Immenses Gefahrenpotential: Gut 400 kritische Minen in der Türkei

Eine Wiederholung des Unglücks von Soma ist offenbar wahrscheinlicher als bislang befürchtet. Einem Branchenfachmann zufolge gebe es in der Türkei derzeit rund 400 Minen mit massiven Sicherheitsrisiken. Das Land nun mit dem eingeschlagenen Atomkurs noch weiteren Gefahren auszusetzen sei aber alles andere als logisch.

In der Folge der Katastrophe von Soma am 13. Mai haben sich nun Branchenfachleute zu einem Kohle-Bergbau-Kongress in der Schwarzmeer-Provinz Zonguldak getroffen. Sie fürchten, dass das Unglück mit 301 Toten nicht das Letzte gewesen sein könnte. Gleichzeitig äußerten sie Bedenken über die in der Türkei geplanten Atomkraftwerke.

Es gibt 400 Bergwerke in der Türkei, die bereit sind zu explodieren“, zitiert die türkische Zeitung Hürriyet Mehmet Torun, den ehemaligen Vorsitzenden der Kammer der Bergbauingenieure. Seit der Katastrophe von Soma sei mehr als eine Woche vergangen. Ernst gemeinte Konsequenzen könne er bislang allerdings nicht erkennen. Niemand sei konsultiert worden.

Erdoğan Kaymakçı, ebenfalls Redner auf der Veranstaltung und stellvertretender Leiter der Bergbau-Abteilung an der Bülent Ecevit Universität, kritisiert ebenfalls: Sowohl die Behörden als auch die Unternehmen hätten es versäumt, die Katastrophe von Soma abzuwenden. „Der Aufheizungsprozess, der auch als Brutphase bezeichnet wird, wurde in Soma nicht verfolgt. Niemand kann diese Katastrophe als ‚Schicksal‘ bezeichnen“, so der Fachmann mit Verweis auf das hohe Wärmeniveau der Kohle vor dem Unglück und die Beschreibung des türkischen Premiers des Ganzen als natürlich und Teil des Schicksals (mehr hier).

Angesprochen wurden auf der Veranstaltung zudem der türkische Mangel an Rettungskammern (mehr hier), das auf Subunternehmern basierende Geschäftsmodell sowie insgesamt schlechte Kontrollen und das Fehlen von Notfallplänen.

In diesem Zusammenhang verwies der aktuelle Leiter der Kammer der Bergbauingenieure, Ayhan Yüksel, auf ein weiteres Gefahrenpotential, das immer konkretere Formen annimmt und dessen Ausmaß man erst im Fall von Fukushima gesehen habe: Türkische Atomkraftwerke. Die türkische Regierung hat sich vor kurzem auf ein neues Abenteuer eingelassen: Die Kernkraftwerke. Es ist nicht logisch, einen solchen vom Ausland abhängigen Schritt zu gehen, bevor man nicht das eigene Potential an Kohle voll ausschöpft , so Yüksel. Nach dem Unglück gab es auch Befürchtungen, der AKW-Kurs der türkischen Regierung könnte sich nun sogar beschleunigen (mehr hier).

Derzeit arbeitet die türkische Regierung an der Ausarbeitung eines neuen Bergwerkrechts. Dieser soll bereits in Kürze dem Parlament vorgelegt werden, so die Zeitung Haberler. Details sind bislang aber nicht bekannt. Initiiert wurde der Gesetzesentwurf vom türkischen Ministerium für Energie und natürliche Ressourcen sowie dem Ministerium für Arbeit und soziale Sicherheit. Den Fachleuten reichen die aktuellen Bemühungen allerdings nicht aus. Sie sind sich sicher: Die Änderungen seien zu hastig zusammengetragen worden und würden die Probleme von Soma und der Branche sicherlich nicht lösen, so Yüksel.

Insgesamt gibt es 740 Kohlebergwerke und 48.706 Bergleute in der Türkei. Seit 1941 starben in diesem Sektor mehr als 3000 Menschen, mehr als 100.000 wurden verletzt. 10,4 Prozent der Arbeitsunfälle in der Türkei sind auf Arbeiten in Minen zurückzuführen.

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