Unruhen in Istanbul fordern zweites Todesopfer

Kurz nach dem Tod eines 30-Jährigen, der am Donnerstag von einem Geschoss schwer am Kopf verletzt wurde, ist nun ein weiterer Bürger im Zuge der Istanbuler Unruhen verstorben. Auch diesmal zeigt der türkische Premier Recep Tayyip Erdoğan wenig Taktgefühl und lässt sich erneut zu einer verbalen Attacke gegen die Bevölkerung hinreißen.

Wie der Istanbuler Gouverneur Hüseyin Avni Mutlu am Freitag bestätigte, ist mittlerweile ein zweites Todesopfer der jüngsten Istanbuler Unruhen zu beklagen. Nach dem Tod des 30-jährigen Uğur K., der in Okmeydanı von einem Geschoss schwer am Kopf getroffen wurde, zogen sich die Auseinandersetzungen mit der Polizei bis tief in die Nacht.

Uğur K. hatte am Donnerstag nicht an Protesten teilgenommen, sondern war Teil eines naheliegenden Trauerzuges. Der Tod des 30-jährigen Familienvaters führte anschließend zu weiteren Ausschreitungen. Das zweite, bisher nicht identifizierte Opfer, soll nun durch eine Explosion schwer verletzt worden sein, bei der auch andere Personen in Mitleidenschaft gezogen wurden. Bei den Zusammenstößen sollen auch acht Polizisten verletzt worden sein. In Izmir wurden 38 Studenten festgenommen. Das berichtet die türkische Zeitung Hürriyet.

Wie die türkische Zeitung Radikal mittlerweile erfahren haben will, sollen am Freitag die Schusswaffen von acht Polizisten beschlagnahmt und eine strafrechtliche Prüfung angordnet worden sein. „Der Staatsanwalt hat erklärt, dass die Waffen von acht Polizisten beschlagnahmt wurden. Die ballistischen Berichte und die Patronenhülsen wurden an die Forensik geschickt. Ich denke, man wird zurückverfolgen können, zu welcher Waffe die Kugel gehört, die Kurt getötet hat“, zitiert das Blatt den Anwalt Evrim Deniz Karatana. Aus dem vorliegenden Material sei klar ersichtlich, dass das Feuer von Polizisten eröffnet wurde. Zudem soll es sich dem Juristen zufolge nicht um einen Querschläger gehandelt haben. Wenn Kugeln auf eine harte Oberfläche träfen und abprallten, gebe es eine Verzerrung. Bei der Obduktion hätte sich jedoch keine solche gezeigt, so der Anwalt, der auch die Familie des verstorbenen Gezi Park-Opfers Berkin Elvan vertritt. Darüber hinaus versuche man nun selbst so viele Beweise wie möglich zusammenzutragen. Dass tatsächlich Waffen zum Einsatz kamen, wurde bereits durch den Gouverneur bestätigt (mehr hier).

Am Freitagmittag wurde nun ein Trauerzug in Okmeydanı für Uğur K. abgehalten. Seine Beisetzung soll noch am gleichen Tag stattfinden. Sami Elvan, der Vater des kürzlich verstorbenen 15-Jährigen, soll den Angehörigen bereits einen Besuch abgestattet haben.

Unterdessen bewies der türkische Premier Recep Tayyip Erdoğan wie schon in der Vorwoche in Soma, mangelndes Taktgefühl. So sei er von der „Geduld“ der Beamten während der blutigen Auseinandersetzungen in Okmeydanı überrascht. Direkt griff er auch jene an, die Berkin Elvan gedachten. Der Tod des 15-Jährigen gehöre der Vergangenheit an, so die Hürriyet weiter. „Um Gottes Willen, sollte die Polizei etwa tatenlos zusehen? Ich kann gar nicht verstehen, dass sie so geduldig geblieben sind“, so der Premier während eines Parteitreffens in Ankara. „Was soll das? Sie wollten eine Zeremonie, um Berkin Elvan gedenken, abhalten. Werden wir jetzt eine Zeremonie für jeden Tod durchführen? Er starb und es ist vorbei.“

Erneut machte er zudem Twitter für die Unruhen im Land verantwortlich, die im Zuge des Minenunglücks von Soma wieder aufgekommen waren (mehr hier). Sie User bezeichnete er als rücksichtslos. Sie würden sich selbst als die Retter der Welt aufspielen.

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