Muslim Raed Saleh hat gute Chancen Nachfolger des Berliner Bürgermeisters Wowereit zu werden

Der Berliner SPD-Fraktionsvorsitzende Raed Saleh hat Ambitionen, das Amt von Berlins scheidendem Bürgermeister Klaus Wowereit zu übernehmen. Anhänger des 37-Jährigen sind überzeugt, dass Berlin bereit für einen muslimischen Bürgermeister sei. Doch seine palästinensische Herkunft spielt für den Politiker selbst offenbar keine Rolle.

Im Dezember tritt Klaus Wowereit vom Amt des Regierenden Bürgermeisters von Berlin zurück. 15 Jahre war er Stadtoberhaupt. Jetzt will ihn ein Mann aus Sebastia, im Westjordanland, beerben. Doch kann er die Stadt und seine Bevölkerung als Ganzes repräsentieren? Oder steht er nur für eine Minderheit? Für den Politiker selbst spielt seine Herkunft eher eine untergeordnete Rolle. Ihm geht es um Berlin in seiner Gesamtheit. Er will neue Aufstiegsgeschichten. Er selbst wäre mit einem Wahlsieg der erste Ministerpräsident mit Wurzeln in einem anderen Land.

Obschon in der Ferne geboren, ist Saleh in der Hauptstadt verwurzelt. „Deutschland ist meine Heimat, Berlin ist meine Heimat und mein Lebensmittelpunkt“, zitiert ihn der Deutschlandfunk. Durchaus würde sich der Muslim als religiösen Menschen bezeichnen, allerdings säkular und eben nicht streng. Und genau das sei auch der Grund, warum er das hiesige Wertesystem so schätze. „Egal ob Jude, Christ, Moslem – wichtig ist, dass es ein Miteinander gibt.“

Anfeindungen aus dem rechten Spektrum ignoriert Saleh. Er sei ein deutscher Sozialdemokrat, der zufällig Einwanderer sei. Seine Unterstützer sehen jedoch genau darin seinen Vorteil. Sie glauben, Berlin sei nach dem Outing Wowereits nun auch bereit für einen Zuwanderer als Bürgermeister, dessen Muttersprache Arabisch sei. Immerhin, das Interesse für die Nachbarn vor der eigenen Haustüre wächst. So lernen in der deutschen Hauptstadt immer mehr Deutsche die türkische Sprache. Die Berliner Sprachkurse können die Nachfrage nicht mehr decken (mehr hier).

Beim Mitgliedervotum der Berliner SPD tritt der Sohn eines palästinensischen Gastarbeiters gegen seine Mitbewerber Jan Stöß und Michael Müller an. „Die Berliner SPD hat die Wahl – nicht nur zwischen drei Kandidaten für das Amt des Regierenden Bürgermeisters, sondern auch zwischen unterschiedlichen politischen Schwerpunkten“, so der zweifache Familienvater Saleh auf seiner Internetseite. In einem Essay im Tagesspiegel hat er am vergangenen Wochenende noch einmal seinen Standpunkt deutlich gemacht. Er schreibt: „Vielleicht hatte sich Berlin mit seiner Liberalität etwas verirrt. Statt zu guter Nachbarschaft führt Toleranz heute leider oft zu Gleichgültigkeit. Wegschauen und Vereinfachen lösen aber keine Probleme. Ignoranz mündet letztlich in Ausgrenzung.“ Eine Politik für ganz Berlin zu machen heiße seiner Meinung nach aber, nach dem Gemeinsamen zu suchen. In der Stadtpolitik müsse wieder öfter nach echten Lösungen gesucht werden, anstatt Probleme zu ignorieren.

Allen Menschen müsse der soziale Aufstieg garantiert werden, so eine seiner Prioritäten. Er selbst möchte diesen rasant: „Vom palästinensischen Zeitungsausträger zum Regierenden Bürgermeister“, wie der Deutschlandfunk beschreibt. Berlin sei eine Stadt, in der viele Menschen lebten, eine immer bunter und komplizierter werdende Stadt. „Ich finde, man muss ein Miteinander schaffen mit klaren Regeln. Berlin braucht kein Larifari“, so Saleh im Interview mit n-tv. Es brauche neue Impulse, neue Aufstiegsgeschichten. Immerhin: Rund eine dreiviertel Million Selbstständige mit ausländischen Wurzeln schaffen heute etwa 2,2 Millionen Arbeitsplätze in Deutschland. Dabei erzielt jedes vierte Migranten-Unternehmen den Umsatz mit wissensintensiver und moderner Leistung – etwa als Ingenieur, Architekt, Dolmetscher, Kultur- oder Medienschaffender (mehr hier).

Deutsche haben jedoch nach wie vor Vorurteile gegenüber ethnischen und kulturellen Minderheiten: 18 Prozent fühlen sich durch die Zahl der Muslime in Deutschland „wie ein Fremder im eigenen Land“. 19 Prozent glauben, Juden versuchten aus der Vergangenheit des Dritten Reiches heute Vorteile zu ziehen (mehr hier). Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Staatsministerin Aydan Özoguz (SPD), erklärte dazu, es sorge sie, dass viele Befragte ihre persönliche Integrationsbereitschaft und Toleranz überschätzten. Wenn es darum gehe, konkrete Integrationsanstrengungen zu unternehmen, werde die Verantwortung dafür mehrheitlich den Einwanderern zugeschrieben.

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