Straßburg fordert Türkei zur Reform des Religionsunterrichts auf

Der Europäische Menschenrechtsgerichtshof fordert die Türkei zu Reformen im staatlichen Religionsunterricht auf. Die Straßburger Richter urteilten am Dienstag, der Religionsunterricht im türkischen Schulsystem sei diskriminierend; die religiöse Überzeugung von Minderheiten werde nicht respektiert.

Eine Gruppe von türkischen Aleviten hatte geklagt, der derzeitige Religions- und Ethikunterricht basiere ausschließlich auf dem sunnitischen Verständnis des Islam. Sie hatten zunächst 2005 die türkische Regierung zur Überarbeitung des Lehrplans aufgefordert, um darin die Kultur und Philosophie der Aleviten mit aufzunehmen. Dieses habe die Türkei jedoch abgelehnt.

Die Richter urteilten, die Entscheidung der Türkei verstoße gegen das Recht auf Ausbildung sowie gegen das Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit der Menschenrechtskonvention.

Der Menschenrechtsgerichtshof forderte die Türkei auf, unverzüglich ein System einzuführen, bei dem Schüler vom Religions- und Ethikunterricht befreit werden können, ohne dass Eltern ihre religiöse oder philosophische Überzeugung offen legen müssen. Das
Gericht betonte die Pflicht des Staates, neutral und unabhängig bei der Regulierung religiöser Angelegenheiten zu agieren. Bislang werde nur Schülern mit christlichem oder jüdischem Glauben angeboten, nicht am Religionsunterricht teilzunehmen.

Unterdessen hält der Hildesheimer Theologe Martin Schreiner ein deutliches Plus an religiöser Bildung und interreligiöser Verständigung auch in Deutschland für notwendig, so die KNA. Angesichts der aktuellen Herausforderungen in Schule und Gesellschaft seien «mehr Bildung über Religion und Bildung in Religion» erforderlich, sagte der Professor
für evangelische Theologie und Religionspädagogik am Donnerstag in Hildesheim.

Der Religionsunterricht müsse weiterentwickelt, und die Möglichkeiten zu einem konfessionsübergreifenden Unterricht sollten ausgebaut werden, forderte der Theologe. Kinder und Jugendliche setzten sich dann mit religiösen Inhalten auseinander, etwa mit Texten aus der Bibel, dem Glaubensbekenntnis, kirchengeschichtlich wichtigen Daten
und Personen sowie der «Außenseite der Religion». Dadurch erlangten die Schüler Deutungskompetenz. Religiöse Inhalte entstünden in den praktischen Vollzügen einer Religion. Allerdings gehe es im Religionsunterricht nicht darum, zu «missionieren», sondern «die Innenseite der Religion» zu erleben, so der Theologe.

Schreiner lobte das Drei-Säulen-Modell in Niedersachsen. Hier sei die Erweiterung des gemeinsam verantworteten konfessionell-kooperativen Religionsunterrichts sowie des Werte- und Normen-Unterrichts um den islamischen Religionsunterricht vorgesehen (mehr hier). Zu dieser dritten Säule gehöre auch der an einigen Standorten bestehende jüdische Religionsunterricht. Von einem religionskundlichen Unterricht für alle hält der Theologe nach eigenen Worten aber nichts. «Es gibt keine positionslose, gleichsam ’neutrale‘ Religion. Religionsunterricht ist immer an ein konkretes religiöses Bekenntnis
und an eine bestimmte religiöse Praxis gebunden», sagte Schreiner.

Der Professor äußerte sich anlässlich der gemeinsamen Jahrestagung der Gesellschaft für wissenschaftliche Religionspädagogik und der Arbeitsgemeinschaft katholische Religionspädagogik/Katechetik, die von Donnerstag bis Sonntag in Hildesheim stattfand. Dabei diskutierten rund 140 evangelische und katholische Theologen, wie ökumenische Zusammenarbeit in und außerhalb von Schule gelingen kann. Weiter befassten sich die Forscher unter anderem mit den aktuellen Phänomenen der Religionslosigkeit und der sogenannten Rückkehr zur Religion. Wissenschaftler aus Griechenland und Großbritannien gaben Einblicke in orthodoxe und anglikanische Religionspädagogik.

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