Traumstadt Istanbul: Der wirtschaftliche Fortschritt und seine Schattenseiten

Wirtschaftlich geht es der Türkei glänzend. Erst vergangene Woche korrigierten alle wichtigen Ratingagenturen ihre Wachstumsprognosen nach oben. Der wirtschaftliche Aufschwung macht sich auch im Stadtbild türkischer Städte bemerkbar. Besonders Istanbul veränderte sich in den vergangenen Jahren. Viele sehen das jedoch kritisch.

Istanbul verändert sich unaufhaltsam. Bereits im Jahr 1850 schrieb der Franzose Gustave Flaubert, beeindruckt von der damaligen Bosporus-Metropole, dass diese in einiger Zeit eine Welthauptstadt sein würde. Bis jetzt hat sich diese Vermutung nicht bewahrheitet. Aber Istanbul wächst. Schon jetzt ist die Stadt eine der größten der Welt und hat über 14 Millionen Einwohner. Die türkische Mega-City nimmt damit mehr Raum ein als New York City.

Was Flughäfen und Demonstranten verbindet

„Wir bauen nicht nur einen Flughafen, sondern ein Monument des heutigen Sieges“, sagte der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan beim Spatenstich des neuen Istanbuler Flughafens, so der Guardian. Der Prachtbau soll der größte Flughafen der Welt werden und wichtige Drehkreuze, wie Frankfurt oder London in den Schatten stellen (mehr hier). Geld spielt dabei keine Rolle, der Flughafen wird über zehn Milliarden Euro kosten und soll 150 Millionen Passagiere im Jahr abfertigen können. Voraussichtlich ist das Gebäude im Jahr 2018 fertig gestellt, so die Hurriyet. Erdoğan sprach damals vor mehreren tausend Zuschauern, während zeitgleich die Proteste um den Gezi Park anhielten. Tausende junge Menschen demonstrierten gegen den Nachbau einer osmanischen Kaserne, die Geschäfte und Wohnungen beheimaten sollte. Der Gezi Park war zu diesem Zeitpunkt eine der letzten Grünflächen im Stadtbereich.

Auch wenn der Flughafenbau und die Umgestaltung des Geziparks augenscheinlich nichts miteinander zu tun haben, stehen sie in einem Zusammenhang. Erdoğan dürfte die Grundsteinlegung nicht umsonst als Sieg bezeichnet haben. Die beiden Bauprojekte und der Widerstand gegen diese stehen sinnbildlich für die Baupolitik des Ministerpräsidenten. Der Spatenstich war auch ein Sieg über die anhaltenden Proteste gegen ein anderes Großvorhaben an anderer Stelle. In Istanbul wird viel gebaut: Alte Stadtteile weichen Einkaufszentren. Bürger, die seit Jahren in einem Stadtteil leben, müssen weichen, unabhängig davon wie lange sie schon ihrem Viertel wohnen. Das Pestigeprojekt hat Vorrang.

Istanbul der Wirtschaftsmotor

Istanbul ist das Herz der türkischen Volkswirtschaft. Wie der britische Guardian berichtet, leben 20 Prozent der Landesbevölkerung hier. Ungefähr 40 Prozent der türkischen Steuereinnahmen stammen aus der Metropolregion Istanbul. Die wirtschaftliche Produktion hat sich seit dem Jahr 2004 verdoppelt, so das Blatt. Dass solche wirtschaftliche Veränderungen auch das Stadtbild verändern, war vorauszusehen.

Istanbul wird auch international eine immer mehr beachtete Stadt. Erst kürzlich wurde sie als eines der besten Reiseziele weltweit bezeichnet und kratzt auch an dem Prestige der französischen Hauptstadt Paris, so die Huffington Post.

Nun muss Istanbul aufpassen, dass es den Charme, den es zu diesem Touristenmagnet hat werden lassen nicht verliert (mehr hier). Die Situation könnte nicht zwiespältiger sein. Während konservative Eliten und die Regierung den Ausbau vorantreiben, ist es eine junge Generation von Türken, die sich um den Fortbestand ihrer Heimatstadt sorgt. Der intime, altstädtische Charakter, der Istanbul so sehenswert macht, droht verloren zu gehen.

Großprojekte treiben Bevölkerung an Stadtgrenze

Wie in vielen anderen europäischen Städten geht der Umbau eines Stadtviertels einher mit dem Auszug von Bevölkerungsteilen, die teilweise schon seit Generationen in ihren Vierteln leben. Nachdem ihr Wohnraum umgebaut und renoviert wurde, können sie sich die Wohnung dort meist nicht mehr leisten und ziehen weg. Finanziell stärkere Bewohner ziehen in das Viertel. Ein gutes Beispiel ist Tarlabaşı im Bezirk Beyoğlu. Das Viertel unweit vom Taksim Platz zeichnet sich durch eine alte Bausubstanz aus. Wie Arte berichtet, wurden dort ganze Straßenzüge entvölkert und jetzt luxussaniert. Ein Großteil, der hier lebenden Bevölkerung wird sich eine Bleibe dort nicht mehr leisten können.

Ein ähnlicher Vorgang droht dem Viertel Fikirtepe auf der asiatischen Seite Istanbuls, so Anadolu. Die Bewohner sind hier uneins. In ihrem Viertel sollen Hochhäuser mit 50.000 Wohnungen entstehen. Der Veränderungsprozess, der auch „Genrifizierung“ genannt wird, bedeutet für sie nicht nur eine Veränderung des sichtbaren Stadtbildes. Auch die Zusammensetzung der Menschen, die in den Vierteln wohnen, verändert sich. „Jeder hat etwas hier verloren, vielleicht ihr Zuhause, vielleicht den Job, die Kindheit oder die beste Zeit ihres Lebens. Zusammen mit dem Viertel, das aus Istanbul ausgelöscht wurde, verschwanden auch nachbarschaftliches Verhalten und Brüderlichkeit, das vorher Ältere, Bedürftige und Arme beschützte“, sagt Beysim A. im Gespräch mit Anadolu über die Veränderungen in seinem Viertel. Auf der anderen Seite sei er in einer guten Situation, für seine 300 Quadratmeter Eigentum bekomme er an andere Stelle im Gegenzug sechs Apartments. Das mache ihn zum Millionär.

So ereilt Istanbul im Eiltempo ein Schicksal, das andere Weltstädte schon hinter sich haben: steigende Mieten, soziale Spaltung und teure Stadtviertel. Eine weitere Landeshauptstadt, die mit diesen Auswirkungen zu kämpfen hat ist Berlin. Hier werden innenstadtnahe Wohnlagen immer teurer. Häuser und Grundstücke werden so auch hier zunehmend zu lohnenden Kapitalanlagen. Ähnliches ist in London zu beobachten, hier kostet eine Wohnung in der Nähe des Hydepark 60000 Pfund pro Woche, so Dailymail.

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