Schweres Trauma: Kumpel von Soma können nicht zur Arbeit gezwungen werden

Gerade einmal eine Woche ist das verheerende Minenunglück von Soma her. Doch schon bald sollen die Kumpel anderer Gruben wieder unter Tage. Für viele von ihnen ein absoluter Graus. Nun kocht eine neue Debatte in der Türkei hoch. Darf man die traumatisierten Arbeiter zur Fahrt in die Tiefe zwingen?

301 Tote hat das Minenunglück von Soma am 13. Mai gefordert. In Kürze will die hiesige Industrie die Arbeit in den Gruben wieder aufnehmen. Für nicht wenige der betroffenen Arbeiter eine Schreckensnachricht. Sie fürchten, ihren Job zu verlieren, wenn sie sich weigern.

Über das hiesige Arbeitsamt seien die Minenarbeiter zunächst aufgefordert worden, ihre Arbeit in den von der Soma Holding betriebenen Anlagen in der Nacht vom 19. auf den 20. Mai wieder aufzunehmen, so der CHP-Abgeordnete Özgür Özel am vergangenen Montag. Andere Bergbauanlagen in der Region hätten den gleichen Anruf getätigt, ohne das Trauma und die Trauerzeit der Einheimischen zu berücksichtigen. Nach Ansicht von Özel, der sich am Dienstag auch in der New York Times mit einem eigenen Artikel zum Unglück geäußert hat, seien die Arbeiter aus psychologischer Sicht noch nicht wieder bereit für einen Einsatz. Sie dazu zu zwingen, verstoße sowohl gegen türkisches als auch internationales Arbeitsrecht.

Diskutiert worden sei die Situation auch an oberster Stelle. So habe bereits ein Gespräch zwischen dem CHP-Abgeordneten Sezgin Tanrıkulu, dem türkischen Energieminister Taner Yıldız und Arbeitsminister Faruk Çelik stattgefunden. Das Ergebnis: Niemand würde dazu gezwungen, zur Arbeit zurückzukehren. Özel zufolge würden die Verträge derjenigen, die sich derzeit weigerten, nicht aufgelöst werden. Auch ihr Tageslohn würde nicht beschnitten. Das berichtet die türkische Zeitung Hürryiet.

Die Angst der Betroffenen ist groß: Zwischenzeitlich gab es bereits Aufforderungen der Gewerkschaft Maden-İş, erneut die Arbeit niederzulegen bis alle Minen ordnungsgemäß überprüft worden seien. Das Argument: Immerhin wären rund 3.200 Minenarbeiter allein in Soma betroffen. Und es könnten noch mehr werden. Denn wie das Blatt berichtet, suche die Soma Kömür İşletmeli A.Ş. derzeit rund 100 neue Bergleute aus Soma und den benachbarten Städten. In einer entsprechenden Stellenausschreibung des Arbeitsamtes würden jedoch keinerlei Vorkenntnisse gefordert. Es würde lediglich ein Jobraining angeboten. Für Özel ist diese Anzeige nicht hinnehmbar. Allein die Tatsache, dass das Unternehmen keine Qualifikationen verlange, sei Grund genug für eine Inspektion.

Die Lage in der vom Bergbau abhängigen Region ist angespannt. Die Einwohner fürchten um ihre Zukunft, so Zeynel Balkız in einem Interview mit CNN Türk. Der Vorsitzende der Rechtsanwaltskammer von Manisa weist auf den bestehenden Mangel an Arbeitsplatzsicherheit hin. Etwa 9000 von 10.000 Bergleute in der Stadt hätten Schulden zu bezahlen. Die Leute würden zögern, sich an Juristen zu wenden, obschon ihnen Unterstüztung zustünde. Sorgen bereiten dem Anwalt auch die Rechte der inoffiziellen Frauen der toten Bergleute. Verbindungen, die nur auf religiöser Basis geschlossen worden seien,  hätten kein offizielles Entschädigung- und Versicherungsrecht.

Die Arbeit in den beiden weiteren von der Soma Holding betriebenen Minen ruht nun bis zum 1. Juni.

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