Deutsch-Iranerin antwortet auf Bomben-Anschlag in Köln: „Jetzt erst recht!“

Eine Deutsch-Iranerin gehörte zu den Verletzten bei dem NSU-Nagelbombenanschlag in Köln. Nach dem Anschlag war sie geschockt über die mangelhaften Ermittlungs der Polizei. Das NSU-Bekennervideo habe ihr den Rest gegeben. Doch nicht Resignation ist die Lehre aus der NSU-Affäre, sondern ein unnachgiebiges Auftreten.

NSU-Prozess – 04.06.2014 – Die Bombe in der Probsteigasse – „Jetzt erst recht!“

Heute sagte die junge Frau aus, die als 19-Jährige durch die Bombe im Lebensmittelladen in der Kölner Probsteigasse schwer verletzt wurde. Ein Polizeibeamter, der sie nach dem Anschlag im Krankenhaus gesehen hatte, erzählte, sichtlich sehr berührt, er könne immer noch nicht in Worten beschreiben, wie sie ausgesehen habe. In seinem Leben als Kriminalbeamter habe er viel Leid und Elend gesehen, dieser Anblick habe alles überstiegen.

Die junge Frau wurde in ein künstliches Koma versetzt, wochenlang künstlich beatmet. Ihre Trommelfelle sind geschädigt. Zahlreiche weitere Operationen waren notwendig, um Holzsplitter, die durch die Explosion in den Kieferbereich eingedrungen waren, zu entfernen, die Narben im Gesicht sind bis heute sichtbar.

Die Zeugin selbst hinterließ einen bleibenden Eindruck. Eine aufrechte, klare Frau, sie hat nach ihrer Genesung die Schule und ein Studium und Ausbildung als Ärztin abgeschlossen. Mit klaren Worten schilderte sie präzise den Ablauf, ihre Verletzungen, aber auch ihre Wahrnehmungen von der Polizeiarbeit vor und nach der Selbstbekennung des NSU. Sie beschrieb, wie sie die Explosion selbst und alle Details ihrer Verletzung sowie des Transportes ins Krankenhaus mitbekommen hatte, die gesamte Zeit bei vollem Bewusstsein.

Erst deutlich später bekam sie etwas von der polizeilichen Ermittlung mit. Die Polizei schloss eine politische Motivation aus, die Familie hatte ja über Nazis nachgedacht, die Polizei ging dagegen von einer unmotivierten Tat eines Einzeltäters aus. Die Familie sei damals naiv gewesen und habe leider keine Anwälte eingeschaltet, deshalb auch keine Einsicht in die Ermittlungsakten erhalten. Sie sei geschockt darüber, wie sich aus heutiger Sicht die polizeiliche Arbeit darstellt.

Nach der Selbstbekennung des NSU wurde sie erneut polizeilich vernommen, äußerte Befürchtungen einer Bedrohung durch Nazis – die Antwort der Polizei beschränkte sich darauf, dafür gäbe es „keine Anhaltspunkte“. Daraufhin hatte sie kein Vertrauen mehr und beauftragte eine Rechtsanwältin.

Die Zeugin zeigte sich schockiert, durch diese Tat „zu wissen, es gibt Menschen, die dich wegen deiner Herkunft so angreifen, obwohl wir ja alle akademische Abschlüsse haben, und dann zu erleben, was denen der Erhalt der deutschen Nation wert ist“.

Auf die Frage, ob sie überlegt hätte, als Konsequenz des Bombenanschlages Deutschland zu verlassen, antwortete die Zeugin: „Als das Bekennervideo veröffentlicht wurde und klar wurde, dass ich wegen meiner Herkunft so angegriffen wurde, war natürlich die erste Frage, ‚was soll ich hier noch?‘ Ich bin ja ein Muster an Integration, und wenn man sogar Leute wie mich so bekämpft… Andererseits war das ja das, was die wollten, und ich dachte, ‚jetzt erst recht!‘“

Rechtsanwalt Alexander Hoffmann ist seit 1998 in Kiel mit Schwerpunkt Strafverteidigung tätig. Nach dem Jurastudium in Kiel arbeitete er mehrere Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Lehrstuhl für Strafrecht, Strafprozeßrecht und Sanktionenrecht an der CAU Kiel bei Prof. Horn.

Rechtsanwalt Dr. Björn Elberling hat in Kiel Jura studiert und in Schleswig das Erste Staatsexamen bestanden. Danach war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Walther-Schücking-Institut für Internationales Recht. Nach dem Referendariat in Hamburg (mit Stationen u.a. beim Hanseatischen Oberlandesgericht und beim Jugoslawientribunal in Den Haag) wurde er 2010 als Rechtsanwalt zugelassen.

Aktuell sind beide Vertreter der Nebenklage im NSU-Prozess.

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