Cem Özdemir: Erdoğan verliert den Draht zu den Menschen

Grünen-Chef Cem Özdemir hat den Umgang des türkischen Premiers Recep Tayyip Erdoğan mit dem Minenunglück von Soma kritisiert. Er habe in seiner Anfangsphase Erstaunliches geleistet. Nun hat sich die Stimmung ins Gegenteil verkehrt. Erdoğan sei gerade dabei, den Draht zu den Leuten zu verlieren. Der 48-Jährige mahnt: Man dürfe jetzt kein Öl ins Feuer gießen.

Fast 300 Tote: Das ist die bisherige Bilanz des Grubenunglücks von Soma am 13. Mai. Seit Tagen entladen sich Wut und Trauer auf den türkischen Straßen. Viele Bürger geben der Regierung die Schuld an der Katastrophe. Der Premier reagiert in dieser Situation falsch, meint Grünen-Chef Cem Özdemir. Er warnt: „Erdoğan ist dabei, den Draht zu den einfachen Leuten zu verlieren.“

Drei Tage nach der Explosion ist immer noch nicht klar. Wer trägt eigentlich die Verantwortung für diese Katastrophe? Amnesty International macht die türkische Regierung verantwortlich. Der private Minenbetreiber wiederum soll Profit zu Lasten der Sicherheit machen wollen (mehr hier) „Das muss die Türkei aufarbeiten. Sie sollte, wenn sie gut beraten ist, dafür sorgen, dass es eine unabhängige Aufarbeitung ist“, so Özdemir im Gespräch mit Dunja Hayali im ZDF-Morgenmagazin an diesem Freitag. Es müssen eine sein, die auch von den Menschen vor Ort angenommen würde, in der die Gewerkschaften und Überlebende einbezogen wären.

Derzeit kocht die Stimmung im Land hoch. Immer wieder kommt es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizei. Im Netz kursieren Aufnahmen von aufgebrachten Mengen, die den Premier gar als „Mörder“ bezeichnen:

Es sollten „sehr schnell“ Ergebnisse präsentiert werden, fordert der Grünen-Chef. Es muss herausgefunden werden, ob die Vorwürfe, die im Raum stehen, tatsächlich stimmen. „Erdoğan ist aufgefordert deutlich zu machen, dass auch die Grubenarbeiter seine Bürger sind. Und nicht nur die, die ihn gewählt haben“, so Özdemir weiter.

Ernsthaft und neutral muss der Sache nun nachgegangen werden, da ist sich der Grünen-Politiker mit Amnesty International einig (mehr hier). Ob das allerdings tatsächlich geschehen wird, daran hegt auch Özdemir Zweifel. Erdoğan regiere wie ein „absolutistischer Herrscher“. Dass er jetzt auch noch Atomkraftwerke baut, sei ein „Tanz mit dem Teufel“ (mehr hier). Derzeit gefährde er alles, was er zum Teil selbst aufgebaut habe. Dem erzwungenen hohen Wachstum falle alles zum Opfer in diesem Land. Sein Appell gilt der Opposition: Denn dieser sei es bisher nicht gelungen, eine Alternative anzubieten, die den Menschen auch Wohlstand garantiere.

Die Korruptionsvorwürfe, das zeigte der Ausgang der letzten Kommunalwahlen, konnten dem Premier nichts anhaben. Nun spielt er das Minenunglück herunter. Obendrein gibt es Bilder, die seinen Berater auf einen Angehörigen der Opfer eintreten lassen, auch er selbst soll zugeschlagen haben:

„Er überzieht. Er überzieht auch für seine Verhältnisse“, so der Eindruck von Cem Özdemir. „Herr Erdoğan hat gerade in der Anfangsphase Erstaunliches geleistet. Tabus in der Türkei enttabuisiert, Reformen eingeleitet. Jetzt ist er aber gerade dabei, den Draht zu verlieren, was ihn stark gemacht hat, zu den einfachen Leuten.“ Den Auftritt von Soma könnten auch viele seiner Anhänger nicht gutheißen. Nach so vielen Toten würde man trauern und die richtigen Worte finden und eben nicht Öl ins Feuer gießen. Staatspräsident Abdullah Gül habe das anders gemacht. Mache der Premier so weiter, werde er auf Dauer auch die Unterstützung seiner eigenen Anhänger verlieren. Das könnte jedoch ein langwieriger Prozess werden.

Mehr zum Thema:

Cem Özdemir: Erdoğan verliert den Draht zu den Menschen
Cem Özdemir: Erdoğans Terrorismuskritik an der EU ist falsch
Eigener Eindruck: Cem Özdemir besucht den Taksim Park

 

 

Kommentare

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.