Kampf gegen IS-Terror: Vatikan ohne einheitlichen Kurs

Seit diesem Monat zeichnet sich eine internationale Allianz ab, die ein militärisches Vorgehen gegen die Terrormiliz «Islamischer Staat» im Irak unterstützt. In der Debatte darüber boten Stimmen aus dem Vatikan bisher jedoch ein ambivalentes Bild. Ist Gewalt gegen die IS gerechtfertigt oder doch in jedem Fall abzulehnen?

Ein Grund dafür mag sein, dass die Kirchenspitze in Rom diesen Konflikt nicht allein als moralische Autorität und «Weltgewissen» zu beurteilen hat, sondern als direkt Betroffene, die ihre Diplomatie umso vorsichtiger abwägen muss. Schließlich sind Christen, meist mit Rom unierte Chaldäer, neben den Jesiden die größte Opfergruppe des dschihadistischen Vormarschs im Zweistromland. Tausende wurden ermordet, Hunderttausende mussten vor den Terroristen fliehen, deren Schlagkraft derzeit noch wächst.

Ungerechte Aggressoren im Rahmen einer UN-Entscheidung zu stoppen, sei legitim – diese Aussage von Papst Franziskus während seines Rückflugs nach seinem Besuch in Südkorea deuteten viele Medien – auch vorsichtige – sogleich als Zustimmung zu Militärschlägen gegen die Islamisten. Der päpstliche Zusatz, damit seien aber nicht Krieg oder Bombardierungen gemeint, ging dabei zwar fast unter. Allerdings hatte Franziskus, ähnlich wie in einem vorherigen Brief an UN-Generalsekretär Ban Ki Moon, auch erklärt, die Vereinten Nationen seien verpflichtet «alles in ihrer Macht stehende zu tun», um der Gewalt ein Ende zu setzen. Und zu diesen Mitteln zählen eben auch bewaffnete UN-Mandate.

Kurz zuvor hatte der Ständige Vatikanbeobachter bei den Vereinten Nationen in Genf, Erzbischof Silvano Tommasi, ein militärisches Vorgehen zum Schutz der verfolgten Minderheiten offen befürwortet. Die Berichte des päpstlichen Sondergesandten für den Irak, Kardinal Fernando Filoni, sprachen Ende August gleichfalls eine deutliche Sprache: Die Kurden und der irakische Staat seien nicht in der Lage, die vorrückenden IS-Dschihadisten ohne ausländische Hilfe zu stoppen und ihr Land und die Bevölkerung zu verteidigen. Auch nahöstliche Kirchenführer wie der chaldäische Patriarch Raphael I. Sako haben mehr oder weniger deutlich ein Eingreifen der UN mit allen gebotenen Mitteln gefordert.

Grundsätzliche Verurteilung des Kriegs

Bei seinem Besuch an der Weltkriegs-Gedenkstätte im italienischen Redipuglia am 13. September unterließ Franziskus Aussagen, die sich in Richtung einer Intervention deuten lassen könnten. Dort ging es ihm darum, den Krieg als politisches Mittel grundsätzlich zu
verurteilen. Allerdings sagte er auch nichts, was gegen militärische Einsätze zum Schutz der vom Tod bedrohten Menschen auszulegen wäre. Solche Einsätze werden im Übrigen von der US-Luftwaffe bereits seit Wochen geflogen werden.

Demgegenüber bezeichnete der honduranische Kardinal Oscar Maria Rodriguez Maradiaga, Präsident von Caritas Internationalis und enger Papst-Mitarbeiter, eine Kampfallianz gegen den «Islamischen Staat» als falschen Weg, weil Gewalt immer neue Gewalt hervorrufe. Stattdessen sollten alle involvierten Regierungen für ein Ende der
Waffenlieferungen in die Region arbeiten, um den Konflikt auszutrocknen, und sich allein auf humanitäre Hilfe konzentrieren.

Auch wenn das augustinische Wort vom «gerechten Krieg» nicht mehr gebräuchlich ist, kennt die katholische Lehre doch das Prinzip einer gerechtfertigten Verteidigung. Zuletzt hatte es Papst Johannes Paul II. 1995 im Bosnien-Konflikt offen proklamiert. Dieser Begriff setzt voraus, dass alle anderen Mittel ausgeschöpft sind. Dies scheint für Maradiaga mit Blick auf die Lage im Irak noch nicht gegeben, für die meisten anderen kirchlichen Wortführer, allen voran Franziskus selbst, aber schon.

Der Papst wird am 25. November vor dem Europaparlament in Straßburg sprechen. Wie Vatikansprecher Federico Lombardi mitteilte, hat Franziskus eine Einladung von Parlamentspräsident Martin Schulz angenommen. Der deutsche Sozialdemokrat hatte ihn kurz nach dem Konklave im März 2013 um einen Besuch gebeten: Die Botschaft von Franziskus zu den Grundwerten Europas sei nötiger denn je. – Zuletzt hatte Johannes Paul II. (1978-2005) vor fast 26 Jahren vor den Europaabgeordneten in Straßburg gesprochen. Sein Nachfolger Benedikt XVI. (2005-2013) war ebenfalls eingeladen; eine Reise kam jedoch nicht zustande.

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