Studie: Türkische Gastarbeiter verarmen im Rentenalter

Fast die Hälfte aller Zuwanderer sind im Rentenalter armutsgefährdet, besonders stark betroffen sind die Deutsch-Türken: Aus der Türkei zugewanderte Männer ab 65 Jahren erhalten eine durchschnittliche Rente von 742 Euro - das ist deutlich weniger als der deutsche Durchschnitt von 1.109 Euro pro Monat. Türkische Frauen erhalten in Deutschland gar nur 363 Euro.

Ehemalige Gastarbeiter im Rentenalter sind nach einer Studie deutlich stärker von Altersarmut bedroht als ihre gleichalterigen deutschen Kollegen. 41,8 Prozent der Zuwanderer im Rentenalter seien armutsgefährdet, berichtete das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung am Montag in Düsseldorf. Das seien dreimal so viele wie unter Deutschen über 65 Jahren. Besonders stark betroffen seien ältere Migranten aus der Türkei, deren Anteil sogar gut viermal so hoch liege. Hintergrund seien oft geringere Rentenansprüche durch eine vergleichsweise hohe Arbeitslosigkeit und niedrige Einkommen.

Vor 50 Jahren, am 10. September 1964, begrüßte die Bundesrepublik Armando Rodrigues de Sá als millionsten Gastarbeiter. Ein Jahrzehnt später lebten in Westdeutschland bereits knapp vier Millionen Ausländer. Ein großer Teil wohnte in Baracken und eng gedrängt in Wohnheimen. Die große Mehrheit der zugewanderten Arbeitskräfte fand nur Jobs in den untersten Lohngruppen, zeigt die Untersuchung von Dr. Eric Seils, Jutta Höhne, Benedikt Linden und Anne Wiebel. Weil sie aber meist in überdurchschnittlich zahlenden Großunternehmen beschäftigt waren, Schwerstarbeit akzeptierten und viele Überstunden machten, erreichten sie Anfang der 1970er-Jahre im Schnitt immerhin Bruttogehälter, die nur wenig unter denen der Deutschen lagen.

Richtig schwer wurde es nach dem Anwerbestopp: Der Niedergang der Montanindustrie betraf zuerst die Jobs der Gastarbeiter. Die Arbeitslosenquote der Ausländer stieg über die der Deutschen. Gastarbeiter besetzten immer noch die am schlechtesten bezahlten Stellen, arbeiteten aber seltener in Großbetrieben. Die Möglichkeit, niedrige Stundenlöhne durch Mehrarbeit auszugleichen, entfiel häufig.

All dies schlug sich nicht nur im laufenden Einkommen nieder, sondern auch in geringen Rentenansprüchen. Auf der Basis von neuen Daten der Deutschen Rentenversicherung und des Mikrozensus haben die WSI-Forscher die soziale Situation von ehemaligen Gastarbeitern ermittelt: So kommen aus der Türkei zugewanderte Männer ab 65 im Schnitt nur auf eine gesetzliche Rente von 742 Euro, während Deutsche immerhin 1.109 Euro im Monat beziehen. Dazwischen liegen frühere männliche Gastarbeiter aus Italien (963 Euro) oder dem ehemaligen Jugoslawien (873 Euro). Auch unter den Seniorinnen haben Frauen aus der Türkei die mit Abstand niedrigsten Rentenansprüche erworben: Sie erhalten im Mittel nur 363 Euro. Frauen mit deutscher Staatsangehörigkeit beziehen dagegen durchschnittlich 572 Euro gesetzliche Rente im Monat, Griechinnen 570 Euro und Italienerinnen 467 Euro).

Noch drastischer zeigen sich die sozialen Unterschiede nach der Analyse der Forscher beim Blick auf die Armutsquoten. Von den Deutschen ab 65 Jahren gelten 12,5 Prozent als armutsgefährdet. Das heißt nach gängiger wissenschaftlicher Definition, ihr Einkommen liegt bei weniger als 60 Prozent des mittleren bedarfsgewichteten Einkommens. Unter Gastarbeitern im Rentenalter sind dagegen 41,8 Prozent von Armut bedroht, bei türkischstämmigen Migranten sogar 54,7 Prozent.

Eine Auswertung für das größte westdeutsche Bundesland Nordrhein-Westfalen zeigt, dass die Probleme sich in diesem Bundesland konzentrieren: Von den ehemaligen Gastarbeitern in NRW haben 46,9 Prozent ein Einkommen unterhalb der 60-Prozent-Schwelle, unter den Türken sind es sogar 59,7 Prozent. „Die Zahlen demonstrieren, dass ein scharfer industrieller Strukturwandel, wie ihn Nordrhein-Westfalen durchmachen musste, die Beschäftigten aus dem Ausland besonders hart getroffen hat“, erklärt WSI-Forscher Seils. Er vermutet, dass die Situation in anderen westdeutschen Gebieten mit Strukturproblemen ähnlich ist. Für kleinräumigere Regionen ließen sich aber keine aussagekräftigen Daten gewinnen.

Merkliche Unterschiede zwischen Einheimischen und Zuwanderern haben die Wissenschaftler auch bei der Wohnsituation festgestellt. Zwar hat sich ihre Lage in Laufe der Jahrzehnte deutlich verbessert, dennoch leben sie im Durchschnitt nach wie vor unter schlechteren Bedingungen als Deutsche. Sie verfügen wesentlich seltener über Wohneigentum und müssen, weil sie meist in westdeutschen Ballungsgebieten wohnen, überdurchschnittliche Mieten zahlen. „Die bei uns verbliebenen ehemaligen Gastarbeiter leben heute besser als zur Zeit der Anwerbung. Gesellschaftlich sind aber viele ganz unten geblieben“, urteilt WSI-Forscher Eric Seils.

Für die Studie haben die WSI-Forscher Daten der Deutschen Rentenversicherung und des Mikrozensus ausgewertet. In der Definition der Forscher gelten Menschen als armutsgefährdet, deren Einkommen bei weniger als 60 Prozent des mittleren bedarfsgewichteten Einkommens liegt. Die Gewichtung nach Bedarf berücksichtigt unter anderem, dass Kinder weniger Geld brauchen als Erwachsene, und dass das Leben günstiger wird, wenn mehrere Menschen zusammenleben.

Hier geht es zum WSI-Report.

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