Türkischer Geheimdienst: „IS-Terror in der Türkei außer Kontrolle“

Der türkische Geheimdienst hat der Regierung ein Lagebericht über den IS vorgelegt. Das Papier zeigt, wie unkontrollierbar die Terrororganisation auch in der Türkei ist. Viele Türken stellen sich die Frage, warum der Islamische Staat die Geiseln gerade jetzt freigelassen hat.

Die Organisation nutzte bislang trotz diverser Versuche, die türkische Grenze zu sichern, die türkische Infrastruktur massiv. Das türkische Grenzland wurde zum Rekrutierungsort für neue Kämpfer. Weiterhin sollen Krankenhäuser zur medizinischen Versorgung von IS-Kämpfern missbraucht worden. Aus dem Bericht geht auch hervor, dass die IS wohl auch Waffendepots auf türkischem Boden errichtet hat. Unklar bleiben auch die Umstände, unter denen die türkischen Geiseln ihre Freiheit wieder erlangt haben.

Türkischer Geheimdienst warnt vor IS

Laut dem Bericht, den die Bild zitiert, soll die IS mittlerweile verstärkt um Angehörige in der Türkei werben. Das geschehe wohl auch auf offener Straße, so der Focus. So soll die Organisation nicht nur ganz offen Spenden sammeln, sondern auch Krankenhäuser nutzen, um Verletzte zu versorgen. Für Aufsehen sorgte ein Vorfall im Juni, als ein Mann von IS-Sympathisanten umgebracht wurde, weil dieser sie auf offener Straße beschimpft haben soll.

Auch die scheinbar geschlossene Grenze bereite dem Geheimdienst scheinbar zunehmend Sorgen. So seien Grenzbeamte wohl korrupt und würden bei Kontrollen weniger genau hinschauen. Der Focus zitiert unter Berufung auf die Bild: „Der ISIS ist sehr stark geworden und wir haben ihn nicht mehr unter Kontrolle.“

Dabei ist die prekäre Lage an der türkischen Grenze nicht unbekannt. Bevor die türkische Regierung in den vergangenen Tagen die Grenze schloss, für Flüchtlinge öffnete und wegen des Ansturms wieder schloss, war die Anwesenheit syrischer Kampfgruppen im türkischen Hinterland ein offenes Geheimnis (mehr hier).

Auf internationalen Druck hat die türkische Regierung nun begonnen, die Grenzen stärker zu bewachen. Nachdem Regierungen aus Europa und die USA jahrelang auf die Türkei einwirkten, ihre Grenzen endlich zu schließen, tut sie dies nun jetzt endlich. Diese Kehrtwende muss man auch in Verbindung mit der Geiselnahme von 49 türkischen Staatsbürgern im Irak sehen, so Wallstreet Journal.

Türkei engagiert sich Syrien

Die Freie Syrische Armee sei schon zu Beginn des Konflikts in der Türkei beheimatet gewesen. Dass die Grenzkontrollen eher die Ausnahme gewesen sein müssen, bestätigen auch die Aussagen syrischer Kämpfer. „Nun werden uns Fragen gestellt und unsere Rucksäcke werden überprüft. Das wäre letztes Jahr nicht passiert“, sagt der frühere FSA-Kämpfer Mohammed Al-Ahmad zum WSJ. Die offenen Grenzen sollten es auch radikalen Gruppen einfach gemacht haben, sich über die Türkei zu versorgen.

Auch wenn die Regierung in Ankara diese Vorfälle dementiert, ist es ein offenes Geheimnis, dass gemäßigte syrische Rebellen das türkische Grenzland als Rückzugsort für ihre Operationen nutzen. Die Öffnung der Grenzen bot der türkischen Regierung eine Rolle in dem Konflikt einzunehmen, ohne sich an Kriegshandlungen selbst zu beteiligen, so Bloomberg. So konnte man Rebellen bewaffnen und ausbilden, ohne in Verbindung mit den Gefechten in Syrien zu stehen. Die Türkei unterstützte so den Aufstand gegen Assad ohne sich Gedanken zu machen, was an ihrer Grenze passiert und ohne sich darüber zu informieren, was mit den ausgegebenen Waffen passierte, bestätigte der frühere türkische Diplomat Sinan Ulgen dem Blatt.

Geiselbefreiung wirft Fragen auf

Die 49 Geiseln aus dem türkischen Konsulat in Mossul sind einem Bericht der Zeitung Hürriyet zufolge durch einen Austausch von Gefangenen mit der Terrormiliz IS freigekommen. Hürriyet berichtete am Dienstag unter Berufung auf eine ungenannte Quelle, die syrische Rebellengruppe Liwa al-Tauhid habe im Gegenzug 50 Angehörige des Islamischen Staates freigelassen. Darunter sei neben Kämpfern auch die Familie eines im Februar im syrischen Aleppo getöteten IS-Kommandeurs namens Hadschi Bakr gewesen.
Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan hatte nach der Freilassung der Geiseln betont, es sei kein Lösegeld geflossen so die dpa. Der Zeitpunkt des Austauschs, kurz vor der geplanten militärischen Intervention, war besonders für türkische Medien schwer nachvollziehbar. Die Terrororganisation hatte so dem einzigen NATO-Land in der Region ihr wichtigstes Faustpfand preisgegeben.

Ein weiterer Grund könne in der veränderten Situation im Nordirak liegen. Dort sollen die ersten Luftschläge, die von der USA im Alleingang geflogen wurden, die IS in Mossul zum Rückzug gezwungen haben. Mosul sei nach dem Bombardement von den anderen Kommandozentralen der IS weitestgehend abgeschnitten gewesen, so Al Monitor. Aus diesem Grund habe sich der IS aus der Stadt zurückgezogen, um ein weniger großes Ziel darzustellen. Mit der Türkei befreundete sunnitische Stämme hätten dort wieder die Macht übernommen und seien zu einem Austausch bereit gewesen.

Die IS hat ein Imageproblem

Trotz des beständigen Zulaufs habe die Terrormiliz ein wachsendes Imageproblem, so Al Monitor. Die zahlreichen Gewalttaten, Vergewaltigungen und Massenhinrichtungen hätten den Hass, auch der sunnitischen Welt, gegen die Terroristen geschürt. Die Enthauptung der Journalisten James Foley, Steven Sotloff und David Haines habe das Fass zum Überlaufen gebracht und zwinge den IS dazu Symapthien zurückzugewinnen, so die Nachrichtenagentur.

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