Morgenland-Festival in Osnabrück: Eine Brücke in den Nahen Osten und zur Türkei

Zum zehnten Mal in Folge findet das Morgenland Festival in Osnabrück vom 19. bis 30. September statt. Was als gewagtes Projekt begann, ist mittlerweile ein international anerkanntes Musikspektakel geworden. Kunst und Weltgeschehen gingen hier von Anfang an Hand in Hand: Viele Künstler kommen aus politisch instabilen Regionen. Zum Jubiläum werden Künstler aus dem Iran, Syrien, Jordanien, der Türkei und vielen anderen Orten der Welt nach Niedersachsen kommen.

Vor zehn Jahren öffnete das Morgenland Festival in Osnabrück das erste Mal seine Tore. Was anfangs ein aufsehenerrgendes Projekt war, hat es nun kulturell zu beträchtlicher Größe gebracht. Jedes Jahr kommen zahlreiche Künstler aus dem Nahen Osten und anderen Ecken der Welt, um in Deutschland gemeinsam Musik zu machen. Das Projekt ist auch als Signal zu verstehen: Während in Syrien Bürgerkrieg herrscht und eine ganze Region zu zerbrechen droht, machen die Künstler hier Musik und setzten Zeichen. Wie die vergangenen Jahre werden sie ein breites Publikum ansprechen. Die Deutsch-Türkischen-Nachrichten unterhielten sich mit Michael Dreyer, dem Initiator des Morgenland-Festivals.

DTN: Das Morgenland Festival feiert dieses Jahr seinen zehnten Geburtstag. Welche Idee stand am Anfang des Projekts?
Dreyer:
Ich habe viele Freunde, die Musiker sind, Musikstudenten, Musikwissenschaftler. Niemand von uns wusste: Gibt es eine Avantgarde in Syrien oder Rockmusik im Irak? Das fand ich erstaunlich und erschreckend. Wir sprechen ja hier nicht über irgendeine Region. Die drei Buchreligionen sind hier entstanden, auch unsere westeuropäische Kultur hat hier ihre Wiege. Zudem bekommen wir tagtäglich ziemlich traurige Nachrichten aus der Region. Zivilgesellschaft, kulturelles Leben finden aber in den hiesigen Medien kaum Platz. Dazu kamen eine ganz normale Neugierde und die Hoffnung, dass auch andere Leute sich dafür interessieren.

DTN: Was hat sich in den zehn Jahren verändert?
Dreyer: In den ersten Jahren haben wir einige „Mission Impossible“ Projekte gemacht, etwa das Teheran Symphony Orchestra in Deutschland (mit Frank Zappa auf dem Programm), das erste westliche Symphonieorchester in Iran seit 1979 oder die Iran-Premiere der Bach’schen Johannes-Passion. Mittlerweile hat sich das Festival immer mehr zu einem Klanglabor entwickelt. Wir bringen Musiker zusammen, bieten Ihnen Raum, professionelle Arbeitsverhältnisse, eine (hoffentlich) gute Atmosphäre. So entstehen viele Projekte mittlerweile hier. Es ist weniger Kulturimport als dass wir versuchen ein Katalysator für musikalische Entwicklungen zu sein.

DTN: Welche Personengruppe möchten Sie ansprechen?
Dreyer: Am liebsten alle, da haben wir keine spezifischen Wünsche. Wir versuchen daher auch das Programm entsprechen zu gestalten: Ipek legt für die jüngeren Semester auf, die Rockband Qetiq entsprechend. Zu Feidman und Capella de la Torre kommt erfahrungsgemäß eher älteres Publikum.

DTN: Nicht wenige Ihrer Künstler kommen immer wieder aus Regionen, deren politische Situation instabil oder sogar gewalttätig ist. Ein Großteil der Künstler braucht Visa. Vor welche Herausforderungen stellt Sie das?
Dreyer: Das ist von Land zu Land sehr unterschiedlich. 2010 gab es unglaubliche Probleme, für fünf uigurische Musiker ein Visum zu erhalten, es endete mit einer persönlichen Bürgschaft, die als letztes Mittel vier der Musiker einreisen ließ. In diesem Jahr verlief bei genau dieser Gruppe die Beantragung reibungslos – gleichwohl dass die Prozedere unglaublich aufwändig und zeitintensiv ist. Welchen Vorteil ein deutscher Reisepass bietet, merkt man erst, wenn man dieses einmal durchlaufen hat.

DTN: Nach welchen Kriterien suchen Sie Ihre Künstler aus?
Dreyer: Normalerweise wird dem Festival in jedem Jahr ein Länderschwerpunkt gewidmet. Aus diesen Ländern fischen wir dann die in unseren Augen interessantesten Künstler. Dank unseres riesigen Netzwerks erhalten wir mittlerweile auch viele Hinweise von unseren Musikern – nach dem „kennt ihr den schon“- Prinzip.

DTN: Einige Ihrer Künstler haben schon für die Queen oder für John F. Kennedy gespielt, wie schaffen Sie es solche Künstler immer wieder für das Morgenland Festival Osnabrück zu begeistern?
Dreyer: Wir bemühen uns, ihnen in Osnabrück eine Atmosphäre zu bieten, die sowohl professionell als auch familiär geprägt ist. Das bedeutet zum einen: optimale Bedingungen für ihre Musik schaffen (fantastische Techniker, gute Instrumente, perfekte Räumlichkeiten) und zum anderen Zuhören, Probleme lösen, Geburtstage feiern.

DTN: Auch in englischsprachigen Medien wurde über Sie berichtet. Wie schaffen Sie es immer wieder eine so große internationale Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen?
Dreyer: Die Resonanz ist dem einzigartigen Konzept des Festivals zu verdanken. Die Künstler werden nicht über Agenturen gebucht, sondern sind über viele Reisen gefunden worden und kommen hier in den unterschiedlichsten Konstellationen zusammen. Um zwei Beispiele zu nennen: Die Morgenland All Star Band, die am 20. Open Air spielen wird, ist eine Band des Festivals. Ihre Mitglieder sind herausragende Solisten aus 10 Nationen, die überwiegend bereits zuvor mit anderen Projekten auf dem Festival zu Gast waren. Giora Feidman tritt in diesem Jahr gemeinsam mit Kinan Azmeh im Dom auf. Gemeinsam mit dem Osnabrücker Jugendchor. Das ist für das Festival in erster Linie künstlerisch hochspannend, wenn man jedoch die unterschiedlichen Wurzeln der Akteure betrachtet vor allem auch ein Hoffnungsstrahl in Zeiten, zu denen hauptsächlich über aufkeimenden Antisemitismus, Islamismus und Fanatismus berichtet wird.

DTN: Wie zufrieden sind Sie mit der Resonanz sowohl auf lokaler als auch auf nationaler Ebene?
Dreyer: Osnabrück ist ein hervorragender Ort für das Festival. Zum einen verdanken wir diesem Ort ein unglaublich interessiertes und offenes Publikum. Wir erhalten früh im Jahr anfragen zum Termin des Festivals, weil Menschen ihren Urlaub danach planen! Zum anderen erleichtern die überschaubaren Wege von Proben- zu Konzertort zu Restaurant die Logistik um ein Vielfaches und die Zusammenarbeit mit den lokalen Dienstleistern läuft wesentlich unkomplizierter als dies bspw. in Berlin der Fall wäre. Die Resonanz auf nationaler Ebene ist vor allem in den vergangenen Jahren größer geworden, was wir an den Zugriffsorten unserer Website, oder den online-Ticketverkauf Statistiken sehen können.

http://www.morgenland-festival.com/start

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