Auf der Flucht vor IS: Syrer retten sich in die Türkei, willkommen sind sie nicht

Die Bedrohung durch die Terrormiliz Islamischer Staat hat zu einer neuen Flüchtlingswelle in die Türkei geführt. Hunderttausende sind auf der Flucht und strömen in das zum Bersten mit Flüchtlingen gefüllte Nachbarland. Dabei überfordert der Zustrom der Fremden schon jetzt viele Türken.

Die Fernsehbilder von der südtürkischen Grenze zu Syrien sind herzzerreißend. Eine alte Syrerin schleppt sich auf allen Vieren in Richtung Sicherheit. Alte Männer sinken zu Boden, nachdem sie es in die Türkei geschafft haben. Kinder tragen Babys auf dem Arm. Die meisten Menschen haben auf ihrer Flucht vor den Terroristen des Islamischen Staates (IS) nur wenige persönliche Sachen dabei. Seit Freitag hätten fast 100 000 vor allem kurdische Flüchtlinge Zuflucht im Nachbarland gesucht, teilte das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR in Ankara mit. Auf Hunderttausende weitere bereitet sich das Land vor. 1,3 Millionen Flüchtlinge hat die Türkei bereits aufgenommen. Eine davon ist Fatima – die bettelt, um zu überleben.

Als ihre Familie aus dem syrischen Aleppo in die Türkei floh, habe sie zunächst Glück gehabt, erzählt die 30-Jährige der dpa. In der südöstlichen Stadt Gaziantep fand sie Arbeit als Kinderfrau sowie eine Wohnung. Fast ein halbes Jahr ist das her. 1000 Lira monatlich, umgerechnet etwa 350 Euro, habe ihr der Arbeitgeber versprochen. Gerade genug, um ihre zwei kleinen Kinder, ihre Schwiegereltern und die Neffen ihres Mannes zu versorgen. «Ich bin für die Familie verantwortlich. Meine Schwiegereltern sind alt.» Ihr Mann sei zunächst in Aleppo geblieben, um im Bürgerkrieg zu kämpfen.

Nach zwei Monaten habe ihr Chef in Gaziantep plötzlich ihr Gehalt halbiert, sagt Fatima. «Ich wollte zur Polizei gehen. Doch mein Chef hat mich ausgelacht und gesagt, einer Syrerin glaube niemand», sagt sie. «Mir hat es gereicht. Gaziantep ist ein schlechter Ort.»

Nun lebt Fatima in der Millionenmetropole Istanbul. Sie sitzt mit ihren zwei Kindern auf dem staubigen Boden und bettelt. Ihr Stammplatz liegt nur rund hundert Meter von der Einkaufsstraße Istiklal entfernt. Den Rest der Familie hat sie in einer feuchten Kellerwohnung zurückgelassen. Hinter ihrem Rücken rauschen Autos vorbei. Hunderte Menschen passieren jeden Tag vor ihr den Bürgersteig – Touristen, Handwerker, Büroangestellte. Die meisten ignorieren sie.

Ihr zweijähriger Sohn Ahmet läuft noch etwas unbeholfen zwischen den Beinen der Passanten herum. Ihre sieben Monate alte Tochter Meryem hält Fatima fest im Arm. Sie ist nicht die einzige Bettlerin hier. Etwas weiter sitzt noch eine Frau aus Syrien auf der Straße. Im Gegensatz zu Fatima ist sie offiziell mit Papieren eingereist. Fatima dagegen kam mit der Hilfe eines Schleppers. Sie hatte keine Wahl: Die offiziellen Grenzübergänge waren ihr ohne Pass versperrt. Erst seit der Grenzöffnung am Freitag macht die Türkei eine Ausnahme, die Flüchtlinge können derzeit auch ohne Papiere einreisen.

Die Türkei wird international für ihre Hilfsbereitschaft gelobt. Das Land gewährt den Flüchtlingen kostenlose Krankenversorgung. Doch nur eine Minderheit kann in den 22 Lagern untergebracht werden. Die meisten Syrer leben in den Grenzregionen oder in Metropolen wie Izmir, Istanbul und Ankara. Die einheimische Bevölkerung reagiert zunehmend gereizt auf die Flüchtlinge. In den vergangenen Wochen wurden mehrfach gewaltsame Übergriffe gemeldet.

«Im Tourismus machen sie die Preise kaputt», sagt Ali Özevin mit Blick auf die Flüchtlinge. Der 26-Jährige arbeitet in einem Reisebüro ganz in der Nähe von dem Ort, an dem Fatima bettelt. Ein Hotel reiht sich hier im Stadtzentrum ans andere. Die Geschäfte sind meist zweisprachig beschriftet – arabisch und türkisch. Nicht wegen der Flüchtlinge, sondern für die reichen Touristen aus den Golfstaaten. «In den Hotels und Restaurants hier arbeiten überall Syrer. Sie verdienen weniger als ihre türkischen Kollegen», sagt Özevin.

Für Bettler hat Özevin kein Verständnis. «Sie sind überall. Sie arbeiten nicht, betteln und klauen», sagt er. Resigniert fügt er hinzu: «Die EU macht es sich zu leicht. Weil wir die Nachbarn sind, sollen wir alle Flüchtlinge aufnehmen und für sie bezahlen. Aber wir haben unsere eigenen Probleme.»

Fatima glaubt, dass es ihr in Istanbul immer noch besser ergeht als in einem Lager. Doch immer wieder bekommt auch sie zu spüren, dass sie nicht willkommen ist. Drei Mal habe die Polizei sie aufs Revier gebracht, sagt Fatima. «Sie haben mich angeschrien und geschlagen weil ich bettle. Aber was soll ich sonst machen?» Vor zwei Monaten sei ihr Mann nach Istanbul gekommen, erzählt sie. Nach einer Kriegsverletzung mussten seine Beine amputiert werden. Zwar sei sie jetzt auch für ihren Mann verantwortlich, aber wichtiger sei, dass er noch lebe. «Meinen Mann zu sehen, das war eine schöne Überraschung.»

Nach UNHCR-Angaben seien wegen des Bürgerkriegs in Syrien rund 200 000 Menschen aus anderen Teilen des Landes nach Ain al-Arab geflüchtet, weil die Stadt als relativ sicher galt. Nun drohe eine Flucht von Hunderttausenden Menschen weiter über die türkische Grenze. Im Grenzgebiet selbst kämpfen kurdische Einheiten gegen den Vormarsch der IS-Extremisten.

Die IS-Terrormiliz hatte im Juni begonnen, von Mossul ausgehend Teile des Iraks zu erobern. In Syrien kontrollieren die Dschihadisten rund zwei Drittel des Landes. Ihre Eroberungen hat die IS-Miliz in einem selbst ernannten «Kalifat» zusammengefasst.

Die USA weiteten am Wochenende ihre Luftangriffe gegen die irakische IS-Hochburg Mossul aus. Anwohner berichteten der dpa von US-Luftangriffen auf Stellungen der Terrormiliz im Stadtzentrum. Am Sonntag sei zudem ein IS-Hauptquartier westlich von Mossul angegriffen worden, meldete die unabhängige irakische Nachrichtenseite Al-Sumaria News. Eine Bestätigung vom US-Zentralkommando für die neuen Angriff lag zunächst nicht vor. Die 400 Kilometer nördlich von Bagdad gelegene Stadt Mossul ist neben dem syrischen Al-Rakka eine der Hochburgen der Terrormiliz.

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