Sevim Dağdelen: Integration ist und bleibt eine soziale Frage

Anlässlich der Vorstellung der Studie „Neue Potenziale“ des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung an diesem Dienstag, fordert die Sprecherin für Migration und Integration der Fraktion DIE LINKE, Sevim Dağdelen, die Bundesregierung zum Handeln auf. Bislang habe sich wenig getan, um ein sozial gerechteres Bildungswesen zu schaffen. Leidtragende seien insbesondere auch Kinder und Enkel türkischer Migranten.

Migranten erzielten die Bildungserfolge nicht wegen, sondern trotz der schlechten Integrationspolitik. Die sehr unterschiedlichen Lebenslagen von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund seien Realität. Daran werde sich unter CDU/CSU und SPD auch nichts ändern, so Sevim Dağdelen zum Studienergebnis.

An der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Lebenswirklichkeit von Migranten habe sich nichts Wesentliches zum besseren geändert. Zwar habe es in Teilbereichen wie bei Bildung und Arbeit Verbesserungen gegeben (mehr hier). Doch noch immer seien Migranten doppelt so häufig betroffen von Arbeitslosigkeit, Armut, Schulabbrüchen. Sie seien außerdem doppelt so häufig auf staatliche Hilfen angewiesen und leben trotz Erwerbstätigkeit doppelt so häufig unterhalb der Armutsgrenze wie Menschen ohne Migrationshintergrund (mehr hier).

Noch immer sorge die Bundesregierung dafür, dass Armut und sozialer Status vererbt würden. Die Politikerin warnt:

„Immer noch entscheidet der Geldbeutel der Eltern über den Zugang zu Bildungs- und Betreuungseinrichtungen für Kinder. Die große Koalition will den großen Reformstau zugunsten eines sozial gerechteren Bildungswesens nicht auflösen. Betroffen sind davon vor allem die Kinder und Enkel von türkischen Migranten, die jahrzehntelang ausgegrenzt wurden.“

Mittlerweile hat jeder fünfte Deutsche hierzulande einen Migrationshintergrund. Die Bundesrepublik darf daher die Integrationsdefizite bei den Nachkommen der Gastarbeitergeneration nicht aus dem Blick verlieren. Zwar habe sich das Bildungsniveau der Zuwanderer, die in der jüngeren Vergangenheit nach Deutschland gekommen sind deutlich gegenüber den Werten der Vergangenheit verbessert, doch die Folgen verpasster Integrationsangebote in den letzten 40 Jahren seien weiterhin klar zu erkennen, so eines der Studienergebnisse. Nicht nur seien Migranten der ersten Generation gegenüber den Einheimischen benachteiligt, auch ihre Kinder und Kindeskinder könnten trotz Verbesserungen in vielen Bereichen noch nicht aufschließen.

Doch seien dem Institut zufolge nicht alle Migranten gleichermaßen benachteiligt. Um spezifische Probleme aufzuzeigen, unterscheidet das Berlin-Institut zwischen acht unterschiedlichen Migrantengruppen: Zwischen Aussiedlern, Migranten aus der Türkei, Südeuropa, den sonstigen EU-27-Ländern, dem ehemaligen Jugoslawien, aus dem Ferner Osten, dem Naher Osten sowie aus Afrika.

Hierzu heißt es:

„Wie schon in der Vorgängerstudie zeigen türkische Migranten als zweitgrößte Gruppe die stärksten Integrationsprobleme. Dies ist wie bei den anderen durch die Gastarbeiterzuwanderung geprägten Migrantengruppen im Wesentlichen auf das niedrige Bildungsniveau der Zuwanderer zurückzuführen: Jeder fünfte aus der Türkei zugewanderte Mann und jede dritte Frau haben weder einen Schul- noch einen Bildungsabschluss. Deshalb sind türkische Migranten auch im Erwerbsleben oft weniger erfolgreich. Im deutschen Schulsystem gelingt es den Kindern von türkischen Zuwanderern vergleichsweise selten, die Bildungsdefizite ihrer Eltern aufzuholen. Allein türkische Mädchen gehören im Bildungsbereich zu den Integrationsgewinnern.“

Zur gesamten Studie geht es hier.

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