Jesiden auf der Flucht: Türkei baut Camp auf irakischem Boden

Nachdem sich die Situation für die im Irak lebenden Jesiden deutlich zugespitzt hat, kommt nun internationale Hilfe. Während eine Erkundungsmission des US-amerikanischen Militärs die Situation besser als befürchtet einschätzt, baut die Türkei hingegen ein Flüchtlingscamp für die religiöse Minderheit im Nordirak. Zuvor hatte die US-Luftwaffe begonnen, mit Luftschlägen gegen die radikal-islamische Miliz IS vorzugehen.


Viele Jesiden sind zurzeit auf der Flucht. Die Türkei hatte im Lauf des Konflikts schätzungsweise 2000 Flüchtlinge aufgenommen. Bereits Anfang August hatten 1600 Menschen die türkische Grenze in der südöstlichen Provinz Şırnak übertreten. Diese wurden zunächst im Zuge einer Übergangslösung in ungenutzten Gebäuden untergebracht. Man vermutet, dass bis dato weitere 600 Flüchtlinge die Grenze illegal überschritten haben.

Weitere Flüchtlinge suchen nahe der türkischen Grenze Schutz

Bereits seit Monaten terrorisiert die Terrororganisation IS die Bevölkerung des Iraks. Die Jesiden waren durch kurdische Gebiete in Richtung Norden geflohen. In der Nähe der Stadt Zakho soll nun ein neues Flüchtlingscamp errichtet werden, berichtet die Nachrichtenplattform Worldbulletin. Laut Angaben des türkischen Katastrophenschutzes AFAD sollen 30 bis 40.000 Jesiden nach Syrien geflohen sein, während 6500 weitere Menschen Schutz nahe der Grenze suchen. Das von der Türkei geplante Camp soll 16.000 Flüchtlinge aufnehmen können, berichtet die Hurriyet. Die Türkei ist laut UN-Flüchtlingshilfe das fünftgrößte Gastgeberland weltweit. Hier leben 609.938 Flüchtlinge, die meisten davon aus Syrien.

Die kurdische Regionalregierung stelle 15 Millionen Dollar für Flüchtlinge in ihrem Einflussbereich zur Verfügung. Diese würden aus dem laufenden Ölgeschäft stammen, berichtet die Worldbulletin weiter. Der nördliche Irak wird durch die kurdische Regionalregierung verwaltet und von der Peschmerga-Miliz verteidigt. Unterstützt wurden diese zuletzt von der US-Luftwaffe. Wie die Regionalregierung verlauten ließ, war das gemeinsame Vorgehen gegen die radikalen Islamisten zuletzt sehr effektiv. Dennoch sind seit Beginn des Konflikts 1,2 Millionen Menschen auf der Flucht, so die UN.

USA sieht von Rettungsmission ab

US-Präsident Barack Obama wurde zunächst für seine Zurückhaltung im Irak-Konflikt kritisiert. Nach den jüngsten Entwicklungen hatte Obama Luftschläge befohlen und schließlich auch eine Rettungsmission nicht ausgeschlossen. Die öffentliche Akzeptanz für ein militärisches Eingreifen im Irak war zuletzt sehr niedrig. Die letzten US-Einheiten hatten den Irak im Jahr 2011 verlassen. Ein Rettungseinsatz war nach einer Erkundungsmission unwahrscheinlicher geworden, so die New York Times. Eine Gruppe aus zivilen Helfern und Militär war am Mittwoch entsandt worden, um die Lage der eingeschlossenen Jesiden zu beurteilen. Die Gruppe umfasste weniger als 20 Personen und konnte noch am selben Tag sicher in der kurdischen Hauptstadt Arbil landen. Das Pentagon teilte mit, dass die Situation weniger dramatisch sei, als man angenommen hätte, so Reuters.

Die amerikanische Regierung führte die gute humanitäre Lage auf das militärische Eingreifen zurück.
In Arbil plant man währenddessen die Evakuierung der eingeschlossenen Jesiden. Mögliche Vorgehensweisen wäre die Einrichtung eines Sicherheitskorridors oder die Evakuierung aus der Luft.
Die Jesiden sind eine ethnische Minderheit. Sie waren zuletzt vermehrt in Bedrängnis geraten. Zehntausende waren in den Sindschar-Bergen eingeschlossen und durch die Luft versorgt worden, wie die New York Times berichtet.
Es soll nicht nur Übergriffe durch Kämpfer der IS gegeben haben, sondern auch durch benachbarte Stämme. „Die nicht irakischen Djihadisten waren Afghanen, Bosnier, Araber und sogar amerikanische und britische Kämpfer. (…) Die schlimmsten Morde wurden durch Menschen begangen die unter uns lebten“, berichtet Sabah Hajji Hassan der Hurriyet. Er konnte vor der Offensive der IS fliehen.

Irakkrise ist die schlimmste Form der humanitären Katastrophe

Die Vereinten Nationen machten die Situation im Irak zu einem Notfall der Stufe drei. Stufe drei ist die höchste Dringlichkeitsstufe der UN bei humanitären Katastrophen. Neben der Türkei und den USA haben auch die Regierungen des Vereinigten Königreichs und der Republik Frankreichs Hilfe zugesagt. Während Premierminister David Cameron das Engagement in einer Rettungsmission zusagte, möchte Frankreich in Zukunft Waffen an die kurdischen Kräfte im Nordirak liefern, berichtet so die BBC.

Auch in Deutschland hat man sich mittlerweile für Hilfsmaßnahmen entschieden. Die Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen schloss Waffenlieferungen jedoch aus. Man exportiere nicht in Krisen- und Konfliktregionen, so die Ministerin in einer Pressemitteilung. Alle humanitären Güter unterhalb dieser Grenze seien denkbar. Das umfasst militärische Ausstattung, wie Helme, Schutzwesten oder geschützte Fahrzeuge. Von der Leyen hatte sich erst am Dienstag mit ihrem britischen Amtskollegen Michael Fallon zu einer Besprechung in Berlin getroffen.

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