umstand sei Dank zählt die Gegend zu den am besten erhaltenen archäologischen Fundstätten Istanbuls.“

Derzeit gibt es Pläne, das Areal nach Ende der Ausgrabungen in einen archäologischen Themenpark zu verwandeln. Stehen und fallen könnten solche Ambitionen jedoch mit der Ungeduld des türkischen Premiers Recep Tayyip Erdoğan. Immerhin verzögern die Ausgrabungen den Projektabschluss bisher um vier Jahre.

Erdoğan kommentierte das einmal wie folgt: „Sie haben uns Hürden und Vorwände wie archäologische Ausgrabungen oder Amphoren und dergleichen vor die Nase gesetzt.“ Mehr Verständnis für die Arbeit zeigte der türkische Präsident Abdullah Gül bei einer Visite der Forshungsstätte. Er notierte ins Gästebuch: „Es ist klar, dass die auf diesem Gelände entdeckten archäologischen Funde Licht auf İstanbuls glorreiche Vergangenheit als auch auf die verschiedenen Epochen im historischen Abenteuer der Menschheit werfen.“

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