Deutsch-Türken formieren sich gegen Merkel

Die Deutsch-Türken haben ein gemischtes Verhältnis zu Premier Erdoğan. Doch der türkische Premierminister bekommt mehr und mehr Befürworter. Auslöser dieser Entwicklung sind die Missstände in Deutschland. Die deutsche Politik hat offenbar versagt.

Kurz vor dem Kölner Erdoğan-Besuch ist die Stimmung in Deutschland aufgeheizt. Deutsche Politiker üben Druck auf die Deutsch-Türken aus. Sie erwarten von der größten ethnischen Minderheit des Landes einen Erdoğan-Boykott. Doch offenbar greift die Strategie nicht wirklich. Bei zahlreichen Deutsch-Türken herrscht Wut auf Merkel und das deutsche Establishment.

Die DTN-Redaktion besuchte am Samstag Berlin-Kreuzberg. Ein deutsch-türkischer Mann sagte den DTN, dass er kein Befürworter der AKP-Politik sei. Doch am 24. Mai werde er auf die Erdoğan-Veranstaltung fahren. Auf Nachfrage, welche Logik hinter dieser kuriosen Reaktion steht, sagte der Mann:

„Ich stamme aus einer linkssozialistischen Familie. Wir haben hier jahrzehntelang gearbeitet und Steuern gezahlt. Doch die deutschen Medien und ein Großteil der Politiker sind permanent damit beschäftigt, gegen uns zu hetzen. Er ist unser letzter Anker.“

Die DTN fragten einen Jugendlichen und seine beiden Freunde, was sie vom Erdoğan-Besuch halten? Der junge Deutsch-Türke antwortete:

„Ich finde, dass Erdoğan ein großer Mann ist. Ich werde nicht zur Veranstaltung fahren. Doch einige meiner Bekannten fahren hin.“

Auf Nachfrage der DTN, woher die Bewunderung Erdoğans kommt, sagte der Jugendliche:

„Er versteht uns. Die Deutschen tun das nicht. Sie wollen uns vertreiben. Rechtsradikale hingegen werden vom Staat unterstützt.“

Weitere Passanten machten deutlich, dass sie kein Vertrauen in den deutschen Staat haben. Auslöser dieser Reaktion seien die jahrzehntelangen Erfahrungen und die NSU-Morde gewesen. Die Enttäuschung sitzt offenbar tief.

Doch es gab auch Stimmen, die kein Interesse an Politik zeigten. Eine weitere deutsch-türkische Passantin sagte den DTN, dass sie kein Fan sei von Premier Erdoğan. Doch auch Bundeskanzlerin Merkel sei ihr egal. Wichtig sei für sie, dass die am Ende des Monats genug Geld hat, um sich den wichtigen Dingen des Lebens zu widmen.

„Was können uns Politiker schon geben? Die sind alle gleich. Wichtig ist, dass man eine Arbeit hat. Wer in Deutschlad keine Arbeit hat, ist selbst schuld.“

Die DTN-Redaktion traf auch auf Menschen, die als Erdoğan-Gegner eingestuft werden können. Ein Mann sagte den DTN, dass Erdoğan ein „Faschist“ sei. Er habe die Türkei von einem säkularen in einen islamischen Staat umfunktioniert. Er wünsche ihm „den Tod“.

„Es kann nicht sein, dass der Mann sich aufführt wie ein Autokrat. Ist das Demokratie?“

Auf Nachfrage der DTN, ob er zufrieden sei mit der deutschen Bundesregierung, sagte der Mann:

„Die Merkel ist nicht meine Bundeskanzlerin. Der glaube ich kein Wort mehr. Was hat sie denn für die Bürger in diesem Land getan?“

Die Reaktionen in Kreuzberg fielen vielfältig aus. Doch offenbar erhöht sich die Anzahl der Erdoğan-Befürworter. Das war zumindest der Eindruck der DTN-Redaktion.

Das mag auch daran liegen, dass die Mehrheit der Deutschen nicht kritikfähig ist und auf Problemstellungen mit der Aussage „Wem es nicht passt, kann das Land gerne verlassen“ antwortet.

Maßgeblich für viele der jungen Deutsch-Türken ist nicht die Situation in der Türkei, sondern die Negativ-Erfahrungen in ihrer Heimat Deutschland.

Doch für viele Deutsche ist Deutschland nicht die Heimat jener ethnischen Minderheit – und genau hier liegt das Problem.

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