Zuwanderung: Bundespräsident Gauck fordert Vielfalt und Einheit zugleich

Bundespräsident Joachim Gauck hat an diesem Donnerstag eine Feierstunde zur Einbürgerung von 22 neuen Bundesbürgern mit einer Grundsatzrede zum Thema Integration eröffnet. Die Zusammenkunft im Schloss Bellevue war Teil der Veranstaltungen zum 65. Jahrestag des Grundgesetzes. Sein Appell an die Anwesenden: Es gibt ein neues deutsches „Wir“.

Für 22 Einzubürgernde aus Bolivien, Brasilien, von der Elfenbeinküste, aus Ghana, dem Iran, aus Israel, Kamerun, Nepal, Polen, Rumänien, der Türkei, der Ukraine und aus Ungarn stand an diesem Donnerstag ein wichtiger Termin an. Aus den Händen von Bundespräsident Joachim Gauck erhielten sie ihre Einbürgerungsurkunde sowie eine Ausgabe des Grundgesetzes für Einbürgerungen mit einem Vorwort des Bundespräsidenten. Dieser nutzte die Gelegenheit, sich jetzt erstmals in einer Grundsatzrede zur Integration selbst zu äußern. Insgesamt verlangt er den Deutschen mehr Offenheit im Umgang miteinander ab.

Deutschland, so der Bundespräsident sei inzwischen Heimat für Menschen aus 190 Nationen. Sie alle seien nun in Deutschland zu Hause. Mittlerweile habe bereits jeder fünfte familiäre Wurzeln im Ausland, Tendenz steigend. „Wer Deutscher ist, wird künftig noch viel weniger als bisher am Namen oder am Äußeren zu erkennen sein“, sagt Gauck. Gerade für die junge Generation werde „Deutschland nie anders gewesen sein als vielfältig“. Heute sitze mit Aydan Özoğuz eine Tochter türkischer Einwanderer im Bundeskabinett. Dem Bundestag würden derzeit mehr Abgeordnete mit Migrationshintergrund angehören als je zuvor. Und selbst den erfolgreichsten deutschen Kinofilm des Jahres hätte man dem türkeistämmigen Regisseur Bora Dağtekin zu verdanken (mehr hier). Gauck ist sich sicher: Es werde zunehmend als Normalität empfunden, dass die Deutschen verschieden seien – verschiedener denn je. Das Zusammenleben verändere sich.

Einwanderungsland Deutschland immer beliebter

Doch mit diesem Wandel gelte es richtig umzugehen – auf beiden Seiten. Denn: „Die offene Gesellschaft verlangt uns allen einiges ab: Jenen, die ankommen, und jenen, die sich öffnen müssen für Hinzukommende. Offen sein ist anstrengend.“ Die Haltung, dass Deutschland kein Einwanderungsland sei, ist seiner Ansicht nach „weitgehend überwunden“. Auch die Politik habe in den vergangenen 15 Jahren einiges angestoßen, „was längst überfällig war“. Das Ergebnis der bisherigen Bemühungen zeigt auch das „Integrationsbarometer“ des Sachverständigenrats für Migration und Integration (mehr hier). Insgesamt werde Deutschland als Einwanderungsland immer beliebter. Die Bundesrepublik sei „auf einem guten Weg“, so Gaucks Zwischenfazit. So sei auch die doppelte Staatsbürgerschaft Ausdruck der Lebenswirklichkeit einer wachsenden Zahl von Menschen.

Auf der anderen Seite würden Menschen, die hier geboren, aufgewachsen und heimisch seien, immer wieder zu Anderen gemacht. Das dürfe nicht sein: Gaucks Appell ist entsprechend:

„Hören wir auf, von ‚wir‘ und ‚denen‘ zu reden. Es gibt ein neues deutsches ‚Wir‘, die Einheit der Verschiedenen. Und dazu gehören Sie genauso selbstverständlich wie ich. (…) Wir verlieren uns nicht, wenn wir Vielfalt akzeptieren. Wir wollen dieses vielfältige ‚Wir‘. Wir wollen es nicht besorgnisbrütend fürchten. Wir wollen es zukunftsorientiert und zukunftsgewiss bejahen.“

Richtschnur gemeinsame Wertebasis

Probleme dürften allerdings nicht verschwiegen werden, weil die falsche Seite applaudieren könnte. Gleichzeitig müsse man aber darauf achten, mit Kritik an diesen Phänomenen nicht ganze Gruppen zu stigmatisieren. So könne es etwa keine mildernden Umstände geben für kulturelle Eigenarten, die den deutschen Gesetzen zuwiderliefen.

Als Richtschnur verweist Gauck auf das Grundgesetz und dessen Werte: Achtung vor der Würde des Einzelnen, Gleichberechtigung, Respekt vor Andersdenkenden und Anderslebende. „Innerhalb des Rahmens unserer Verfassung und der Gesetze kann jeder nach seiner Façon selig werden. Unsere Gesellschaft lässt Andere anders sein. (…) Diskriminierung schadet allen.“

Hier geht es zur gesamten Rede im Wortlaut.

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