„Taksim Forever“: Die Proteste im Park der Träume kommen nach Berlin

Ein deutscher Künstler während der Proteste in der Türkei, das gab es bereits. Jetzt setzt sich die Berliner Kulturszene mit den Protestbewegungen des vergangenen Sommers auseinander. Bis auf den letzten Platz gefüllt war die Neuköllner Oper am vergangenen Donnerstagabend, den 21. August. Dort fand die Uraufführung des Musiktheaters „Taksim forever #Rüyalar Parki“ statt. Schöpfen konnten die Darsteller aus eigenen Erfahrungen.

„Taksim forever #Rüyalar Parki“ von Can Erdogan-Sus und Kerem Can beschäftigt sich mit den Protesten rund um den Istanbuler Gezi Park und dem Taksim Platz vor gut einem Jahr. Das Musiktheater unter der Regie von Nicole Oder versucht die Geschichte der vielen jungen Türken zu erzählen, die gegen die Politik des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan auf die Straße gingen.

Die Geschichte verläuft so: Während Ben in Deutschland verzweifelt versucht finanziell ein Bein auf den Boden zu bekommen und sich dabei in regelmäßigen Abständen mit seinem Vater streitet, ist Leyla Teil der Protestbewegung rund um den Gezi Park. Ben ist Klangkünstler und hört Leylas Stimme im Radio. Er entschließt sich kurzfristig nach Istanbul zu reisen. Dabei überwirft er sich mit seinem Vater. Ähnliches passiert in Istanbul. Da Leyla immer wieder sichtlich gezeichnet von den Protesten um den Gezi Park heimkommt, ist das Unverständnis ihrer Mutter vorprogrammiert. Ihre Mutter leidet immer noch unter der Angst und den Folgen, die die Teilnahme von Leylas Vater an den Arbeiterprotesten am 1. Mai 1977 in Istanbul hatten.

Leyla ist während der Proteste in vorderster Front mit ihrem Freund Deniz unterwegs, der ihr gutes Gewissen ist. Während Ben seinen träumerischen Klangkunstprojekten nacheifert und kein Wort Türkisch spricht, lernt er Leyla kennen. Leyla lässt ihn den Sinn des Ganzen verstehen, da Ben eigentlich noch nicht verstanden hat, was es mit der Sache in der sonst so weit entfernten Türkei und rund um den „Park der Träume“ auf sich hat.

Durch eine beachtliche Leistung stach die Hauptdarstellerin Pinar Erincin aus der Menge hervor. Souverän und authentisch spielte sie die junge Türkin Leyla, die sich nicht nur dem Generationskonflikt mit ihrer Mutter, sondern auch der steigenden Konformität in ihrem Land stellen muss. Sie überzeugte das Publikum nicht zuletzt durch ihren ausdrucksstarken Gesang. Besonders hervor stach dieser bei dem vielleicht zentralsten Lied „Capulcu musun vay vay #Bist du ein Chaot“. Gekonnt wechselte sie zwischen den zwei Gesichtern ihrer Rolle. Auf der einen Seite die nachdenklich bis traurige junge Frau, die sich intensiv mit ihrer Familie auseinandersetzt. Auf der anderen Seite geht sie lautstark auf die Straße, weil sie sich plötzlich in ihrem eigenen Land nicht mehr wohl fühlt. Zunehmend rauben ihr die hunderten Einkaufszentren und das Tränengas den Atem. Pinar Erinci in ihrer Rolle zu zusehen macht Spaß. Vielleicht, weil die junge Schauspielerin mit eigenen Augen gesehen und erlebt hat, was in Istanbul vor einem Jahr geschehen ist.

Johannes Hubert spielt in „Taksim forever“ Ben. Ein junger Klangkünstler, der noch seinem Traum nacheifert erfolgreich zu werden. Ben bleibt leider eine Randerscheinung. Auch wenn er nach seiner Bekanntschaft mit Leyla anfängt zu verstehen, um was es sich hier eigentlich handelt, scheint er nie wirklich auf den Boden der Tatsachen zurückgekommen zu sein. Während Ben noch Klangkunst macht und verträumt an seiner Anlage schraubt, legt sich Leyla handfest mit Polizisten an. Ein Träumer, der weder etwas riskiert, noch sich wahren Problemen stellt. Es erscheint deswegen unwahrscheinlich, dass sich die kämpferische Leyla kurz vor der Räumung des Gezi-Parks auf ihn einlässt, nachdem er in der „Anmachsprüche“-Kiste am äußersten Bodensatz gekramt hat. Ben wirkt zeitweise falsch und deplatziert in „Taksim forever“. Er ist leider fast austauschbar. Seine Interpretation erscheint oberflächlich und wird dem gesellschaftlichen und politischen Gewicht nicht gerecht. Bens Rolle kann nicht überzeugen.

Was Ben vermissen lässt, macht Leylas Freund Deniz, gespielt von Murat Dikenci, wett. Deniz vereint in seiner Rolle alle Volksgruppen und Glaubensrichtungen, die unabhängig voneinander in Istanbul auf die Straße gingen, um sich einer repressiven Politik entgegen zustellen. Dikenci lässt den Literatur studierenden Paradiesvogel liebevoll zu einer Rolle werden, die schwer aus „Taksim forever“ wegzudenken ist. Dikenci verkörpert als Deniz, den guten Geist Taksims und wirkt positiv auf Leyla ein, wenn es nötig ist. Auch als Moderator des Piratensenders „Capulcu Radio“ war Deniz ein gern gesehener Freund des Publikums. Vielen Dank, dafür.

Unerwähnt bleiben darf auch nicht Alexander Ebert. Universell war er als Bens Vater, Hagen, oder als der Transsexuelle Jéròme zusehen. Gern erinnert man sich an seine humorvolle Interpretation des Klassikers „Keine Macht für niemanden“ von „Ton, Steine, Scherben“. Auch als Transsexueller hätte er nicht fehlen dürfen, denn er gab all jenen eine Stimme, die in der Berichterstattung nur wenig Platz fanden. Dennoch leisteten auch sie einen wesentlichen Beitrag zum „Rüyalar Parki“ – dem Park der Träume.

Überspitzt wirkt jedoch das Gespräch zwischen Hagen und Ben. Hier versucht Hagen seinem Sohn zu eröffnen, dass er einen Hirntumor hat. Er scheitert im Stück an der schlechten Verbindung, abrupt reißt diese ab. Das schien des Dramas etwas zu viel. Die Geschehnisse rund um den Taksim-Platz vor einem Jahr sollten genug Stoff für Drama und Verzweiflung bieten können. Dieses Stilmittel war vielleicht etwas dick aufgetragen.

Bedeutend war auch, die von Can Erdogan-Sus komponierte und von Bijan Azadian umgesetzte Musik. Sie geht wunderbar ins Ohr, ist mitreißend und konnte auch die nicht-türkischsprachigen Zuschauer überzeugen. Sie führt wunderbar durch fast zwei Stunden und erfreut jenseits des Mainstream.

Positiv zu erwähnen ist auch das Bühnenbild und die Lichtinstallation. Sie sind sphärisch und tragen ihren Teil dazu bei, dass der Zuschauer die Brisanz Taksims versteht und sich den auf der Bühne Stehenden verbunden fühlt. Mit viel Liebe zum Detail wurde „Taksim forever“ hier ein schöner Rahmen gegeben.

„Taksim forever“ ist ein schöner Versuch die Geschehnisse auf dem Taksim-Platz in einen historischen und gesellschaftlichen Rahmen einzubetten. Es wird auf leicht verdauliche Art und Weise versucht, dem Zuschauer die Träume, Hoffnungen und Beweggründe vieler junger Türken begreiflich zu machen. Das Musiktheater kann hierbei über lange Strecken überzeugen und reißt mit. Leider erscheint das Stück an mancher Stelle etwas plakativ und vorhersehbar. Geschuldet ist dies mit Sicherheit auch dem Gewicht des gespielten Stoffs. Die Träume, Hoffnungen und Sehnsüchte von Tausenden, auf einer Bühne nach Deutschland zu transportieren ist sicher schwer. Genau aus diesem Grund verdient es „Taksim forever“ gesehen zu werden.

http://neukoellneroper.de/
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