Türkische Wirtschaft wächst langsamer als erwartet

Das türkische Wirtschaftswachstum ist im zweiten Quartal dieses Jahres schlechter ausgefallen, als erwartet. Beobachter hatten offenbar nicht mit einem derart starken Rückgang gerechnet. Abgezeichnet haben sich die aktuellen Schwierigkeiten jedoch bereits vor vielen Monaten.

Nach Angaben des türkischen Statistik Instituts (TÜİK) von diesem Mittwoch ist das Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal 2014 nur um 2,1 Prozent gewachsen. Dieser Wert liegt nicht nur deutlich unter den meisten Prognosen. Auch im Vorjahreszeitraum sah das Wachstum mit 4,6 Prozent ganz anders aus. Noch in den ersten drei Monaten deutete die Tendenz für den weiteren Verlauf des Jahres in eine andere Richtung. Mit den aktuellen Zahlen steigt nun auch der Druck auf die türkische Regierung sowie die Zentralbank, ihr anvisiertes Jahresziel von vier Prozent zu erreichen.

Die Währung reagierte umgehend auf die Nachricht aus dem türkischen Statistik Institut. Die Türkische Lira verlor an Wert und erreichte einen Stand von 2.21 gegenüber dem Dollar. Das ist der niedrigste Wert seit fünf Monaten. Erst gegen Mittag setzte eine Erholung ein. Korrigiert wurden zudem die Wachstumszahlen für das erste Quartal. Das TÜİK gab diese nun mit 4,7 statt 4,3 Prozent an. Für das gesamte erste Halbjahr wurde eine Wachstumsrate von 3,3 Prozent angegeben.

Vor allem auf der Grundlage der schwachen Entwicklung von Industrie und Handel hatten Analysten bereits mit einem abgeschwächten Wachstum zwischen 2,65 bis 2,80 Prozent gerechnet. Die Ergebnisse des zweiten Quartals seien mit Blick auf eine 2,5-prozentige Schrumpfung des Industrieproduktion im vorangegangenen Quartal „enttäuschend, aber nicht ganz unerwartet“, zitiert etwa die Financial Times Inan Demir, Chefökonom bei der Istanbuler Finansbank. Der Überraschungsmoment läge für ihn daher weniger in der Entwicklung des zweiten Quartals als vielmehr in der starken Performance des ersten. Die Folgen sind für ihn klar: Seiner Ansicht nach werde das BIP-Wachstum für 2014 insgesamt bei nur gut drei Prozent liegen.

„Das Wirtschaftswachstum hat im zweiten Quartal an Schwung verloren“, zitiert unterdessen die türkische Zeitung Hürriyet Finanzminister Mehmet Şimşek. In einer ersten Reaktion auf die Bekanntmachung sieht auch er das bislang ausgewiesene Wachstumsziel in Gefahr. Seiner Ansicht nach seien die anhaltende Dürre in diesem Sommer, wirtschaftliche Probleme in den EU-Ländern sowie geopolitische Spannungen im Irak und in der Ukraine derzeit die größten Risikofaktoren.

Eingetrübt hatte sich die Stimmung jedoch schon Ende vergangenen Jahres. Zunehmend machen sich seither politische Unsicherheiten bemerkbar. Angefangen bei einem sich über Monate hinziehenden Korruptionsskandal, der die türkischen Märkte zum Verlierer des Jahres 2013 werden ließ (mehr hier), über die Kommunalwahlen im März, die sich dank diverser Schlagabtausche ebenfalls auf die Wirtschaft niederschlugen (mehr hier), bis hin zu den Präsidentschaftswahlen im August, die mit Recep Tayyip Erdoğan als Präsidenten offenbar eine völlig neue türkische Ära einläuten (mehr hier).

Die aktuellen Zahlen für das zweite Quartal 2014 kommen nun erneut zu einem sensiblen Zeitpunkt. Die Immobilienkäufe in der Türkei geraten mehr und mehr ins Stocken. Der Financial Times zufolge wurden in den ersten sieben Monaten dieses Jahres 609.877 Wohneinheiten verkauft. Das entspricht einem Rückgang von ganzen 9,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Im Juli brachen die Verkäufe im Vergleich zu 2013 gar um 20,2 Prozent ein. Dem Immobilien-Analyst Reidin zufolge stiegen in diesem Monat gleichzeitig die Preise um 10,8 Prozent. In Istanbul habe die Preissteigerung zum Vorjahreszeitraum gar bei 21,6 Prozent gelegen (mehr hier).

Wie die türkische Exporteursvereinigung bereits in der vergangenen Woche mitteilte, seien die Ausfuhren im August um 5,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum nach oben geklettert. Exporte in den krisengeschüttelten Irak, dem zweitgrößten Handelspartner der Türkei, fielen im Juni um 21 Prozent, im Juli um 46 Prozen und im August um 27 Prozent.

Die jüngsten Zahlen brechen mit dem bisher gezeichneten Bild. Erst kürzlich wurden die Wachstumsprognosen für die Türkei von den wichtigsten Ratingagenturen nach oben korrigiert. Auch das Klima unter den Investoren wurde positiv bewertet. Die direkten Investitionen in den türkischen Markt haben innerhalb der ersten sechs Monate eine Höhe von 6,76 Milliarden US-Dollar erreicht. Im Vergleich zum Vorjahr sind die ausländischen Direktinvestitionen damit um 28 Prozent gestiegen.

Zufrieden zeigte sich damit auch der türkische Wirtschaftsminister. „Die Zahl zeigt uns, dass es ein Wachstum von 28 Prozent im Vergleich zu dem im vergangenen Jahr gab. Letztes Jahr beliefen sich die ausländischen Direktinvestitionen auf 5,28 Milliarden Dollar“, so Nihat Zeybekçi. Alleine im Juni hätten sich die getätigten Investitionen auf 990 Millionen Dollar belaufen. Nachdem die Ratingagenturen Fitch und Moody’s die Erwartungen an die türkische Wirtschaft noch im April gedämpft hatten, korrigierte Fitch die Wachstumsprognose zuletzt deutlich nach oben (mehr hier). Im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Anadolu, habe die Direktorin von Fitch, Janine Row, die Wachstumsprognosen auf 2,7 Prozent betitelt. Sie begründete den Schritt mit dem guten Auftreten des türkischen Bankensektors im ersten Quartal dieses Jahres.

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