Koranexpertin: So etwas wie IS hat es noch nie gegeben

Nach Ansicht der Berliner Arabistin Angelika Neuwirth hat es ein Phänomen wie den «Islamischen Staat» (IS) in der gesamten islamischen Geschichte bislang nicht gegeben. «Das erinnert eher an die frühislamische Sekte der Charidschiten aus dem 7. Jahrhundert, die mit ähnlich triumphalen Gestus roheste Gewalt anwendete», sagte die Wissenschaftlerin.

Die Sekte habe mit extremer Grausamkeit alle nicht zur eigenen Gruppe gehörenden Muslime systematisch verfolgt. «Damals ließ man aber Andersgläubige, Christen und Juden, unbehelligt», so Neuwirth. «Die mussten nicht dafür bestraft werden, dass sie sich der radikalen Sekte nicht anschlossen.»

Nach Ansicht der Wissenschaftlerin missbraucht IS den Islam. «Es gab natürlich in der Phase, in der die muslimische Gemeinde von außen bedroht war und es nicht sicher war, ob sie überleben würde, Aufrufe zum Kampf und zur Verfolgung von sich widersetzenden Ungläubigen, die sich auch im Koran niedergeschlagen haben», so die Arabistin zur Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Aber diese Kampfaufrufe hätten nichts mit einer systematischen Vernichtung von Andersgläubigen zu tun.

Angelika Neuwirth ist Professorin für Arabistik an der Freien Universität Berlin (FU) und leitet an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften das Forschungsprojekt «Corpus Coranicum», das zum Ziel hat, den Koran aus seinem geschichtlichen Zusammenhang zu deuten und dabei auch die Geschichte von Christentum und Judentum mit einzubeziehen.

Der unfassbare Terror der IS-Milizen im Irak lässt Teile der internationalen Gemeinschaft zusammenrücken. Fernab der umkämpften Gebieten suchten mehr als 20 Länder am Montag in Paris den Schulterschluss gegen die islamistischen Kämpfer, die mehr und mehr Einfluss im Nordirak gewinnen.

Die Extremisten lassen sich nur dann besiegen, wenn ihre Finanzquellen ausgetrocknet werden. Hier richten sich die Augen vor allem auf die Türkei und das Golfemirat Katar. Der größte Teil der IS-Einnahmen stammt aus dem Öl-Schmuggel, der nach Angaben von Geheimdiensten im Westen vor allem über die Türkei läuft (mehr hier).

Bundesinnenminister Thomas de Maiziere (CDU) hat am vergangenen Freitag die Betätigung der Terrororganisation «Islamischer Staat» (IS) in Deutschland verboten. Mit der Verfügung dürfen Kennzeichen des IS öffentlich, in einer Versammlung oder in Schriften, Ton- oder Bildträgern, Abbildungen oder Darstellungen nicht mehr verwendet werden, wie das Ministerium mitteilte.

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