Eurovision Song Contest: Sieg von Conchita Wurst sorgt für Unmut in Russland

Wie kaum ein anderer Interpret vor ihr hat die österreichische Dragqueen Conchita Wurst beim diesjährigen Eurovision Song Contest abgeräumt. Ihr Sieg gilt als europäisches Zeichen der Toleranz. Auch aus Russland erhielt ihr Song „Rise Like A Phoenix” fünf Punkte. Einverstanden ist damit aber offenbar nicht jeder. Schon tags darauf meldete sich der russische Unmut lautstark.

Bereits im Vorfeld hatte Conchita Wurst mit derben Anfeindungen zu kämpfen. Auch nach dem 290-Punkte-Triumpf der bärtigen Lady in Kopenhagen ebben die homopoben Äußerungen nicht ab. In Russland haben sich am Sonntag Politiker und Stars gleichermaßen zu abfälligen Äußerungen hinreißen lassen.

So machte etwa der stellvertretende russische Ministerpräsident Dmitri Rogosin seinem Unmut über den Ausgang des Wettbewerbs über Twitter Luft. Das würde den Anhängern der europäischen Integration zeigen, wo die europäische Zukunft hinführe. Nämlich zu einer bärtigen Lady:

Auch Wladimir Schirinowski, Gründer und Chef der Liberal-Demokratischen Partei Russlands, einer im rechtsextremen Spektrum angesiedelten russisch-nationalistischen Partei, hielt mit seiner Meinung nicht hinterm Berg. „Unsere Empörung kennt keine Grenzen. Das ist das Ende Europas“, so der 68-Jährige am Sonntag im russischen Fernsehen. Und er trat nach: Vor 50 Jahren hätte die sowjetische Armee Österreich besetzt, es freizugeben sei ein Fehler gewesen. Man hätte dort bleiben sollen.

Ähnlich daneben äußerte sich der beliebte russische HipHop-Star Timati. Auf Instagram ließ er keine Zweifel. Der Sieg von Conchita Wurst sei das Resultat einer „Geisteskrankheit der modernen Gesellschaft“. Er jedenfalls wolle seinen Kindern nicht eines Tages erklären müssen, warum es normal sei, wenn zwei Männer sich küssen oder eine Frau mit Bart herumlaufe.

Russland muss seine Ansichten überdenken

Rückhalt für die Österreicherin gab es hingegen von der ukrainischen Dragqueen Verka Serduchka alias Andriy Danilko, die es 2007 beim ESC auf den zweiten Platz schaffte. Um ehrlich zu sein, am Anfang hat es mich ein bisschen geschockt. Doch als ich es dann sah, dachte ich: Warum nicht? Eine Person will sich ausdrücken. Ihr Appell: Wir müssen mehr mitfühlen. Ich hasse es, wenn Leute gemobbt werden. Sie ist so nett. Pop-Star Filipp Kirkorov, Produzent des russischen Eurovision-Beitrags in diesem Jahr schlug sogar vor, den Sieg von Conchita Wurst zum Anlass zu nehmen, die homophoben Ansichten im Land noch einmal zu überdenken. Wurst sei in gewisser Weise natürlich eine Herausforderung. Doch den Gewinner sollte man respektieren.

Bei ihrer Ankunft in Wien am Sonntag hakte auch Conchita Wurst noch einmal gen Russland nach: Der Sieg richtet sich an einige Politiker, die wir kennen und denen ich sagen möchte, dass letztendlich das Gute immer siegt und unaufhaltsam ist, zitiert sie die Deutsche Welle. Die Punkte auch von russischen Zuschauern zeigten aber, dass nicht alle Russen intolerant seien.

Für die österreichische Teilnehmerin beim ESC gab es am Samstagabend fünf Punkte aus Russland. Einen mehr als man der Ukraine zugestand (mehr hier). Viel einstecken mussten übrigens auch die russischen Teilnehmerinnen. Die Zwillinge Anastassija Andrejewna und Marija Andrejewna Tolmatschowа aus Kursk (mehr hier). Nach Buhrufen zum Halbfinale landeten die beiden 17-jährigen Mädchen am Ende aber immerhin auf Platz sieben.

Harte Anti-Schwulen-Gesetzgebung

Mit in Kraft treten der Anti-Schwulen-Gesetzgebung in Russland haben Schwule, Lesben und Transgender einen noch härteren Stand im Land als zuvor. Bereits im vergangenen Sommer rief es zahlreiche Prominente auf den Plan. Auch das deutsche Außenministerium hatte sich bereits kurz nach Inkrafttreten eingeschaltet. In Reaktion auf das neue Gesetz hat das Auswärtige Amt die Reise- und Sicherheitshinweise für die Russische Föderation verändert. Dort heißt es nun unter dem Punkt „Besondere strafrechtliche Vorschriften“:

„Homosexualität ist in Russland nicht strafbar. Jedoch ist die Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Partnerschaften in der russischen Gesellschaft gering. Das russische Parlament (Staatsduma) hat (…) ein föderales Gesetz gegen ‚Propaganda nicht-traditioneller sexueller Beziehungen‘ beschlossen. Durch das Gesetz drohen auch Ausländern bei Weitergabe von Informationen, öffentlicher Demonstration und Unterstützung von Homosexualität Geldstrafen in Höhe von bis zu 100.000 Rubel (rund 2.300 Euro), bis zu 15 Tage Haft und die Ausweisung aus der Russischen Föderation. Damit das Gesetz offiziell in Kraft tritt, muss es noch vom Föderationsrat (Oberhaus) angenommen und vom Staatspräsidenten unterzeichnet werden.

Kanada bietet Asyl für russische Homosexuelle

Kanada ging noch einen Schritt weiter. Der dortige Flüchtlingsrat hatte Mitte August 2013 signalisiert, entsprechende Asylanträge wohlwollend zu prüfen. Das Land akzeptiert homosexuelle Asylsuchende in gleicher Weise wie verfolgte Mitglieder einer anderen Gruppierung, etwa einer religiösen oder ethnischen Minderheit. Asylsuchende können nach ihrer Ankunft in Kanada einen entsprechenden Antrag stellen, wenn sie eine Verfolgung durch ihre Regierung geltend machen.

Russland hat außerdem die Aufnahme russischer Kinder durch ausländische homosexuelle Paare untersagt.

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