Musiker Erci E.: Migrations-Debatte ist für Deutsch-Türken überflüssig

Der deutsch-türkische Musiker Erci E. geht hart ins Gericht mit dem Establishment. Das Thema Migration sei für viele Deutsch-Türken längst abgehakt. Doch die NSU-Morde haben tiefe Spuren hinterlassen. Der Musiker verarbeitet den Skandal in seinem Song „Deutschland Sensin“. Eine Kollektivschuld der Deutschen lehnt er ab.

Deutsch Türkische Nachrichten: Ihre Single „Deutschland Sensin“ ist im vergangenen Jahr bei vielen Deutsch-Türken sehr gut angekommen. Wie ist dieser Song entstanden?

Erci E.: Es geht in erster Linie um meine eigene Wahrnehmung von Deutschland. Ich habe mir dieses Lied regelrecht von der Leber geschrieben. Es ist eine Abrechnung mit diesem Land, wobei das Wort „Abrechnung“ nicht negativ gemeint ist. Ich wollte mit diesem Lied meine Migrationsmüdigkeit zum Ausdruck bringen. Viele Deutsch-Türken sind es Leid über ein Thema zu sprechen, das für die meisten faktisch schon längst abgehakt ist. Das Thema Migration ist für viele überflüssig, weil alles zu diesem Thema gesagt und getan wurde.

Deutsch Türkische Nachrichten: Was halten sie von dem Begriff „Multikulti“?

Erci E.: Ich habe kein Problem mit diesem Begriff. Es ist ja erst mal nur der Versuch, das Zusammenleben mehrerer Kulturen und die Vielfältigkeit mit einem Wort auf den Punkt zu bringen.

Deutsch Türkische Nachrichten: Worum geht es in dem Song?

Erci E.: Ausgangspunkt für „Deutschland Sensin“ waren die NSU-Morde in Deutschland. Diese Morde waren anders als Solingen oder Mölln. Denn erstmals richteten sich die Vorwürfe gegen den Staat und es gab eine scheinbare Verwicklung des Verfassungsschutzes.

Hinter den Morden steckt eine perfide Botschaft, die da lautet: „Wir wollen euch hier nicht!“

Wirklich schlimm ist die Verwicklung des Verfassungsschutzes.

Die ganze Angelegenheit ist „seltsam“ und wird immer „seltsamer“. Abgesehen davon kommt mir der Song „Deutschland Sensin“ wie ein sehr persönlicher Brief von mir an Deutschland vor. Sozusagen ein kleiner Rückblick auf meine Beziehung zu dem Land, in dem ich geboren wurde und mittlerweile seit 40 Jahren lebe.

Deutsch Türkische Nachrichten: Glauben Sie, dass die Deutschen mehrheitlich geheime NSU-Sympathisanten sind?

Erci E.: Das geht in die Ecke: „Die sind alle gleich!“ Deutschland ist ein Land mit 80 Millionen Einwohnern. Ich glaube nicht, dass die Mehrheit der Deutschen mit Mördern sympathisieren. Doch viele Deutsche haben national-konservative Ansichten. Es wurde ihnen nach 1945 sehr schwer gemacht offen zu ihrer politischen Haltung zu stehen. Unterdrückte Meinungen verschwinden nicht. Sie kommen anders zum Vorschein.

Deutschland hat Schwierigkeiten zuzugeben, dass es ein rechtes Problem gibt, das durch die gesamte Gesellschaft geht. Doch die Menschen sollten nicht verdammt werden. Ich finde es falsch, wenn Menschen per se als „Nazis“ diffamiert werden. Meinungen – und seien sie noch so falsch – sollten frei geäußert werden dürfen.

Deutsch Türkische Nachrichten: Wie würden Sie das Deutschland von heute umschreiben?

Erci E.: Deutschland ist viel offener als vor 20 oder 30 Jahren. Ich bin Berliner. Ich weiß, wie diese Stadt zu einer Weltstadt geworden ist. Es liegt auf der Hand, dass es „Überfremdungsängste“ im Zuge der Globalisierung gibt.

Nun leben Menschen mit bestimmten Gepflogenheiten seit Jahrhunderten in einem geographischen Bereich und es kommen neue Menschen mit anderen Gepflogenheiten dazu. Da fühlt sich die die erste Gruppe zunächst bedroht. Das Fremde ist immer bedrohlich. Doch es ist unfair, die „Ureinwohner“ sofort als dumm und altmodisch abzustempeln. Es geht um Gefühlswelten.

Wenn die Menschen das Gefühl haben, ihnen werden die EU und die Migration aufgedrückt, dann kommt eine Reaktion. In Deutschland wird aktuell und schon seit längerem mit der „Brechstange“ die globale, Multikulturelle „alle sind gleich und müssen sich liebhaben“ Sicht aufgedrückt. Das ist schlichtweg falsch. Die negativen Gefühle, die dieser Prozess hervorruft sind verständlich.

Die Menschen fühlen sich übergangen, weil sie in diesem Prozess nicht mitgenommen wurden. Ihnen wird einfach vorgesetzt wie sie als moderner Mensch die Welt zu sehen haben. Es wäre besser gewesen, die Leute ernster zu nehmen und ihnen zu „erklären“ wieso die Welt jetzt Internationaler ist und das dass es keinen Grund gibt Angst vor dieser Entwicklung zu haben. Doch das ist kein Rechtfertigungsgrund, um Menschen zu ermorden und Verbrechen zu begehen.

Deutsch Türkische Nachrichten: Wie stufen Sie die rechtsradikale Gewalt und die Jugendkriminalität in Deutschland ein?

Erci E.: Wir brauchen mehr Menschen, die sich um diese jungen Leute kümmern und sich für sie einsetzen. Vorbilder und Personen, die ausgehend von ihren Erfahrungen, den Jugendlichen den Weg weisen. Es sind meist soziale Umstände, Frustrationen und fehlende Aussichten für die Zukunft, die die jungen Leute falsche und vereinfachte Thesen glauben lassen.

Deutsch Türkische Nachrichten: Sollten sich jene Vorbilder auch um rechte Jugendliche kümmern?

Erci E.: Natürlich. Wie wäre es denn beispielsweise mit mehr Begegnungsstätten, Jugendzentren, Sport und mehr Events, die Jugendliche aus den verschiedensten Bereichen zusammenbringen ? Das ist möglich. Die gegenseitigen Vorurteile sind groß. Doch derartige Events führen dazu, dass man sich besser kennenlernt – auch wenn danach nicht alle dicke Freunde werden. Der Dämon des bösen Fremden ist dann gar nicht mehr so fremd und böse. Die Jugend braucht Vorbilder und zwar mehr denn je.

Wenn Sie Ihnen diese Vorbilder vorenthalten, suchen Sie sich ihre Idole woanders. Das Internet-Zeitalter macht uns kalt. Wir brauchen eine Rückbesinnung auf die Ethik. Damit meine ich nicht zwangsläufig die Religion, sondern Ethik als Erziehungsform für Handlungen, die uns das Leben gegenseitig erleichtern. Es geht um mehr Respekt allen Lebewesen dieses Planeten gegenüber. Keiner sollte hinten raus fallen, es sei denn es ist sein eigener Wunsch.

Deutsch Türkische Nachrichten: Ja, aber wie soll man Ihren Vorschlag umsetzen?

Wenn es braune Gegenden gibt, dann muss der Staat da rein gehen und sich um die Menschen kümmern. Sich ihre Sorgen anhören, sie ernst nehmen. Viele Menschen fühlen sich von der Politik und der Regierung alleingelassen. Das führt dazu dass man sich eher an denen orientiert, die da sind und das angebliche Interesse am Gemeinschafts-Wohl deutlich machen. Das sind dann eben oft rechte Parteien und Organisationen. „Wir kümmern uns um euch!“, muss es heißen. Dasselbe gilt auch für Migranten-Viertel.

Deutsch Türkische Nachrichten: Wie steht es eigentlich mit Ihrer Gruppe CARTEL?

Erci E.: Cartel hat 2011 ein Album herausgebracht – vielleicht das letzte. Das weiß man bei uns nie so genau. Unsere Gruppe entstand im Jahr 1995. Kurz nach den Brandanschlägen in Mölln und Solingen. Damals war Deutschland ganz anders. Damals waren Menschen mit Migrationshintergrund nicht wirklich vertreten und repräsentiert. Man war wirklich nur Gastarbeiter.

CARTEL war ein Aufschrei: „Wir sind hier und wir lassen es nicht zu, dass so mit uns umgegangen wird!“ lautete die Botschaft. Doch unsere Gruppe war niemals politisch, wir hatten einen Kubaner und einen deutschen in unserer Band, wir waren kein türkischer Klüngel. Es ging uns in erster Linie um Musik. Türkischsprachiger Hip Hop mit dicken Beats und orientalischen Samples.

Deutsch Türkische Nachrichten: Wo stehen Sie jetzt musikalisch?

Erci E.: Ich mache weiterhin Musik und sehe mich heute eher als Musiker und Produzent und nicht nur als MC Rapper. Ich versuche die Unzufriedenheit der Menschen wiederzugeben oder auch für ironische Heiterkeit zu sorgen. Aktuell sehen sie europaweit, dass die Menschen die Korruption, die Seilschaften, die Dirty Tricks und Bevormundung satt haben.

Die Völker haben auch angesichts der Spionage-Affären durchschaut, dass sie im Grunde ausgeliefert sind. In diesem Zusammenhang kommen immer wieder die Prophezeiungen von George Orwell auf. Doch ich glaube, dass es weitaus schlimmer ist. Diese Unzufriedenheit versuche ich musikalisch zu verarbeiten. Musik ist nach wie vor meine große Leidenschaft und ich glaube auch immer noch an die Macht der Musik.

Deutsch Türkische Nachrichten: Sie sind oder waren Rapper. In Deutschland wird Rap-Musik oftmals nur mit Underground-Rap in Verbindung gebracht?

Erci E.: Underground-Rap muss es geben, das ist okay. Doch es ist nur eine Sparte der Rap-Musik. Aktuell ist Rap-Musik grob gesagt reduziert auf Sex, Drogen und Gewalt. Die Fäkalsprache ahmen viele junge Menschen nach. Das liegt daran, dass es beim Rap und Hip Hop nicht mehr um Skills, Battles oder Break-Dance geht. Es ist ein Business, wovon die Major Labels profitieren. Es wird nur noch Geld mit kurzzeitigen Effekten gemacht. Die Major Labels sprechen nur die Instinkte an. In diesem Sinne sehe ich mich schon lange nicht mehr als Rapper. Ich bin heute eher Musikproduzent und Sänger der u.a. Sprechgesang praktiziert. Underground-Rap sollte Underground-Rap bleiben.

Deutsch Türkische Nachrichten: Es ist zumindest ein wirklich lohnendes Geschäft.

Erci E.: Wer Geld und Macht hat und die Öffentlichkeit erreicht, sollte auch verantwortungsbewusst sein. Als wir mit Cartel berühmt wurden, und damals eine Million Kassetten und CD’s verkauften dachte ich mir: „Oh je, wir müssen wirklich aufpassen, was wir schreiben“. Denn ich wollte hinterher nichts bereuen.

Sobald man in der Öffentlichkeit ist, hat man eine Verantwortung, weil alles was du sagst und schreibst bleibt und erreicht im besten Fall Millionen Menschen. Das ist auch eine Macht die ich lieber dazu nutzen wollte sie für Wahrheiten einzusetzen hinter denen ich auch noch in 30 Jahren stehen kann.

Deutsch Türkische Nachrichten: Was planen Sie für die Zukunft?

Ich möchte mich politisch, sozial und künstlerisch engagieren. Mit dem, was ich erlebt und gesehen habe, kann ich meinen gesellschaftlichen Beitrag leisten. Aber letztendlich ist man als Künstler freier. Die Freiheit will ich mir auch als politisch Aktiver bewahren. Ein Balanceakt, den ich angehen werde.

Deutsch Türkische Nachrichten: Wollen Sie in eine Partei eintreten?

Erci E.: Nein! im Moment finde ich es besser, in keiner Partei Mitglied zu sein.

Erci E., geboren 1973 in Berlin, ist Mitglied der deutsch-türkischen Musik-Gruppe CARTEL. Anfang der 90er Jahre arbeitete er bei Kiss FM Berlin als DJ und Moderator. Kiss FM war der erste „Black Music“ Sender in Deutschlan.

Anschließend veröffentlichte er weitere Alben und Singles. 2013 kam seine deutschsprachige Single „Deutschland Sensin“ auf dem Label von DJ Tomekk (Boogie Down Berlin) heraus. Im Radio ist Erci weiterhin zu hören. Bei Metropol FM mit seiner eigenen Radioshow „Turkish Delight“ und bei Radio Fritz im Soundgarden.

Weitere Informationen zu Erci E – hier.

Erci E. Politika 2014:

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