Studie: Ist der türkische Nationalstolz unbegründet?

Laut einer Studie der Koc-Universität identifizieren sich Türken durch gemeinsame Sprache und Religion. Das hat Folgen für den Umgang mit politischen Veränderungen. Begünstigt wird diese Einstellung durch den wirtschaftlichen Erfolg.

Als der türkische Premier Recep Tayyip Erdoğan im Februar eine Rede in Berlin hielt, appellierte er an den Nationalstolz der Türken. Damals waren die 3000 Zuhörer begeistert. Mit den Szenen aus dem Frühjahr wurde sich nun wissenschaftlich auseinander gesetzt. Professor Ali Çarkoğlu von der Koç-Universität hat in einer aktuellen Studie den Nationalstolz in der Türkei untersucht. Er kommt zum Schluss, dass Religion und Sprache die Identifikation mit dem eigenen Land geprägt haben.

Türkische Bürger ohne globale Identität

Die Kernaussage der Studie: Die türkischen Bürger sind stolz auf die Leistungen ihrer Nation. Einen Hinweis, welche Leistungen die Bürger damit verknüpfen, gibt es allerdings nicht. Denn: In vielen Bereichen bleibt die Türkei hinter westlichen Staaten zurück. „Türken sind stolz, aber sie wissen nicht warum“, sagt Çarkoğlu in einem Interview mit der Hurriyet. Während politische Eliten immer weltgewandter seien, wäre den Bürgern eine globale Identität nur schwer zu vermitteln. Abgesehen vom Konflikt im Gazastreifen und den aufgenommenen syrischen Flüchtlingen, zeigten die Türken selten das Gefühl internationaler Solidarität. Das führe zu einer vereinfachten Darstellung von Außenpolitik, die einer globalen Welt nicht gerecht werde. Auch eine Vergangenheitsbewältigung finde in der Türkei nicht statt, so der Wissenschaftler weiter. Man sei weder im Zweiten Weltkrieg, noch im Kalten Krieg maßgeblich beteiligt gewesen. Daher gebe es kein Schamgefühl aufgrund historischer Ereignisse.

Türken sind stolz auf wirtschaftlichen Aufschwung

Vielmehr wirke sich der wirtschaftliche Aufschwung der vergangenen Jahre positiv auf den Nationalstolz aus. Das gelte ganz besonders für den Bausektor, der in den vergangenen Jahren das Landschaftsbild geprägt hat. Diese Leistungen führten zu einem starken Zuspruch für die amtierende Regierung. Dass eine funktionierende, offene Marktwirtschaft Grund des Aufschwungs sein könnte, werde nicht angenommen. Eine weitere Privatisierung des Wirtschaftssektors würde allgemein abgelehnt werden. Staatliche Interventionen fänden jedoch großen Zuspruch, so Çarkoğlu .

Die Realität zeigt jedoch ein weitaus komplexeres Bild. Während die Türkei in vielen Bereichen eine aufstrebenden Regionalmacht ist, zeichnen sich an anderer Stelle zunehmende Probleme ab. Erst zum Jahresanfang befand sich die türkische Währung auf einer Talfahrt. Aufgrund der schwierigen politischen Lage hatten Investoren Geld aus der Türkei abgezogen (mehr hier). Das traf das Land hart, große Teile des Aufschwungs sind kreditfinanziert.

Türkei finanziell besser gestellt als mancher EU-Staat

Andere beurteilen die aktuelle Situation der Türkei aber durchaus optimistisch: Professor Ünal Ban. Der Rektor der Universität der Türkischen Luftfahrtgesellschaft, bescheinigte der Türkei eine glänzende Zukunft. Auch ohne die Europäische Union sei man gewappnet für die Zukunft (mehr hier). Das Land stehe finanziell weit besser da, als andere EU-Staaten. Ein Indiz dafür ist auch das finanzielle Engagement von jenseits der Landesgrenzen. Bereits im Juni waren die Investitionen ausländischer Anleger gestiegen, da diese ein lohnendes Geschäft witterten.

Im Jahr 2013 flossen von ausländischen Investoren 12,9 Milliarden US-Dollar in die Türkei. Die Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung (UNCTAD) stellte am 24. Juni ihren Bericht für weltweite Investitionen vor. Demnach bekäme die Türkei aus den westasiatischen Ländern die meisten ausländischen Direktinvestitionen (FDI). Auf der Rangliste der entwickelten Länder belegt die Türkei Platz elf.

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