Look Up! Aber wohin, Gary?

Seit Tagen kursiert ein neues Video im Internet. Darin beklagt der Macher die unsoziale Realität der sozialen Medien und ihre Auswirkung. Die Kritik ist nicht neu, und hat trotzdem einen großen Erfolg. Die Sicht des Regisseurs ist dabei sehr eindimensional und trifft nicht den Kern des Problems.

Innerhalb von einer Woche wurde das Video „Look Up“ von Gary Turk 12,3 Millionen mal angeklickt und damit zum YouTube-Hit. Die Kritik über den Umgang mit den sozialen Medien und Smartphones ist nicht neu. Dass sich eine Social-Media Kritik in den sozialen Medien verbreitet ist ironisch genug. Warum also ist dieses Video so erfolgreich?

Der Inhalt des Videos ist genauso verständlich wie simpel: Ein junger Mann mit britischem Akzent beschwert sich darüber, dass er 422 Freunde hat und trotzdem einsam ist. Wir verbrächten zu viel Zeit mit unseren Smartphones und eigentlich würden wir sonst nichts anderes tun. Mobile Technologie mache uns alle zu kreativlosen Sklaven ohne Emotionen. Wir seien eine Generation von „Idioten, Smartphones und dummen Leuten“. Menschen, die auf ihren Handys rumtippen und nicht miteinander reden, sind zu sehen.

Im zweiten Teil des Films – und das soll die Alternative darstellen – fragt ein Passant mit einem Zettel in der Hand eine hübsche Dame nach der Straße. Sie lernen sich kennen. Verlieben sich. Ehering. Haus. Kinder. Enkelkinder. Am Sterbebett bedankt sich die Frau dafür, ihren verloren Mann auf der Straße getroffen hat. Und das ganze in Reimschema zu einer harmonischen Melodie. Die perfekte Lovestory.

Doch wer ist dieser Gary Turk, der angeblich Millionen von Social Media Sklaven aus der Seele redet? Auf seiner Twitter-Seite präsentiert er sich als Autor, Regisseur und Verbal Projektor, also so etwas wie Wortakrobat. Nach zahlreichen unspektakulären Kurzfilmen und Comedy-Auftritten hat sein Social-Media-Bashing endlich Erfolg.

Der Inhalt seines Textes ist nichts Neues. Jeder Smartphone Nutzer hat sich wahrscheinlich schon mit dem Thema auseinander gesetzt. Dass sich nach diesem Video etwas ändert ist höchst fraglich. Denn über die Vorteile oder den richtigen Umgang mit den sozialen Netzwerken hat sich Gary nicht auseinandergesetzt.

Viele Freundschaften, Beziehungen, aber auch Demonstrationen und Proteste hatten ihren Anfang im Internet. Während Menschen weltweit wie in der Türkei, China oder Iran gegen eine Internetzensur kämpfen, findet Gary die ständige Verbindung asozial. Man stelle sich vor, wie weit der Arabische Frühling ohne das Internet gekommen wäre. Erst über die sozialen Medien konnten sich Demonstranten austauschen, Videos teilen oder organisieren.

Ob dieses Video in der Türkei genauso großen Erfolg hat ist sehr unwahrscheinlich. Denn in der Türkei ist You-Tube noch immer gesperrt (mehr hier) Auch Twitter wurde zwischenzeitlich gesperrt. Was die Menschen benötigen sind nicht weniger, sondern mehr Social Media. Dies sollte aber einhergehen mit einem verantwortungsvollen Umgang. Das, und da muss man Gary Recht geben, müssen viele Nutzer noch Lernen, indem man ihnen Alternativen aufzeigt. Und nicht nur den Hinweis mitgibt, sie sollten ihre Köpfe hochnehmen und dann würde schon alles besser werden. Es kommt darauf an, den Anwendern die Vorteile aufzuzeigen und neue Möglichkeiten zu zeigen. Dass sich das Video so erfolgreich verbreitet hat, ist ein klares Zeichen dafür, dass die Menschen etwas Neues haben wollen. Es stellt sich nur noch die Frage, wie das Neue aussehen könnte. Look Up! Aber wohin Gary?

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