CDU-Politikerin: Die USA versteht Vielfalt ganz anders als Deutschland

Die CDU-Politikerin Serap Güler befand sich vor kurzem auf einer politischen Reise in den USA. Von dort aus berichtet sie für die Deutsch Türkischen Nachrichten. Während ihrer Tour verfestigt sich für sie vor allem ein Eindruck: Mit deutschen Maßstäben kommt man in den Vereinigten Staaten nicht weit. Doch vieles kommt der jungen Frau auch bekannt vor.

Das Wichtigste zuerst: Die USA sind ein tolles Land. Vielfältig, interessant, bunt, spannend, aufregend. Es macht einfach große Freude das Land zu bereisen, die Kultur und unterschiedliche Menschen kennenzulernen, Neues zu entdecken. Es ist wirklich atemberaubend, was das Land alles zu bieten hat. Aber: Gleichzeitig kann es auch oft überfordernd wirken, gerade wenn man als Deutsche unterwegs ist. „Stop, to think german!“ muss man sich immer wieder sagen – was natürlich nicht immer einfach ist.

Das banalste Beispiel ist vielleicht, dass in den Staaten alle Preise ohne Tax, also ohne die MwSt, angegeben sind. Der Verbraucher muss sich diese immer dazurechnen, damit er weiß, was er am Ende wirklich zahlt. Der Grund: In jedem Bundesstaat fällt die Tax unterschiedlich aus. Es gibt sogar Staaten, die gar keine MwSt haben. Weniger banal ist hingegen das Beispiel, dass in einigen Bundesstaaten vor Restaurants oder Geschäften darauf hingewiesen wird, Waffen bitte draußen zu lassen. Auch nicht banal ist die Erkenntnis, dass wir Europäer, v.a. wir Deutsche in den Staaten als Sozialisten – wenn nicht als Kommunisten – wahrgenommen werden. Zum Beispiel, weil bei uns die Krankenversicherung gesetzlich geregelt ist, oder vieles in der Verantwortung des Staates liegt, was in den USA v.a. von vielen engagierten NGOs, also Nichtregierungsorganisationen aufgefangen wird.

Diese arbeiten zwar ähnlich wie bei uns die Freie Wohlfahrtspflege, finanzieren sich aber hauptsächlich über Spenden und weniger durch staatliche Mittel. Wozu sich eine NGO verpflichtet ist ganz unterschiedlich: Jugendarbeit, Sozialarbeit, Kinderbetreuung, Bildungsarbeit, Pflegedienst oder auch die Integrationsarbeit kann ihr Schwerpunkt sein. Wenn man einige NGOs besucht und die Möglichkeit bekommt, ihre Arbeit kennenzulernen, wird man vor allem die Erkenntnis gewinnen, wie professionell sie arbeiten. Das Aber hier ist: Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, da sie aus deutscher Perspektive die Aufgaben übernehmen, für die bei uns der Staat aufkommt. Doch wie gesagt: Stop, to think german!

Nicht zuletzt sind es auch die vielen Gegensätze, die dieses Land so einzigartig machen und die man überall findet. In L.A. zwischen dem schicken Beverly Hills, dem noblen Bel Air und als krassen Gegensatz dazu dem doch sehr verfallenen Hollywood. In Detroit zwischen Downtown und den Vororten. „Warum denn gerade Detroit?“ fragte mich eine Dame in den 60ern, als ich ihr erzählte, dass die letzte Station unserer Tour eben diese Stadt ist. „Dreckig ist es dort und arm. Alle ziehen weg. Übel! Aber die Vororte, die sind wunderschön, sehr schick!“ Diese, fuhr sie fort, dürfe ich auf keinen Fall verpassen.

Es stimmt. Detroit ist weder sauber noch lebendig. Mehr als Menschen findet man dort vor allem Parkplätze – die leer stehen. Zugespitzt kann man sagen, dass die ganze Stadt ein riesiger, leer stehender Parkplatz ist, den man bei Dunkelheit alleine lieber meiden sollte. „Es gibt keine Stadt, die am Wasser liegt und nicht schön ist“, sagte einmal jemand zu mir. Ich muss zugeben, dass auch ich so gedacht habe – bis ich Detroit sah und heute sagen muss: Wasser allein reicht nicht.

Gerade unser Bundesland, Nordrhein-Westfalen, hat nicht wenige Kommunen, denen man ansehen kann, dass es der Stadt finanziell nicht gut geht. Doch jede dieser Kommunen hat neben Detroit den Glanz eines Monte Carlos. Kaputte Straßen und die Kürzung von kulturellen Angeboten sind das Eine, das noch Nachvollziehbare. Aber dass Polizisten entlassen, die Feuerwehr ehrenamtlich geregelt werden muss, dass die Müllabfuhr quasi nicht mehr existiert, dass nur von einer (!) NGO 40.000 Menschen monatlich mit Essen versorgt werden, oder ganze Stadtviertel einfach leergefegt sind, sind das Andere. Das Schockierende.

So viel zur sozialen Lage. Aber natürlich ist Detroit noch mehr. Zum Beispiel eine Stadt, in der es eine aktive Künstlerszene gibt. Allein ein Besuch auf dem Eastern Market reicht aus, um die Vielfältigkeit der Musikszene bei einem Gang über den Markt kennenzulernen. Ferner lebt in Detroit bzw. in der direkten Nachbarschaft Dearborn die größte arabische Community in den Staaten. Vergleichbar mit unseren Gastarbeitern, kam die erste Generation der Arab-Americans Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre um in der Industriebranche zu arbeiten. Und wie bei uns schlug man auch dort Wurzeln. Heute gibt es dort eine Generation, zum Teil die dritte oder vierte, die mit der ersten gar nicht mehr kommunizieren kann: Die erste spricht kein Englisch und die letzte kein Arabisch.
Dearborn ist das Arab-Town Detroits: arabische Geschäfte, Restaurants, das einzige arabische Museum der Staaten, oder Schulen, die eine hohe Anzahl arabischstämmiger Schüler haben. Die Leiterin einer Grundschule antwortete auf meine Frage, wie hoch der Anteil der arabischstämmigen Schüler sei, wie folgt: „Wir haben drei Prozent Kinder, die nicht arabischer Herkunft sind.“ Sie selbst hatte ebenfalls arabische Wurzeln. Die meisten Araber in Dearborn sind Muslime (auf das ganze Land bezogen, relativiert sich das. Von den rund zwei Millionen Arab-Americans sind 25 Prozent Muslime, 65 Prozent Christen), die es gerade nach 9/11 alles andere als leicht haben.

Statistisch lässt sich seit dem 11. September eine Zunahme von 2000 Prozent auf die „Hass-Kriminalität“ auf Muslime in den Staaten verzeichnen. Gleichzeitig haben sich auch Initiativen und NGOs für und von der arabisch-muslimischen Community verbreitet, die es sich auf die Fahne geschrieben haben, aufzuklären und zu vermitteln. So gibt es beispielsweise seit 2005 den First National Arab-American Service Day, der am 24. September stattfindet. Das Motto dieses Tages lautet: Serving Communities, Connecting People. Auch hat sich die Initiative “Bridges” an der Universität Michigan nach 9/11 gegründet, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Brücken zwischen der arabischen Community und der amerikanischen Bundesregierung zu schlagen. Interessant und aufschlussreich war der Austausch mit Suehaila Amen, der Vorsitzenden von Bridges. Interessant, weil einem doch so vieles bekannt vorkam. Zum Beispiel, dass es innerhalb der arabischen Community oft Zwist gäbe, weil viele Konflikte in den Herkunftsländern auch hier ausgetragen würden, viele Familien Angst hätten, ihre Kinder gehen zu lassen, z.B. zum Studieren in eine andere Stadt, weil sie denken: „Wenn ich loslasse vergisst das Kind woher es kommt, wer es ist.“

So erzählte Suehaila die Geschichte einer jungen arabischen Frau, die eine Zusage aus Harvard bekommen habe und Bridges die Eltern überzeugen, sie überreden musste, die Tochter gehen zu lassen. Und auch diese Aussage kam mir sehr bekannt vor: „Viele interessieren sich auch nach Jahrzehnten vielmehr dafür, was in ihrem Herkunftsland passiert als für das, was hier läuft.“ Doch trotz dem mangelnden Interesse an Politik, habe es die Community geschafft, bei der letzten Kommunalwahl drei arabischstämmige in den Stadtrat zu wählen (Anmerkung: 45 Prozent der Bevölkerung in Dearborn ist arabischstämmig, 25.000 sind wahlberechtigt, 7.000 haben tatsächlich gewählt) und vor zwei Jahren den ersten arabischstämmigen Richter aufzustellen. In Dearborn wäre das möglich, erzählte Suehaila weiter, woanders in den Staaten wäre das undenkbar. Unsere Gesprächspartnerin kannte auch ein wenig die Verhältnisse in Deutschland. Sie habe Deutschland vor einigen Jahren mal besucht erzählte sie uns. In Nordrhein-Westfalen sei sie gewesen und habe im Rahmen ihrer Reise, deren Thema „Diversity“ gewesen sei, ein Gymnasium besucht. Sie erzählte ein wenig verärgert über diesen Besuch, da sie auf dem Gymnasium lediglich zwei Schüler mit Zuwanderungsgeschichte getroffen hätte. „In den Staaten verstehen wir unter Diversity etwas anderes“, sagte sie. „Ja?“, fragte ich mich selbst und dachte an unseren Schulbesuch in Dearborn, wo 97 Prozent der Schüler arabischer Abstammung waren. Diversity?

Ein Erlebnis besonderer Art war eine Einbürgerungszeremonie, an der wir – auch in Detroit – als Gäste teilnehmen durften. Die Einbürgerung schimpft sich auf Englisch immer noch als „naturalization“. Man stelle sich nur kurz einmal vor, welche Debatten es auslösen würde, wenn auch wir noch von einer „Naturalisation“ sprechen würden! Zu nicht milderen Debatten würde der Eid führen, den jeder neue Staatsbürger in den Staaten ablegen muss (Oath of Allegiance) und damit erklärt, gegenüber jedem anderen Staat „absolut und vollständig jede Loyalität und Treuepflicht“ aufzugeben oder auch Waffen zu tragen, „wenn dies vom Gesetz verlangt wird“. Undenkbar, doch kleine und wichtige Details, die bei uns, wenn wir das amerikanische Modell loben, keine Rolle spielen. Wir nehmen immer wieder die USA als Beispiel, wenn es um die Mehrstaatlichkeit geht: „Die USA ermöglicht die doppelte Staatsbürgerschaft.“ Genauer betrachtet ist es der USA egal, welche anderen Staatsbürgerschaften die neuen Staatsbürger sonst noch haben, nicht aus Toleranz oder Akzeptanz, sondern ganz einfach aus Ignoranz. Ebenso ein Detail, das auch mir bis dato gar nicht klar war. Und trotz alldem ist so eine Einbürgerungszeremonie wirklich besonders. Bei „unserer“ erhielten rund 40 neue Staatsbürger ihre Urkunde von einer Richterin, die zu Beginn ein paar Worte an die neuen Staatsbürger richtete. Sehr persönlich, wie ich finde. Sie sagte:

„Behalten Sie bitte ihre Herkunftskultur. Das bereichert uns. Helfen Sie uns alle, uns gegenseitig besser zu verstehen, helfen Sie dabei, uns besser kennenzulernen. Und verinnerlichen Sie auch: Es ist unabdingbar, dass Sie die Sprache dieses Landes, die Englisch ist, lernen und sprechen – für sich selbst, damit Sie teilhaben können. Aber auch: Damit wir uns besser kennenlernen können, brauchen wir eine gemeinsame Sprache. Ich bitte Sie, diese Verantwortung ernst zu nehmen, ohne dabei Ihre eigene Sprache zu vergessen. Auch möchte ich Ihnen allen als neue Staatsbürger zwei Ratschläge mit auf den Weg geben:

1. Sie können jetzt wählen! Machen Sie das! Wenn Sie Ihr Wahlrecht nicht nutzen, kann ich nicht verstehen, warum Sie Staatsbürger dieses Landes werden wollten.
2. Engagieren Sie sich ehrenamtlich. Als Richterin würde ich mir wünschen, wenn Sie sich an unserem Justizsystem beteiligen und Geschworene werden und uns Richtern helfen, Gerechtigkeit walten zu lassen.“

An diesem Tag haben sich Menschen aus Syrien, Ägypten, dem Libanon, dem Irak, Jemen, Polen, Kanada, Kamerun, Mexico, Peru, Pakistan, Indien, Rumänien, Montenegro, Taiwan und Malaysia einbürgern lassen. Der Älteste von ihnen war um die 80. Am Ende der Zeremonie führte die Richterin noch hinzu: „You are all winners today!“ Ja, ich glaube allein schon wegen ihr waren sie das wirklich. Wenn es etwas gibt, wo wir uns eine dicke Scheibe von abschneiden können, ist es sicher diese: Die Begeisterung für das eigene Land.

Serap Güler wurde 1980 in Marl geboren. Sie ist Abgeordnete der CDU-Fraktion im Landtag von Nordrhein-Westfalen und Mitglied des CDU-Bundesvorstands.

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