Erdoğan will den Türken das Rauchen verbieten

Ab Oktober soll das Rauchen in Parks oder vor Bars in der Türkei verboten werden. Wie schon beim Alkohol-Verbot wird damit argumentiert, vor allem Kinder schützen zu wollen. Der Verweis klingt bekannt, kam er doch schon mehrmals zum Einsatz, um Unliebsames zu diskreditieren.

Rauchen ist in der Türkei ein weit verbreitetes Laster und gehört für viele zum alltäglichen Bild dazu. Nun soll das Rauchen aus dem öffentlichen Raum verbannt werden. Es ist nicht das erste Mal, dass die türkische Regierung in die Privatsphäre ihrer Bürger eingreift. Auch bei der Schulwahl ihrer Kinder und dem Genuss von Alkohol mussten die Türken zuletzt Beschränkungen hinnehmen.

Rauchen ist in der Türkei beliebt

Rauchen ist in allen Altersklassen in der Türkei verbreitet. Die Türken geben jährlich hohe Beträge für den Tabakkonsum aus. Schätzungsweise rauchen 22 Millionen Menschen in der Türkei. Über 25 Milliarden US-Dollar nimmt die Tabakbranche jährlich in der Türkei ein. Schon 2007 sagte der damalige Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan, dass der Kampf gegen das Rauchen ebenso wichtig wäre, wie der Kampf gegen den Terror, so das Time Magazin.
In den vergangenen Regierungen von Ministerpräsident Erdoğan hat nie ein Minister geraucht. Jedoch hat die rechtliche Veränderung nicht nur einen ideologischen Hintergrund. Der religiös-konservativen AKP ist das Rauchen schon länger ein Dorn im Auge. Die härteren Auflagen für Tabakkonsum und Werbung der EU kamen zum richtigen Zeitpunkt. Die EU-Mitglieder Frankreich und Irland haben weltweit eines der striktesten Rauchgesetzte. Bei einem Besuch auf dem Bazar in Istanbul ließ der türkische Gesundheitsminister Mehmet Müezzinoğlu keinen Zweifel daran, dass er am Liebsten überall das Rauchen verbieten würde, so Habermonitor. Von Oktober an will er den Tabakgenuss auch in Bars, Restaurants, Einkaufszentren und sogar in Parks verbieten, berichtet Bugün.

Türkei ist Musterland der WHO

Die Weltgesundheitsorganisation lobt die Bemühungen der Türkei allerdings. Die türkische Vorgehensweise in der Bekämpfung von Nikotinsucht ist in den Augen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) offenbar besonders gelungen. Das entsprechende Wissen soll die Türkei nun an 28 Staaten weitergeben.

Alle zwei Jahre legen die 194 WHO-Mitglieder einen Bericht zur Bekämpfung von Tabakkonsum vor. Der vierte Report dieser Art wurde am 10. Juli 2013 in Panama vorgestellt. Darin beschrieben ist auch die türkische Entwicklung. Das Land wird als Referenz im Kampf gegen das Rauchen betrachtet. Seit 2010 haben Komitees aus Staaten wie Aserbaidschan, Albanien, Bangladesch, Iran, Kosovo, Ungarn, Ägypten, Thailand und der Ukraine die Türkei besucht, um dort die aktuellen Bemühungen um eine Eindämmung der Tabaksucht zu beobachten.
Wie die WHO in ihrem Report on the Global Tobacco Epidemic festgestellt hat, sinken die Raucherzahlen in Westeuropa. Maßgeblich dazu beigetragen hat ihrer Ansicht nacht das Verbot entsprechender Werbung. Ziel der Organisation ist es seit Jahren ein weltweites Tabak-Werbe-Verbot durchzusetzen. n den vergangenen Jahren kam es unter der AKP-Regierung zu einer immer restriktiveren Alkohol- und Tabakpolitik. Die Steuerbelastung für Raucher ist seit 2003 enorm gestiegen (mehr hier). Lagen 2003 die Ausgaben aller Raucher für ca. 108 Millionen Zigaretten bei 5,5 Milliarden Dollar, zahlten Raucher 2012 für zehn Millionen Zigaretten weniger ganze 15,5 Milliarden Dollar. Die Entwöhnungspolitik trägt derweil Früchte. Zwischen 1988 und 2012 ist der Bevölkerungsanteil der Raucher von 44 auf 27 Prozent gefallen. Dabei spielen sicherlich auch die Verbannung des Zigarettenqualms aus geschlossenen Räumen, zensierte Raucher im Fernsehen und zahlreiche Gesundheitskampagnen eine große Rolle. Rauchen ist die häufigste Ursache für Krebs in der Türkei – (mehr hier). Interessant ist auch, dass in der Türkei ein positiver Zusammenhang zwischen Bildungsniveau und der Wahrscheinlichkeit zu rauchen besteht. In den meisten anderen Ländern rauchen eher ungebildete Schichten, in der Türkei ist es genau umgekehrt, so die Weltgesundheitsorganisation in einer Studie.

Nicht der erste Einschnitt in Privatsphäre

Es ist nicht der erste Einschnitt, den die Türken in ihrer Privatsphäre hinnehmen müssen. Bereits der Alkoholkonsum wurde in der Türkei reglementiert. Im Sommer 2013 hatte der damalige Staatspräsident Gül das Anti-Alkohol-Gesetz trotz heftiger Proteste unterschrieben (mehr hier). Die Befürworter der Maßnahme hatten damals angeben, dass die regierende AKP mit diesem Gesetzentwurf darauf abziele die Gesellschaft, und hier in erster Linie die Kinder, vor den schädlichen Wirkungen des Alkohols schützen zu wollen. Kritiker sahen darin jedoch einen weiteren Schritt in Richtung Islamisierung der Türkei, indem man sich peu à peu in das Privatleben der Bevölkerung einmischt. Angefangen bei einem Alkoholverbot auf Inlandsflügen der halbstaatlichen Fluggesellschaft Turkish Airlines, was offiziell mit mangelnder Nachfrage begründet, von der Gegenseite jedoch als treue Folge des Unternehmens auf Ankaras konservativer Linie betrachtet wurde. In Sachen Lippenstift-Verbot ruderte die Airline übrigens erst kürzlich zurück (mehr hier). Für Aufsehen sorgte aber auch die Ayran versus Raki-Debatte, die durch den damaligen Premier Erdoğan angestoßen wurde. Er würde es am liebsten sehen, wenn das nicht-alkoholische Getränk alleinig den Status als Nationalgetränk für sich beanspruchen würde (mehr hier). Ohnehin würden nach Angaben von Nationalen Instituts für Statistik (TurkStat) rund 85 Prozent der Türken keinen Alkohol konsumieren.

Tausende Kinder an Religionsschulen

Auch der Beginn des neuen türkischen Schuljahres unter Präsident Erdoğan ist nun von kontroversen Berichten geprägt. Wie die FT berichtet, sollen Tausende Kinder religiösen Schulen zugeteilt worden sein. Die Zuweisung sei angeblich erfolgt, obwohl die Eltern als erste Wahl andere Einrichtungen für ihren Nachwuchs angegeben haben soll. Im Zuge der umstrittenen „4+4+4+“ Schulreform im Jahr 2012 schossen diese so genannten Imam-Hatip Schulen wie Pilze aus dem Boden (mehr hier). Nach Angaben der Education Reform Initiative der Sabanci Universität in Istanbul soll sich ihre Zahl seit 2010 sogar verdoppelt haben.

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