Abkehr von Atatürk: Erdoğan will als Präsident eine neue Ära einläuten

Der neue türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan beginnt bereits eine Woche nach seinem Amtsantritt damit, neue Akzente zu setzen. Der einstige Premier bricht mit bisherigen Traditionen und verlegt den angestammten Amtssitz des Präsidenten. Auch die Erziehung der Jugend soll künftig in andere Bahnen gelenkt werden. Vermehrt werden Kinder religiösen Schulen zugeteilt.

Als erster direkt vom Volk gewählter Staatspräsident der Türkei beginnt Recep Tayyip Erdoğan schon wenige Tage nach seinem Amtsantritt damit, entscheidende Weichen zu stellen. In einem symbolischen Bruch mit der Vergangenheit wechselt er seinen Amtssitz. Statt seine Arbeit im Cankaya-Palast aufzunehmen, bezieht er ein neues Gebäude außerhalb der Hauptstadt Ankara. Auch innerhalb der Gesellschaft forciert er offenbar eine Kursänderung. So sollen Tausende Kinder islamischen Schulen zugeteilt worden sein, obwohl ihre Eltern weltliche Einrichtungen bevorzugt hätten.

Beobachter werten diese ersten Schritte Erdoğans als Teil eines umfassenden Trends, nicht nur des Präsidenten, sondern der gesamten AKP: Es gehe um die Abkehr vom laizistischen Erbe des Landes. „Man ist der Ansicht, dass das Projekt der türkischen Modernisierung mittels einer Hinwendung zum Westen schlecht durchdacht war“, zitiert die Financial Times Soli Ozel, Professor an der Kadir Has Universität in Istanbul.

Bereits 2012 machte Erdoğan deutlich, dass er eine „religiöse Generation“ heranziehen wolle (mehr hier). Seine Äußerungen in der Polit-Talkshow „Tarafsız Bölge“ sorgten damals für heftige Debatten sowohl in den Reihen der Opposition als auch in der türkischen Gesellschaft. Politisch setzte sich der damalige Premier durch. Seit 2012 ist es Kindern von Gesetzeswegen bereits ab dem zehnten Lebensjahr gestattet, eine religiöse Schule zu besuchen.

Kurz nach seinem Amtsantritt am 28. August wies nun die regierungsnahe Zeitung Star die künftige Richtung. Ihr zufolge sei nach 91 Jahren der Bund zwischen den Bürgern und dem Staatsoberhaupt des Landes wiederhergestellt worden. Eine Referenz auf Atatürks Gründung der Republik im Jahre 1923.

Der Beginn des neuen türkischen Schuljahres unter Präsident Erdoğan ist nun von kontroversen Berichten geprägt. Wie die FT berichtet, sollen Tausende Kinder religiösen Schulen zugeteilt worden sein. Die Zuweisung sei angeblich erfolgt, obwohl die Eltern als erste Wahl andere Einrichtungen für ihren Nachwuchs angegeben haben soll. Im Zuge der umstrittenen „4+4+4+“ Schulreform im Jahr 2012 schossen diese so genannten Imam-Hatip Schulen wie Pilze aus dem Boden (mehr hier). Nach Angaben der Education Reform Initiative der Sabanci Universität in Istanbul soll sich ihre Zahl seit 2010 sogar verdoppelt haben.

Auch Erdoğans Immobilienpläne sind im Licht dieses Trends zu sehen. Statt den unter Atatürk errichteten Cankaya-Palast zu beziehen, soll nun ein 1.000-Zimmer-Komplex außerhalb von Ankara sein neuer Amtssitz werden. Von Außenstehenden werde dieser Schritt durchaus unterschiedlich wahrgenommen, so das Blatt weiter. Für einige wäre das mit dem Auszug des US-Präsidenten aus dem Weißen Haus vergleichbar. Andere sehen diesen Entschluss positiv. Er sei nur konsequent und stünde für die Vision Erdoğans von einer neuen Türkei.

In seiner Antrittsrede wandte sich Erdoğan vergangenen Monat an die Menschen in der Türkei. Religiöse oder ethnische Beziehungen wurden ausgespart. Dennoch wird sein Regierungsstil vom Ausland mit Sorge betrachtet. Denn: Der Rückzug des ehemaligen Ministerpräsidenten wird nicht das Ende seiner aktiven Politik sein. Erdoğan stellt sich damit nicht in die Tradition der ehemaligen Staatspräsidenten, die sich in ihrer Amtsausführung eher passiv gezeigt hatten. „Was sich heute ändert ist die Form, nicht der Kerngehalt (…)“, so Erdoğan im Laufe der AKP-Veranstaltung einen Tag vor seinem Amtsantritt (mehr hier).

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