Nach Soma-Unglück: Türkei kann Energiehunger auch in Zukunft nur mit Braunkohle stillen

Die Bevölkerung und der Wohlstand der Türkei wachsen rasant - und damit auch die Stromnachfrage. Zahlreiche neue Kraftwerke sind geplant. Die Kohle steht dabei als wichtigste türkische Energiequelle unter enormem Produktionsdruck.

In Deutschland nehmen die Energiekonzerne ihre konventionellen Kraftwerke wegen mangelnder Auslastung massenhaft vom Netz – in der Türkei bietet sich ein völlig anderes Bild. Dort wächst die Stromnachfrage um mehr als fünf Prozent im Jahr, weil Bevölkerung und Wohlstand immer weiter zunehmen.

Zahlreiche neue Kraftwerke sind geplant. Die Kohle steht dabei als wichtigste einheimische Energiequelle unter enormem Produktionsdruck. Das gilt vor allem für Braunkohle, wie sie in der Unglücksgrube in Soma gefördert wurde. Steinkohle hat die Türkei wenig und muss das meiste importieren, eigenen Abbau gibt es in der Schwarzmeer-Region.

Um rund sieben Gigawatt sollen die Kohle-Kraftwerkskapazitäten bis zum Jahr 2021 nach den Planungen der Regierung steigen, berichtet die dpa. Zugleich will Ankara den Anteil der selbst gewonnenen Kohle Schritt für Schritt erhöhen, um weniger abhängig von Weltmarkt-Importen zu werden (mehr hier).

Ein Beispiel ist das geplante 1,3-Gigawatt-Kraftwerk in der Schwarzmeer-Region Amasra. Die Milliarden-Anlage soll mit lokal verfügbarer Steinkohle befeuert werden, die das Betreiberunternehmen dort fördern möchte. Vorgesehen sind jährlich zunächst fünf Millionen Tonnen Steinkohle. Langfristig sollen es zehn Millionen werden.

Dabei muss die Schwarzmeer-Zeche nicht nur die Produktion verdoppeln, sondern auch gegen einen deutlich gefallenen Weltmarktpreis ankämpfen: Weil die USA durch ihren Schiefergas-Boom zunehmend Kohle exportierten, sank der Preis seit 2011 um mehr als ein Drittel. In Deutschland verbilligte sich Kraftwerkskohle seit Anfang 2011 von ursprünglich fast 130 auf heute rund 75 Dollar pro Tonne.

Bei der Braunkohle ist die Situation anders. Wegen des vergleichsweise geringen Energiegehalts braucht man riesige Mengen. Deshalb lohnen sich Importe weniger, die Braunkohle wird meist lokal verarbeitet. Der Druck gehe hier eher von den Zechen- und Kraftwerksbetreibern aus, die ihre Gewinne maximieren wollten, sagt ein deutscher Energiefachmann, der lange im Land gearbeitet hat.

Die Privatisierung vieler Zechen, mit der das Wachstum der Branche angekurbelt werden sollte, hat den Kostendruck vielfach noch verstärkt. Experten der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) beklagen die sehr hohe Unfallgefahr in türkischen Bergwerken (mehr hier).

Deutsche Firmen beteiligen sich schon lange am Ausbau des türkischen Stromnetzes – allerdings mit deutschen Arbeitsschutz-Standards. Deutschlands viertgrößter Energiekonzern Steag betreibt seit 2003 zum Beispiel ein großes 1,3-Gigawatt-Steinkohlekraftwerk in Iskenderun nahe der syrischen Grenze. Es war die größte Investition in der Geschichte des Essener Unternehmens.

Die energiehungrige Türkei kam den Deutschen damals mit einem Stromliefervertrag über 16 Jahre mit dem staatlichen Versorger TETAS entgegen. Die Zahlungen sind durch eine türkische Staatsgarantie abgesichert. Steag ist bis heute hoch zufrieden mit dem Geschäft: Das Kraftwerk fährt Jahr für Jahr gute Gewinne ein. Die Kohle kommt aber nicht aus türkischen Zechen, sondern überwiegend aus Kolumbien. Sie wird um die halbe Welt transportiert und per Schiff angelandet.

Deutschlands größter Energiekonzern Eon hält seit Ende 2012 über das 50-Prozent-Joint-Venture Enerjisa Anteile an Kraftwerken mit insgesamt 2,4 Gigawatt Leistung – überwiegend Gas- und Wasserkraftwerke (mehr hier). Aktuell wird ein 450-Megawatt-Braunkohlekraftwerk in Tufanbeyli im Landesinneren gebaut. Konzernchef Johannes Teyssen lobte die Türkei als «eines der wachstumsstärksten Länder der Erde» mit einer «erheblichen und anhaltenden Zunahme des Energiebedarfs». Über die Gemeinschaftsfirma beliefert Eon bereits 9 Millionen Türken mit Strom – mehr als im deutschen Heimatmarkt (rund 6 Millionen).

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